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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 10.06.2009

Ché Guevara - der Revolutionär als Ikone

Von Jochen Staadt

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Ernesto "Che" Guevara 1962 (AP Archiv)
Ernesto "Che" Guevara 1962 (AP Archiv)

Im vergangenen Jahrhundert verfielen zuerst die russischen Kommunisten auf die Idee, ihre toten Führer auszustopfen, einzubalsamieren und in Glaskästen zur Schau zu stellen. Jeder sollte sehen können, dass die großen Weltveränderer Lenin und Stalin zwar tot, aber zugleich mit ihrem Körper und ihrem Geist auf immer unter den Menschen blieben. Noch heute pilgern in Moskau und Peking gläubige Kommunisten und ungläubige Touristen an Lenin und Mao vorbei und machen sich ihren Reim auf die Geschichte und das Wirken dieser Männer - Erlöser oder Massenmörder, je nach dem. Stalin wurde in Moskau nach Chruschtschows Teilenthüllungen über seine Verbrechen entsorgt.

Einer, der noch nach diesem Akt der offiziellen Entzauberung an Stalins Grab pilgerte, wird dieser Tage für ein breites Publikum wieder zur Auferstehung gebracht: Ché Guevara. Gesalbt und gepudert taucht die Pop-Ikone der Weltrevolution nun zum wiederholten Mal als strahlender Held aus der dunklen Geschichte der kommunistischen Weltbewegung auf, um sein Publikum an die Kinokassen zu locken. Vier Stunden dauert das Epos, bestehend aus zwei verfilmten Tagebüchern Ché Guevaras, die der Regisseur Steven Soderbergh gemeinsam mit seinem Hauptdarsteller Benicio del Toro im Stile des modernen Hollywood-Kinos hergerichtet hat. Das filmische Ché-Vergnügen hat viele Millionen Dollar gekostet und es wird sicher im Ché-verliebten Europa sein Geld einspielen. Chés Befreiungsobjekte, die immer noch Armen in Afrika und in den Bergen Boliviens, werden davon nichts haben. Für sie wird kaum ein Brosamen vom großen Ché-Roulette abfallen.

In den Vereinigten Staaten war das Revolutions-Epos, das nun in die deutschen Kinos kommt, wenig erfolgreich. Dort hält sich die Ché-Begeisterung nicht zuletzt wegen der vielen Exilkubaner in Grenzen. Viele von ihnen kamen unter Lebensgefahr als Bootsflüchtlinge ins Land. Sie haben die Konsequenzen des politischen Wirkens von Ché Guevara am eigenen Leib zu spüren bekommen. Solche Erfahrung können auch die besten Schminkkünstler Hollywoods nicht vergessen machen.

Die Popikone Ché, der "Jesus Christus mit der Knarre" – wie Wolf Biermann einmal in seinem Lied vom Comandante Ché Guevara sang – hat bis heute alle Niedergänge der sozialistischen Welt überstanden. Seit ihn sein todgeweihtes Guerilla-Abenteuer in den Bergen Boliviens 1967 ans Ende seiner Träume gebracht hat, ist Ché in immer neuen Wellen zur Kultfigur aller möglichen Bewegungen geworden. Auch der durchgeknallte Chef der palästinensischen Luftpiraten trug ein Ché-Guevara-Shirt, als er mit seinem Kommando 1977 die Lufthansamaschine "Landshut" kaperte, um Andreas Baader und andere RAF-Killer aus dem Gefängnis von Stammheim freizupressen. Der Flugkapitän starb vor aller Augen durch einen Kopfschuss dieses Terroristen.

Auch sein Vorbild Ché Guevara pflegte Abweichler aus den eigenen Reihen durch Kopfschuss hinzurichten. Doch das stört seine treue Fangemeinde nicht und auch nicht die Unzahl jener Gedankenlosen, die noch immer mit seinem Konterfei auf der Brust durch die Gegend laufen. Unmittelbar nach dem Sieg der kubanischen Revolution war Ché Guevara für den Aufbau des Gefängnissystems auf der karibischen Insel verantwortlich. Es wäre doch eigentlich nicht schlecht, wenn an den Kinokassen nach der Aufführung des neuen Ché-Epos eine Unterschriftensammlung stattfände unter dem Motto: Freiheit für alle politischen Gefangenen in Kuba.


Jochen Staadt, Politikwissenschaftler, Publizist. 1950 in Bad Kreuznach geboren, lebt seit 1968 in Berlin. Nach dem Studium der Germanistik und Politischen Wissenschaft an der Freien Universität promovierte er mit einer Arbeit über DDR-Literatur. Veröffentlichungen zur Geschichte der deutschen und internationalen Studenten- und Jugendbewegung der 60er Jahre, zur DDR- und SED-Geschichte, zu Spionage in Ost und West sowie zur Beziehungsgeschichte zwischen beiden deutschen Staaten. Staadt ist Projektleiter beim Forschungsverbund SED-Staat an der FU und Autor der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Jüngste Veröffentlichung: "Die Zusammenarbeit zwischen dem MfS der DDR und dem kubanischen MININT."

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