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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.01.2019

Charlotte Perkins Gilman: "Die gelbe Tapete"Der Zorn der eingesperrten Frau

Von Maike Albath

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Auf dem Titelbild des Buches ist eine Frau in einem grünen Kleid zu sehen, sie lehnt auf einer Bank vor einer gelben Tapete. (Dörlemann/AFLO, Imago)
Erschien erstmals 1892: Charlotte Perkins Gilmans Buch "Die gelbe Tapete" (Dörlemann/AFLO, Imago)

Mit ihrer Erzählung "Die gelbe Tapete" schrieb Charlotte Perkins Gilman 1892 einen Schlüsseltext des Feminismus. Das Werk sei noch heute ein Zeugnis weiblicher Ermächtigung, sagt unsere Kritikerin. Und das habe enorme soziale Sprengkraft.

Was passiert mit einer empfindsamen jungen Frau, die nach der Geburt ihres Kindes von ihrem Ehemann über Monate in ein Schlafzimmer verfrachtet wird mit der Anweisung, sich ruhig zu verhalten und jede Aufregung zu vermeiden? Sie tut das, was am nächsten liegt und starrt die Tapete an. Je länger sie sich in die geschwungenen Linien und Ornamente hineindenkt, desto beängstigender wirkt das Muster. Zweifellos sind es Pilzgewächse, glotzende Augen, baumelnde Köpfe oder womöglich Gitterstäbe!

Ein Schlüsseltext des Feminismus

Mit meisterhafter Suggestion vermittelt die Schriftstellerin, Sozialökonomin und führende Intellektuelle der amerikanischen Frauenbewegung Charlotte Perkins Gilman (1860-1935) in ihrer Erzählung "Die gelbe Tapete", wie sich ihre Heldin immer stärker in die eigenen Fantasien einspinnt und zum Opfer ihres Wahns wird, der zugleich Ausdruck einer tieferen Wahrheit ist – zur absoluten Passivität verdammt und jeglicher Autonomie beraubt, erkennt die junge Mutter, dass sie eine Gefangene ist. Der einzige Ausweg aus dieser Art von Gefängnis ist die Verrücktheit.

"Die gelbe Tapete", 1892 in der Zeitschrift New England Magazine erschienen, brachte der Verfasserin den Durchbruch. Heute wird die Erzählung im Schulunterricht behandelt und gilt außerdem als ein Schlüsseltext des Feminismus. Gilman verwendet Elemente des Schauerromans und erzeugt, ähnlich wie Edgar Allen Poe in seinen schillernden Horrorgeschichten, eine bedrängende klaustrophobische Atmosphäre. Sie lässt ihre Hauptfigur selbst das Wort ergreifen und ihren seelischen Zustand mit einem sachlichen Ton aus der Innenperspektive schildern.

Obwohl es der jungen Frau untersagt wird, schreibt sie Tagebuch. Schon bald plagen sie Schuldgefühle. Die Folge ist eine starke Ambivalenz, die das bürgerliche Familienidyll von Anfang an unterläuft. So rührend sei ihr Ehemann, betont sie immer wieder, als Arzt wisse er schließlich am besten, was gut für sie sei. Die Beteuerungen gewinnen nach und nach eine panische Note, bald tritt ihr Hass offen zu Tage.

Autobiografische Notizen

"Die gelbe Tapete" speist sich aus autobiografischen Erfahrungen. Charlotte Perkins Gilman, in erster Ehe mit dem Maler Charles Walter Stetson verheiratet, litt nach der Geburt ihrer Tochter unter einer postnatalen Depression. Völlige Ruhe und Schreibverbot lautete die Anweisung des Arztes. Erst als Gilman wieder zu arbeiten begann, besserte sich ihr Zustand.

Nach der Trennung von ihrem Mann und der Veröffentlichung ihrer Erzählung legte sie Essays vor, gab eine Zeitschrift heraus, entwarf mit Herland (1915) eine feministische Utopie, wurde Vortragsreisende, löste mehrfach mit ihrem Privatleben Skandale aus – ihre Tochter wuchs beim Vater auf –, und widersetzte sich immer wieder der moralischen und emotionalen Selbstdisziplinierung, die von Frauen damals gefordert wurde. Gilmans Kurzgeschichte, die erst im Zuge der Frauenbewegung in den Sechzigerjahren wiederentdeckt wurde, besaß eine enorme sozialkritische Sprengkraft und ist auch kulturgeschichtlich von Bedeutung. Vor allem aber ist "Die gelbe Tapete" ein Zeugnis weiblicher Selbstermächtigung.

Charlotte Perkins Gilman: "Die gelbe Tapete"
Aus dem Amerikanischen von Christian Detaux
Dörlemann, 2018
96 Seiten, 14 Euro

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