Charles Bradleys postumes Album "Black Velvet"

"Er war jemand, der die Menschen berührt hat"

Charles Bradley in einer Tagszene einer Gasse: Er steht an einem Zaun und blickt freundlich in die Kamera.
Erst mit 2011 gelang Soulsänger Charles Bradley der Durchbruch - im September 2017 ist er gestorben. © KishaBari/der promotor
Dirk Schneider im Gespräch mit Vivian Perkovic · 05.11.2018
Heute wäre der Soulsänger Charles Bradley 70 Jahre alt geworden. Gerade ist ein postumes Album des 2017 verstorbenen Künstlers erschienen. Musikjournalist Dirk Schneider hat Bradley persönlich kennengelernt - und auch in sein neues Album hineingehört.
Wer ihm den Beinamen "The Screaming Eagle Of Soul" gegeben hat, ist nicht ganz klar. Möglicherweise war es sein Label. Den amerikanischen Soulsänger Charles Bradley, der am heutigen 5. November 70 Jahre alt geworden wäre, mit einem Adler zu vergleichen, ist ein Bild, das auf den ersten Blick nicht so ganz zu passen scheint. Aber man kann diesen Beinamen wohl so verstehen, dass er sich, wenn er sang, tatsächlich manchmal mühelos in andere Gefilde aufzuschwingen schien.
Ansonsten fehlte Bradley aber das erhabene Selbstbewusstsein eines Adlers: Er hat die Welt eher von unten anschauen müssen als von oben. Der Soulsänger hat früh seinen Bruder verloren, ist ohne Eltern aufgewachsen, hat eine Zeitlang auf der Straße gelebt und sich dann als Koch in einer Kantine durchgeschlagen. Entdeckt wurde er vom New Norker Retro-Soul-Label Daptone - als Sänger in einer James-Brown-Tribute-Show.

Seine Karriere begann spät

Charles Bradley war schon 62 Jahre alt, als sein Debütalbum als Soulsänger erschien. Auf drei Alben insgesamt hat er es noch gebracht, bevor er im September 2017 viel zu früh an Magenkrebs verstarb. Sein heutiger Geburtstag ist auch ein Anlass, um über sein viertes Album zu sprechen, das am 9. November postum erscheint und "Black Velvet" heißt.
Wie viel Anteil an seinem späten Erfolg hat seine Kunst, und wie viel seine Geschichte? Frage an unseren Musikredakteur Dirk Schneider. Schneider sagt, dazu komme noch eine dritte Komponente, seine Persönlichkeit:
"Ich glaube, die hat den größten Anteil. Charles Bradley war kein ganz großer Sänger, aber er war jemand, der die Menschen berührt hat, nicht nur mit seiner Geschichte, sondern unbedingt auch mit seiner Stimme und seiner Ausstrahlung. Und man kann das auch alles nicht voneinander trennen. Was ich an Charles Bradley so besonders fand, war, dass man ihm seine Wunden und Verletzungen so deutlich angesehen hat, und dass er trotzdem so offen war, sich so offen gezeigt hat, und tatsächlich vor allem eine Botschaft hatte: die Liebe."

Beim Treffen verteilte er Umarmungen

Schneider hatte vor zwei Jahren, als Bradley zu Besuch beim Deutschlandfunk Kultur war, Gelegenheit, den Künstler von seiner liebenswerten Seite kennenzulernen - inklusive vieler Umarmungen, die er bei diesem Treffen verteilte.
War Charles Bradley in Europa erfolgreicher als in den USA? Genaue Zahlen gebe es dazu nicht, sagt Schneider. Aber: "Was doch etwas auffällig ist, ist, dass er auch in den USA vor allem weiße Fans hat, das kann man jedenfalls bei seinen Konzerten feststellen. Und das ist vielleicht auch ein bisschen die Krux bei Bradley und vielem, was vom Label Daptone kommt: Es hat manchmal ein bisschen eine folkloristische Anmutung."
Das Label werde von Weißen betrieben, die Menahan Street Band, die Hausband des Labels, die auch mit Bradley gearbeitet hat, sei weiß, und man müsse sich fragen, warum Bradley, der ja mit seiner Lebensgeschichte ein idealtypischer Vertreter eines Afroamerikaners sei, "nicht für ein afroamerikanisches Publikum interessanter ist."
Charles Bradley mit geschlossenen Augen in einer nächtlich-urban erleuchteten, unscharfen Umgebung.
Der Soulsänger Charles Bradley.© KishaBari/der promotor
Vermutlich liege es daran, dass Bradleys Musik und sein Auftreten, sein Kleiderstil, "hoffnungslos altmodisch" seien - und das komme offenbar bei einem weißen Publikum besser an als bei einem afroamerikanischen, das sich eher mit HipHop und im R’n’B identifiziere.

Wird "Black Velvet" dem Künstler gerecht?

"Black Velvet", der Name auch des neuen Albums, war der Künstlername, unter dem Charles Bradley als James-Brown-Imitator aufgetreten ist. Das Album versammelt Outtakes, Stücke, die es bei den früheren Aufnahmen nicht auf Alben geschafft haben, und da hört man natürlich gleich mal kritischer hin und möchte einen Grund finden, warum sie es nicht geschafft haben.
Dirk Schneider findet jedoch: "Die Single 'I Feel A Change' ist ohne Zweifel das Herzstück des Albums, und das ist wirklich Charles Bradley in Höchstform. Seine Stimme trägt das Stück, die Musik lässt ihr viel Raum."

"Dieses Album ist keineswegs peinlich"

Ist auch der Rest des Albums mehr als eine Resterampe? Es sei nicht das stärkste Bradley-Album, räumt Schneider ein: "Man hätte ihn vielleicht gut auch mit dieser Single ehren können zu seinem heutigen 70. Geburtstag. Aber Charles Bradley hat in seiner späten und sehr kurzen Karriere ja nur so wenige Songs veröffentlicht, dass auch ein nicht ganz so starkes Album postum durchaus seine Berechtigung hat."
Die meisten Stücke auf "Black Velvet" seien nicht so tief wie seine besten Songs. Schneider: "Und ich finde, dass er bei manchen Songs etwas schwach bei Stimme ist." Das klinge nicht sehr freundlich, "aber dieses Album ist jetzt auch keineswegs peinlich".
(mkn)
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