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Buchkritik | Beitrag vom 07.07.2020

Charlotte Wood: "Ein Wochenende"Geheimnisvolle beste Freundinnen

Von Edelgard Abenstein

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Buchcover von Charlottes Woods "Ein Wochenende" vor orangefarbenem Aquarellhintergrund. (Kein&Aber / Deutschlandradio)
Charlotte Wood hat bereits sechs Romane und zwei Sachbücher veröffentlicht. (Kein&Aber / Deutschlandradio)

Eine langjährige Freundschaft unter vier Frauen gerät in "Wochenende" von Charlotte Wood nach dem Tod einer von ihnen aus dem Lot. Die verbliebenen drei treffen sich für ein Wochenende im Sommerhaus der Verstorbenen und begegnen sich ganz neu.

Ein halbes Leben lang sind sie befreundet: Jude, Wendy, Adele. Eigentlich waren sie zu viert, Sylvie ist gestorben. Nun reisen sie an einem heißen Wochenende in deren altes Sommerhaus, um es auszuräumen, damit es verkauft werden kann.

Dort haben sie immer wieder gemeinsam Weihnachten gefeiert, Ferien gemacht, gelacht, sich auch mal gestritten und wieder versöhnt. Obwohl sie einander so vertraut sind wie kaum jemandem sonst, lernen sie sich in diesen zwei Tagen auf neue Weise kennen. Dabei beginnt alles wie gewohnt.

Hund ist jetzt der vierte im Bunde

Während Jude, einstmals stadtbekannte Chefin eines Szenerestaurants, die Aufgaben verteilt, die Küche auf den Kopf stellt und gewissenhaft die Konserven nach Verfallsdatum sortiert, büxen die anderen beiden aus: die Schauspielerin Adele stimmt sich auf dem Bett erstmal ein, nachdem sie kapriziös wie immer das schönste Zimmer des Hauses geentert hat. Und die Feministin Wendy, die in ihrem intellektuellen Leben ein bedeutendes Buch nach dem anderen schreibt, hält ihren altersschwachen Hund Finn davon ab, in jede Balkonecke zu pinkeln. Finn ist jetzt der vierte im Bunde, sehr zum Entsetzen von Jude und Adele.

Malaisen gnadenlos kommentiert

Es ist hochamüsant, wie Charlotte Wood die Schwächen, Vorlieben, Eigenschaften ihrer Figuren auseinandernimmt. Nicht nur, dass sie jede im Stillen die Malaisen der anderen gnadenlos kommentieren lässt. Wenn die zeitweise magersüchtige Jude sich über die Röllchen in Adeles straffem roten Badeanzug mokiert und Wendy, die sich vor Judes Strenge fürchtet, deren Großzügigkeit, mit der sie Geschenke verteilt, als kleinliche Attitüde entlarvt.

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Beständig die Perspektive wechselnd enthüllen sich ganz nebenbei peinlich bewahrte Geheimnisse. Adele, die seit einem Jahr kein Engagement mehr hat, leidet unter Existenzsorgen, zumal ihre Geliebte sie am Abfahrtstag vor die Tür gesetzt hat, was sie den Freundinnen verschweigt.

Bitteres Geheimnis wird enthüllt

Auch die energisch souveräne Jude spielt mit verdeckten Karten: Ihren extravaganten Lebensstil mit Designerwohnung und exquisiten Kleidern kann sie sich nur dank der Zuwendung ihres verheirateten, reichen Dauergeliebten leisten, dessen Existenz sie vor den Freundinnen verborgen hält. Und Wendy kommt trotz ihres messerscharfen Verstands nicht mit ihren erwachsenen Kindern zurecht. Das alles fliegt nach und nach auf, inklusive eines bis dahin von zweien gegenüber der dritten gut gehüteten, bitteren Geheimnisses am Ende, bevor alles in einen fröhlichen Showdown mündet.

Subtil gearbeitete Beobachtungen

Was für das Buch einnimmt, sind die subtil gearbeiteten Beobachtungen, die selbst aus einer Waschtasche die Eigenheiten ihrer Besitzerin herauslesen. Und es ist sein warmherziger Humor. Was eine alte Freundschaft ausmacht, schildert es einfühlsam: Man geht sich auf die Nerven, weil man sich kennt, aber man liebt sich doch, braucht und vertraut einander. Samt der Erkenntnis, dass es nicht die romantisch beschworene Gleichheit ist, von der die Freundschaft lebt. Es sind die Unterschiede.

Dass wir selbst die besten Freundinnen niemals ganz kennen und auch nicht wissen, wie wir selbst gesehen werden, ist das Rätsel, dem dieser Roman nachgeht - spannend, facettenreich, lebensklug.

Charlotte Wood, Ein Wochenende
Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek
Kein&Aber-Verlag, Zürich 2020
288 Seiten, 22 Euro

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