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Fazit | Beitrag vom 20.04.2021

Charlotte Van den Broeck: "Wagnisse"Essay über das Scheitern

Von Tobias Wenzel

Blick auf die Wiener Staatsoper von der Albertina Rampe aus Wien Austria. (Imago / Viennareport)
Die von Eduard van der Nüll entworfene Wiener Staatsoper gilt aus aus heutiger Sicht als ein Meisterwerk, damals wurde sie verspottet. Van der Nüll beging Suizid. (Imago / Viennareport)

Das Pannenbad in ihrer Heimatstadt Turnhout inspirierte Charlotte Van den Broeck zu ihrem Buch "Wagnisse. 13 tragische Bauwerke und ihre Schöpfer". Und das ist nicht nur ein Essay über gescheiterte Architekten, sondern über das Scheitern an sich.

"Sieht ziemlich abenteuerlich aus!": Aus gehöriger Entfernung, unter Bäumen eines Parks, betrachtet Charlotte Van den Broeck die Wasserrutsche, die an das Hallenbad ihrer belgischen Geburtsstadt Turnhout angebaut ist.

Ich bitte die Autorin, das Interview direkt am Gebäude zu führen, mit Blick auf die Schwimmer, die selbst in Coronazeiten ihre Bahnen ziehen. Van den Broeck geht unsicher voraus. Ich folge ihr mit meiner Mikrofonangel.

"Ich glaube, wir sind jetzt verdächtig. Denn man redet hier noch nicht gerne über die Geschichte des Schwimmbads. Und ich habe ein Buch darüber geschrieben. Und das hat viel Medieninteresse erwirkt. Also ich fühle mich jetzt, als ob ich ein bisschen eine Grenze überschreite. Aber wir können es versuchen."

Wenn Architekten versagen

Die 29 Jahre junge Autorin hat mit "Wagnisse" einen Essay über Architekten geschrieben, die von Rom bis New Jersey mit ihren Bauwerken gescheitert sind. Die Autorin fühlt sich nun als Persona non grata, weil sie das erste Kapitel dem Turnhouter Schwimmbad, einem langjährigen Pannenbad, gewidmet hat:

"Zwei Wochen vor ihrem sechzehnten Geburtstag verfängt sich Nathalie C. aus Retie mit ihrem langen Pferdeschwanz in der Filteranlage des Kinderbeckens. Heftig knallt ihr Hinterkopf gegen die Fliesenumrandung."

Während wir von draußen durch eine Glasfassade den schwimmenden Kindern im längst sanierten Bad zusehen, fixiert uns eine Bademeisterin. Van den Broeck fühlt sich ertappt und springt verängstigt beiseite. Wir gehen also zurück in den Park, obwohl wir dort vor dem aufziehenden Sturm weniger geschützt sind.

Scham über Planungsfehler

Für ihr Buch hat Van den Broeck 13 Bauwerke in Europa und den USA besucht. Einige Architekten begingen Suizid. Eduard van der Nüll etwa erhängte sich, weil die von ihm entworfene Wiener Staatsoper – aus heutiger Sicht ein Meisterwerk – damals verspottet wurde.

In anderen Fällen gibt es nur Selbstmordgerüchte. So zu Karl Pilhal, der die Rossauer Kaserne in Wien entworfen und nur vier Toiletten für 2400 Soldaten geplant hatte. Suizid aus Scham, sagt das Gerücht so selbstverständlich, als ob ein Architekt, der mit einem öffentlichen Bauwerk gescheitert ist, den Tod geradezu verdient hätte.  

Blick auf die Rossauer Kaserne oder Kronprinz-Rudolf-Kaserne, im Stil des Historismus, Wien. (imago / image broker / Karl F. Schöfmann)Nur vier Toiletten für 2400 Soldaten waren ursprünglich in der Rossauer Kaserne in Wien geplant. Was aus dem Architekten Karl Pilhal wurde, ist nicht überliefert. (imago / image broker / Karl F. Schöfmann)

"Das ist so eine Art von Vergeltungsmechanismus. Und die Geschichte wird über Generationen auf diese Weise weitererzählt und wird auch auf einer Ebene wahr. Denn wir wissen gar nicht mehr, wie Karl Pilhal, der Architekt dieser Kaserne, wirklich gestorben ist. Aber diese Geschichte ist viel kräftiger überliefert", sagt die Autorin.

Über das Scheitern und das Leben

In ihrer Jugend verbreitete Van den Broeck selbst unkritisch das Gerücht, der Architekt des Turnhouter Schwimmbads habe sich umgebracht, und zwar am Ort seines Scheiterns: im Keller des Bads. Denn das Gebäude war wohl gar nicht für den morastigen Boden der Gegend ausgelegt. Und so drang Grundwasser in den Technikraum unter dem Becken ein, was für die Schwimmer einen tödlichen Stromschlag hätte bedeuten können. 

Parkmitarbeiter in orangefarbener Kleidung werfen von Böen abgerissene Zweige in den Anhänger eines Traktors.

"Wann ist ein Versagen groß genug, um dafür zu sterben?", fragt die Autorin in "Wagnisse" und antwortet: nie. "Wagnisse" ist ein einfühlsamer und persönlicher Essay über das Scheitern und den Blick auf das eigene Leben. Auf das kommt Charlotte Van den Broeck immer wieder von den Architekten her assoziativ zurück.

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Das Buch ist persönlicher geworden, als von ihr geplant. Van den Broeck beschreibt sich als Perfektionistin, die so tut, als gäbe es für sie nur Vollendung oder Scheitern und nichts dazwischen, und die deshalb hart mit sich selbst ins Gericht geht.

Wenig Instinkt zum Überleben

Als Mädchen wäre sie im Schwimmbad fast ertrunken. Ein Mitschüler hatte ihr auf einem Schaumstofffloß eine Liebeserklärung gemacht und, erschrocken von seiner eigenen Courage, Charlotte ins Wasser gestoßen.

"Und ich war unter dem Floß eingeklemmt. Ich hatte gedacht: Ui, ich bin eingeklemmt, ich werde ersticken. Und wenn ich daran zurückdenke, ist es ein sehr klarer Gedanke, der eigentlich für mich davon zeugt, dass ich wenig Instinkt habe zum Überleben", erzählt Van den Broeck.

Es klingt ein wenig so, als müsste man sich nicht nur um das Leben von Architekten sorgen, sondern auch um das von Charlotte Van den Broeck. Aber die wirkt beruhigend lebens- und angriffslustig, als sie noch einmal, wenn auch aus sicherer Entfernung, das Turnhouter Hallenbad betrachtet: "Es ist ein ziemlich hässliches Gebäude, oder?", fragt sie.

Charlotte Van den Broeck: "Wagnisse. 13 tragische Bauwerke und ihre Schöpfer"
Übersetzt von Christiane Burkhardt
Rowohlt Buchverlag, 2021
352 Seiten, 26 Euro

(nho)

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