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Tonart | Beitrag vom 06.10.2020

Charly Hübner singt Schuberts "Winterreise"Punk trifft auf abendländische Liedkunst

Von Rainer Pöllmann

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Charly Hübner im Tonstudio bei der Aufnahme des Albums Mercy Seat - Winterreise. (Gerhard Kühne)
Charly Hübner bei der Aufnahme des Albums "Mercy Seat – Winterreise". (Gerhard Kühne)

Franz Schuberts "Winterreise" kombiniert mit Songs von Nick Cave. Diese ungewöhnliche Mischung haben der Schauspieler Charly Hübner und das Ensemble Resonanz auf die Bühne gebracht. Nun gibt es eine Studiofassung: sanfter und klanglich nuancierter.

Franz Schubert und Nick Cave. Die Winterreise, Gipfel der abendländischen Liedkunst, und die auf paradoxe Weise sensible Punk-Attitüde von Nick Cave. Wie geht das zusammen? Fantastisch!

"Es ging mir in der Begegnung zwischen Schubert und Cave die Frage durch den Kopf: Wie ist das, wenn du so eine Schuld in dir trägst?", erzählt Charly Hübner. "Und auf einmal legt man dieses Wort Schuld über diese Winterreise und staunt, was das mit diesen Texten und Liedern macht. Auf einmal kriegt das so eine andere psychologische Tiefenwirkung. Das war dann der erste Haken auf unserer Reise."

Schuberts Winterreise erzählt von der Einsamkeit, der Verlorenheit eines Menschen, seiner verlorenen Liebe, aber auch seiner Weltverlorenheit. Die Winterreise bildet die Grundlage für dieses Projekt. Den Rahmen aber bilden Songs von Nick Cave. Und plötzlich ändert sich auch die Perspektive auf Schubert.

Der Täter, der seine Liebste ermordet hat

Nicht mehr der Einsame, unschuldig Verlassene spricht da, sondern der Täter, der seine Liebste ermordet hat, das nicht wahrhaben will, hinausgeht in die Kälte des Winters und ganz langsam, sagt Hübner, "... kommt er immer weiter seinem Ich näher, das die Tat begangen hat. Und sich dann über so eine Parabel der eigenen Tat zu stellen, dafür ist der Cave zuständig, für die Vertikalen des Täters, und der Schubert ist zuständig für das horizontale Erzählen des Wanderns von der Flucht hin zur Selbsterkenntnis."

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Eine "Séance" wird das Ganze genannt, eine "Séance zwischen Franz Schubert und Nick Cave". Was im ersten Augenblick wie ein Verlegenheitstitel wirkt, wird durch die Interpretation beglaubigt. Eine Interpretation, die den Akzent auf das Innere, aber auch auf das Metaphysische legt.

"Séance fand ich einen theatralen Begriff dafür, dass man einen Transit macht", sagt Charly Hübner. "Dass man mit ‚Mercy Seat‘ beginnt, wie ein Prolog, dann rüber zur ‚Winterreise‘ geht, dass man dafür auch musikalische Töne findet, die mich in eine andere Sphäre heben. Es geht schon um die Geister der Schulbefragung, des Leidens. Das ist dann die Séance."

Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Die innere Entwicklung dieses Antihelden, die allmählich aufkeimende Erkenntnis seiner Schuld – das wird auch akustisch nachvollzogen. Der Komponist Tobias Schwencke hat den Brückenschlag zwischen Schubert und Cave und dann auch noch zu Gustav Mahler wunderbar hinbekommen. Am Anfang dominieren noch die klassischen Instrumente, das Streichquartett oder Quintett. Immer stärker werden dann aber die psychedelischen Anteile, die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit in der Seele dieses Protagonisten.

Charly Hübner ist ein erfolgreicher, viel bewunderter Schauspieler, er ist Regisseur, und er sagt von sich, er sei "singender Schauspieler". Aber er ist kein professioneller Sänger und schon gar kein Schubert-Sänger.

Hübner sagt dazu: "Die Hybris ist mir erst zum Schluss bewusst geworden. Weil wir es im Theater als Schauspieler ja oft erleben, dass man die Heiligen wie Shakespeare oder Schiller auch infrage stellt. Ich bin vom Theater gewohnt, dass man das aufreibt, weil man eine heutige Bezüglichkeit schaffen möchte. Und deshalb war ich da gar nicht angstvoll."

Die CD schafft ein anderes Hörerlebnis

Schon die Bühnenfassung von "Mercy Seat – Winterreise" hat sich im Laufe der Aufführungen verändert. Eine CD, im Studio aufgenommen, folgt aber ganz anderen Gesetzen.

"Im öffentlichen Raum, also im Konzertsaal, sieht man mich agieren", sagt Hübner, "man sieht die Musiker agieren, man hat viel zu gucken und zu hören, man ist gemeinsam in einem Raum, man erlebt, als Publikum ist man auch Gestalter. Das ist bei der CD was anderes. Man hat nur das zu Hörende. Die Kulisse, vor die wir das stellen, also sozusagen: Wie klingt die Null-Ebene? Bin ich in der Zelle, ist das in meinem Kopf, wie entwickelt sich die Musik?"

Die Unterschiede zwischen Live- und Studio-Version sind subtil – und doch substanziell. Der Grundgestus ist der gleiche: düster, ein Mann auf der Flucht vor sich selbst. Aber alles ist sanfter, weniger schroff, der Gesang kontrollierter, wenn man so will: "professioneller", aber auch zurückgenommener, weniger den Absturz riskierend als auf der Bühne. Das ist irgendwie schade. Andererseits ganz unvermeidlich.

Eigene Ästetik statt Abbild der Bühnenshow

Eine Studioproduktion folgt anderen Gesetzen. Und sie kann mit klanglichen Nuancen aufwarten, die live kaum möglich sind. Mal ist Charlie Hübners Stimme ganz nah und präsent, fast, als raune er einem was ins Ohr. Dann kommt er aus weiter Ferne. Und auch das Ensemble Resonanz ist mit großer Variabilität aufgenommen. Keine Abbildung der Bühnenshow ist da also zu hören, sondern eine ganz eigene Ästhetik, nahe am Hörspiel. Da steckt enorm viel Zeit und Mühe und Postproduktion drin. Aber die Mühe hat sich gelohnt. Und die gemeinsame Reise geht ja auch weiter, verrät Hübner:

"Mich wird das bis zum Ende meiner Tage nicht mehr loslassen. Wie so ein Diamant, man guckt von einer Seite rein, und dann kommen von der anderen Seite viele Strahlen raus."

Franz Schubert: Mercy Seat – Winterreise (Eine Seance zwischen Franz Schubert & Nick Cave.)
Resonanzraum Records, DDD, 2019

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