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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 16.04.2015

Chauvet-Grotte in FrankreichDie Geburtsstätte der Kunst in der Ardèche

Von Bettina Kaps

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Höhlenzeichnungen in der Nachbildung der Chauvet-Grotte, die bis zu 36.000 Jahre alte Tierbilder beherbergt und 1994 von dem Archäologen Jean-Marie Chauvet entdeckt wurde. (picture alliance / dpa / Bonniere Pascal)
Höhlenzeichnungen in der Nachbildung der Chauvet-Grotte (picture alliance / dpa / Bonniere Pascal)

Hyänen, Mammuts, Wildpferde: Vor rund 20 Jahren entdeckten Höhlenforscher Felsmalereien in der Schlucht der Ardèche. Die Tierdarstellungen übertrafen alles, was zuvor in Europa aus dieser Zeit gefunden wurde – und warfen gängige Kunsttheorien über den Haufen.

Die Ardèche-Schlucht im Südosten Frankreichs: 35 Kilometer lang frisst sich der Wildfluss durch die Hochebene. Gemächlich fließt er auch unter der natürlichen Felsbrücke des Pont d´Arc hindurch. Der klobige Steinbogen ähnelt einem Mammut. Zu beiden Seiten steigt das Flussufer steil an. Dort, in einem der Felshänge, liegt die berühmte Chauvet-Grotte mit Höhlenbildern aus der Steinzeit, die älter und prächtiger sind als alles, was man in Europa kennt. Damals sah der Felshang noch anders aus, sagt Dominique Baffier. Die Archäologin gehört zum Wissenschaftsteam, das die Höhle erforscht:

"In der Steinzeit öffnete sich die Höhle zu einer riesigen Vorhalle, die 18 Meter breit und gut zehn Meter hoch war. Vom Fluss aus schien es damals, als habe der Felsen ein Maul. Die Höhle und der Pont d´Arc waren für die Menschen der Steinzeit wichtige Orientierungspunkte. Die Felsbrücke war außerdem ein Knotenpunkt, weil sie Menschen und Tieren ermöglichte, den Fluss bequem zu überqueren. Die Höhle war von weitem sichtbar. Heute ist sie unsichtbar."

Die Eingänge vom Steinschlag verschüttet

Das liegt am Steinschlag. Der schmale Trampelpfad zur Höhle hinauf führt an großen Felsbrocken vorbei – Reste der Vorhöhle, die in drei Etappen vom Berg herab gestürzt ist. Geomorphologen haben ermittelt, dass sich der letzte Abbruch vor 22.000 Jahren ereignete. Seither sind die ehemaligen Eingänge der Höhle verschüttet, sagt Dominique Baffier:

"Menschen und Tiere konnten die Höhle nicht mehr betreten. Außerdem war sie vor klimatischen Schwankungen geschützt. Ihre Tropfsteine, ihr Boden und ihre Wandmalereien – nichts wurde beschädigt. Sie ist außergewöhnlich gut erhalten, es kommt einem Wunder gleich."

Dass die Höhle überhaupt entdeckt wurde, ist einem Team privater Höhlenforscher aus der Ardèche zu verdanken: Vor 20 Jahren verbrachten Jean-Marie Chauvet, Eliette Brunel und Christian Hillaire ihr Wochenende wieder einmal in den ocker und grau schattierten Kalkfelsen oberhalb des Pont d´Arc, um ihrem Hobby nachzugehen. Es war Winter. Die Sonne schien, während sie durch Geröll und Gestrüpp krochen, erinnert sich Christian Hillaire, der heuteals Techniker für die Atomindustrie arbeitet:

"Ein Luftzug hatte uns verleitet, noch einmal zu dieser Felsnische zurückzukehren. Wir kannten den Hauch schon seit zehn Jahren, andere Höhlenforscher kannten ihn auch. Sie hatten bestimmt dasselbe gesehen wie wir, sind der Sache aber nicht nachgegangen. Es war Jean-Marie Chauvet, der darauf bestanden hat, an dieser Stelle zu graben. Deshalb haben wir die Höhle nach ihm benannt. Die Entdeckung war für uns ein unglaubliches Erlebnis, daran werden wir uns ein Leben lang erinnern."

Zentimeterarbeit mit Hammer und Meißel

Die drei schafften Felsblöcke beiseite, bahnten mit Hammer und Meißel Zentimeter um Zentimeter eine enge Passage, krochen Kopf voran und leicht bergab einen natürlichen Tunnel entlang und robbten dann sieben Meter bäuchlings durch eine Engstelle, ohne zu wissen, ob die Mühe lohnt. Am 18. Dezember 1994 aber wurden Hillaire und seine Freunde überreich belohnt: Sie landeten in einer riesengroßen Tropfsteinhöhle, ausgeschmückt mit Hunderten von Felsmalereien. Dem stämmigen Mann mit dem strubbeligen Schnurrbart huscht ein verklärtes Lächeln übers Gesicht:

"Wenn man so etwas Wunderbares entdeckt, will man es beschützen. Ich erinnere mich genau: Auf dem Höhlenboden wechseln kristallisierte trittfeste Zonen mit weicher Tonerde ab. Wir haben gleich die Schuhe ausgezogen und sind in Strümpfen weitergelaufen. Die Höhle ist umwerfend schön: nicht nur die Felsmalereien, auch die Tropfsteine. Sie hat wunderbare Farben, überall sind Kristalle, es glänzt und glitzert, außerdem ist sie riesengroß, das macht sie noch schöner."

Eliette Brunel hatte ein paar Plastikplanen im Keller. Beim zweiten Besuch am folgenden Wochenende rollten die drei Höhlenforscher vor jedem Schritt Schutzfolien aus. Heute führt ein schmaler Metallsteg durch die Grotte, er folgt exakt dem Pfad, den die Erstbegeher damals nahmen.

"Wir haben sofort begriffen, dass die Malereien älter waren als alles, was zumindest hier in der Ardèche entdeckt worden war. Da waren vor allem die roten Wollnashörner. In den anderen Grotten sind keine Rhinozerosse zu sehen, sie waren wahrscheinlich schon ausgestorben, als die Zeichnungen dort entstanden sind. Zum Glück haben die Menschen hier mit Holzkohle gemalt – deshalb war die direkte Datierung mit der Radiokarbonmethode möglich."

Felsmalereien der frühesten Steinzeitkultur

Die Vorfahren der heutigen Europäer waren vor ungefähr 40.000 Jahren aus Afrika und dem Nahen Osten eingewandert. Die kalibrierte C-14-Datierung der Felsmalereien in der Chauvet-Höhle ergibt ein Alter von 36.000 Jahren. Sie stammen somit aus dem Aurignacien – der frühesten archäologisch gesicherten Steinzeitkultur in Europa.

Vor der Entdeckung der Chauvet-Höhle waren in Europa vor allem die Felsmalereien im spanischen Altamira berühmt und in Lascaux, ein Ort in der Dordogne. Die Höhle von Lascaux in der Dordogne wurde 1940 entdeckt. In Altamira und Lascaux ist die direkte Datierung nicht möglich, weil keine organischen Substanzen vorhanden sind. Fachleute schätzen das Alter der Malereien in den beiden Höhlen aber auf 18.000 Jahre.

Dominique Baffier hat früher in der Höhle von Lascaux geforscht. Die Chauvet-Höhle im Felshang über uns sei nicht nur doppelt so alt, sagt die Wissenschaftlerin. Sie sei auch viel prächtiger ausgestaltet: Höhlenbären, Höhlenlöwen, Hyänen, Mammuts, Wollnashörner, Riesenhirsche, Bisons, Wildpferde – ein wahres Bestiarium bevölkert die Wände. 420 Zeichnungen und Ritzbilder erzählen, welche Tiere unsere Vorfahren gekannt haben.

"Die Gemälde setzen eine präzise Beobachtung der Tiere voraus. Die Maler haben ihr Verhalten studiert. Das sehe ich hier zum ersten Mal. In der Höhlenkunst sind die Tiere sonst fast immer sehr statisch abgebildet, hier wirken sie extrem lebendig: Ein Rudel Löwen jagt Bisons. Zwei Rhinozerosse bekämpfen sich, ein Löwe macht einem Löwenweibchen den Hof. Das ist einmalig. Außergewöhnlich ist auch, dass hier so viele gefährliche Tiere zu sehen sind."

Arbeit mithilfe eines 3-D-Modells

Wenn Dominique Baffier nicht in die Höhle hinabsteigt, arbeitet sie mithilfe eines 3-D-Modells der Höhle am Computer. Sie beschreibt eine Abbildung mit vier Pferdeköpfen und erklärt die Zeichentechnik: Die Künstler haben die Felswände vorbereitet und dünne Kalkschichten abgekratzt, dann die Konturen mit Kohle gezeichnet und die Tierkörper mit Wischtechnik plastischer gemacht. Schwarze Kohle, weißer Kalkstein und rote Tonerde dienten ihnen als Farbpalette. Zum Schluss haben sie die Umrisse mit einem Feuerstein nachgeritzt, damit sich die Wildpferde vom Hintergrund abheben. Auf einer anderen Felswand ist ein Rhinozeros mit sieben Hörnern zu sehen, man spürt förmlich, wie es zustößt. Ein Bison mit acht Beinen erinnert an heutigeTrickfilmtechnik: Er scheint zu galoppieren.

Dominique Baffier forscht seit 17 Jahren in der Höhle, aber sie ist immer noch so begeistert wie am ersten Tag:

"Die Chauvet-Höhle hat alles über den Haufen geworfen, was wir vorher für sicher gehalten haben. Die Urgeschichtsforscher hatten ihre Theorien auf einem System aufgebaut, wonach die Kunst mit simplen Zeichen und Symbolen beginnt, unbeholfenen Tierzeichnungen, die man kaum erkennen kann. Doch dann  – aus heiterem Himmel – wird Chauvet entdeckt. Und siehe da: Die geradlinig ansteigende Entwicklungstheorie stimmt nicht. Von Anfang an ist alles da! Die Menschen vor 36.000 Jahren beherrschen die Malerei. Ihre Kunst ist perfekt. Aber jetzt stehen wir vor einem ernsten Problem: Wo liegt der Ursprung der Kunst?"

Berühmte Grotten wie die von Altamira und Lascaux konnten jahrelang besichtigt werden. In Lascaux wurde der Höhlenboden eigens abgegraben, um einen bequemeren Rundgang zu ermöglichen. Erforscht wurde der Boden dort aber nicht, jetzt ist es zu spät dafür. Die Besucherscharen mit ihren Ausdünstungen und ihrer Körperwärme haben in beiden Höhlen das Mikroklima verändert. Pilze und Bakterien haben die Felsmalereien angegriffen.

Zu ihrem Schutz für die Öffentlichkeit gesperrt

Die Chauvet-Höhle profitiert von diesen groben Fehlern der Vergangenheit: Sofort nach ihrer Entdeckung hat der französische Staat sie zum Kulturgut erklärt und für die Öffentlichkeit gesperrt. Selbst Wissenschaftler, die dort forschen dürfen, müssen strenge Regeln befolgen, sagt Marie Bardisa, Konservatorin der Chauvet-Höhle:

"Die Erhaltung hat Vorrang vor der Forschung. Ausgrabungen sind nicht erlaubt. Die Fundstücke dürfen nicht berührt werden. Wir haben nur mikroskopisch kleine Stichproben genehmigt. Deshalb wissen wir bis heute nicht, was der Boden der Höhle enthält. Wir verbieten uns vieles, weil wir hoffen, dass es in Zukunft neue Techniken geben wird, mit denen wir den Untergrund erforschen können, ohne ihn zu beschädigen."

Damit sich aber auch ein breites Publikum eine Vorstellung von diesem einzigartigen Kulturerbe machen kann, wird am 25. April eine Replik eröffnet, sie liegt drei Kilometer vom Original entfernt.

Die meisten Wandmalereien hat Gilles Tosello kopiert. Er ist Künstler und Prähistoriker zugleich, hat selbst in der Höhle geforscht. Vor einer Wand, auf der ein Löwenrudel Bisons und Nashörner jagt, erklärt er seine Technik:

"Selbstverständlich habe ich die Zeichnung exakt reproduziert. Aber ich habe auch bewusst schnell gearbeitet, weil die Höhlenkünstler schnell gearbeitet haben. Sie waren in einem künstlerischen Schaffensprozess, ich war in einem Prozess der Nachgestaltung. Ich habe den Strich also nicht in unzählige kleine Einheiten zergliedert, um auf den Millimeter genau zu sein, sondern die Kurve mit ihrer Energie und in ihrer Absicht wiedergegeben."

Eine exakte Nachbildung für die Besucher

Jean-Michel Geneste leitet das Wissenschaftsteam, das die Chauvet-Höhle erforscht. Er hat den Nachbau der Höhle in allen Einzelheiten wissenschaftlich überprüft:

"Wir haben multidisziplinär gearbeitet. Jeden Monat haben sich Geologen, Archäologen und die Techniker der beteiligten Firmen getroffen, um die Arbeit zu begutachten. Ich habe mich dabei auf Farben und Ritzbilder konzentriert. Wenn eine Kohlezeichnung nicht schwarz genug war oder eine Patina nicht stimmte, habe ich das bemängelt. Wir haben bis ins kleinste Detail geprüft, ob die Kopie exakt dem Original entspricht."

"La Caverne du Pont d´Arc", wie die Kunsthöhle genannt wird, ist die größte und vollständigste Replik einer Steinzeithöhle, die jemals verwirklicht wurde. Im vergangenen Sommer hat die UNESCO die Chauvet-Höhle zum Weltkulturerbe erklärt. Nouria Sanz, Leiterin der Archäologie-Abteilung im Weltkulturerbezentrum, ist auch von der Kopie begeistert:

"Diese Replik ist weit mehr als eine Imitation. Sie ist das Ergebnis wissenschaftlicher Forschungen und Erkenntnisse. Hier wird vorgeführt, wie man Höhlenmalerei konservieren muss. Für die UNESCO hat diese Kopie Vorbildcharakter. Sie kann Grundlage für ein System internationaler Zusammenarbeit werden und einen Domino-Effekt für die Erhaltung von Höhlenkunst auslösen."

Mehr zum Thema:

"Die Höhle der vergessenen Träume"
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 02.11.2011)

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