Charles Baudelaire und die Musik

    Abendharmonie

    56:16 Minuten
    Nachkoloriertes Männerporträt mit lichtem, grauen Haar und dunkelrot gebundener Schleife am Halsunterhalb eines weißen Kragens.
    Der französische Schriftsteller Charles Baudelaire © IMAGO / Costa / Leemage
    Von Richard Schroetter · 16.04.2021
    Der Dichter Charles Baudelaire (1821-1867) gehört zu den Leitfiguren der Moderne. Seine Gedichte aus dem Zyklus "Die Blumen des Bösen" wurden unzählige Male vertont: von Claude Debussy bis Karlheinz Stockhausen. Baudelaire selbst war ein großer Wagnerianer.
    Es ist heute schwer nachzuvollziehen, welch unglaubliches Echo Wagners Musik in Paris anno 1860/61 auslöste. Es war eine Umbruchszeit. Wagners neue Musik akkordierte das aufkommende Industriezeitalter, auch wenn in seinen Opern die Sänger in alten Ritterkostümen auftraten. Der deutsch-französische Krieg 1870/71 schien sich schon hier versteckt anzukündigen. Aber nicht nur der Krieg zwischen Ländern, Nationen, nein der Krieg zwischen Fortschritt und Tradition: Der Krieg ästhetischer Positionen.

    Baudelaire, der Wagner-Bewunderer

    Für Fortschritt und Moderne stand auch Baudelaire. Ein Jahr vor seiner ersten Begegnung mit dem Komponisten hörte er zum ersten Mal gleich mehrere Wagner-Konzerte und machte sich spontan in einem Brief Luft, der die Grundgedanken seiner späteren Tannhäuser-Schrift bereits vorwegnahm. Baudelaire selbst betonte, beim Anblick all der unwürdigen, lächerlichen Artikel über Wagner sei er errötet; er sei empört und wolle Wagner seine Dankbarkeit bezeugen und sich von all diesen Dummköpfen unterscheiden.
    Nachkoloriertes Foto des Komponisten von 1871 von Franz Hanfstaengl auf dem Richard Wagner eine rötliche Mütze und einen wertvollen, schweren Mantelumhang trägt.
    Richard Wagner polarisierte mit seiner Musik und seinen Schriften.© IMAGO / Leemage
    Wagner selbst hat in seinen Erinnerungen "Mein Leben" geschildert, wie Baudelaire auf ihn wirkte.

    Wagner, der Baudelaire-Bewunderer

    Mittwochs Abend trafen sich in Wagners Pariser Wohnung oft viele Künstler, darunter Camille Saint-Saëns und Charles Gounod, der Illustrator Gustave Doré, die Musiker Louis Lacombe, Ernest Reyer, Léon Kreutzer und der ungarische Pianist und Komponist Stephen Heller. In ihrer Art noch bedeutender, so Wagner, "war aber die Annäherung des Dichters Baudelaire an mich. Diese eröffnete sich durch einen Brief an mich, worin er mir seine Eindrücke von meiner Musik als auf einen Menschen, der durchaus nur Farben-, aber keinen Tonsinn gehabt zu haben glaubte, bewirkt hätte. Seine in der seltsamsten Phantastik mit bewusster Kühnheit sich bewegenden Auslassungen hierüber zeigten mir in ihm sofort im mindesten einen Menschen von sehr ungewöhnlichem Geiste, welcher mit ungestümer Energie den von mir empfangenen Eindrücken in ihren weitesten Konsequenzen folgte."

    Klingende Abendharmonie

    Baudelaires Verhältnis zu Franz Liszt ist ebenfalls interessant. Er las ihn, er hörte ihn. Er suchte seinen Kontakt. Er bewunderte Liszts vehementen Einsatz für Wagner und auch Liszts umfangreiche Schriften. Und wahrscheinlich hatte er auch von Liszt's 12 "Grandes Etudes" gehört. Das elfte Stück daraus trägt den Titel "Harmonies du soir", "Abendklänge" - ein frei flottierendes, atmosphärisches Stimmungsbild mit ekstatischen Steigerungen.
    "Harmonie du soir" heißt auch ein Gedicht aus Baudelaires Zyklus "Die Blumen des Bösen", der 1857 erschien und mit ebenso frei flottierenden Bildern spielt wie Liszts große Etüde.
    Nachkolorierte Fotografie des älteren Komponisten mit weißem, schulterlangem Haar.
    Franz Liszt wurde schließlich Schwiegervater von Richard Wagner, der seine Tochter Cosima heiratete.© IMAGO / Leemage
    Baudelaire wurde nicht alt. Er starb mit 46 Jahren im August 1867. Seine Gedichte wurden schon sehr bald Kult. Er selbst als freier, unangepasster, kompromissloser Künstler, der schlechthin für die Moderne steht, wurde zur Kult-Figur.

    Erste Vertonungen

    Zu den frühen Baudelaire-Vertonungen gehören zwei Lieder von Henri Duparc aus den Jahren 1870 und 1884. Sie stehen am Anfang und Ende einer kurzen von Selbstzweifeln bedrohten Komponistenkarriere, die sich 1885 schlagartig in Nichts auflöste. Henri Duparc stand noch im Bann der Musik von Richard Wagner genauso wie sein jüngerer Freund Claude Debussy.
    Auch Debussy schwärmte für eine Neue Musik, las intensiv Baudelaire und fühlte sich in seinen Zukunftsplänen angesprochen. Vielleicht hat ihn Baudelaires Tannhäuser-Aufsatz bestärkt, 1888 und 1889 Bayreuth aufzusuchen, wo er unter anderem den" Parsifal" hörte.

    Mit Liedkompositionen zum eigenen Stil

    In dieser Zeit vertonte Debussy fünf Baudelaire-Gedichte, die seinen neuen, unverkennbar eigenen Stil bereits evozieren. "La mort des amants" im Dezember 1887, "Le Balcon" 1888, "Harmonie du Soir" und "Le jet d'eau" im Jahr darauf. Einzig "Recueillement" ist nicht datiert.
    Debussy hat erstaunlicherweise nach diesen fünf Liedern keine weitere Lyrik von Baudelaire vertont, obwohl er den Dichter als Vorkämpfer der Avantgarde und ästhetischen Ideengeber überaus verehrte. Mallarmé, Verlaine und Maeterlinck sind nun seine Favoriten. Einmal jedoch greift er doch noch zu Baudelaire. Die vierte Nummer aus dem 1. Band der 12 Préludes für Klavier trägt als Überschrift eine Zeile aus Baudelaires Gedicht "Harmonie du soir", ein deutlicher Hinweis auf seine anhaltende Wertschätzung.
    Nachkolorierte Fotografie des Komponisten, der um 1908  mit vollem Haar und Vollbart der Kamera sein Profil zeigt.
    Claude Debussy schrieb noch ganz im Wagner-Euphorismus seine Lieder zu Texten von Charles Baudelaire.© IMAGO / Leemage
    Auch Alban Berg, neben Arnold Schönberg und Anton von Webern, der populärste Vertreter der 2. Wiener Schule, war - wie Debussy oder Ravel - seit seiner Jugend ein leidenschaftlicher Baudelaire-Leser. So wundert es nicht, dass er Baudelaire-Gedichte vertonte. Dabei handelt es sich keinesfalls um Nebenwerke. Die Rede ist von der "Lyrischen Suite" von 1926 und der "Weinarie", entstanden drei Jahre darauf.

    Bergs verstecktes Bekenntnis

    Eine brisante Liebesgeschichte ist hinter der "Lyrische Suite" und deren Entstehung verborgen. Der amerikanische Musikwissenschaftler George Perle machte in den 1970-er Jahren eine erstaunliche Entdeckung. Er fand Bergs persönliches Exemplar der gedruckten Taschenpartitur der "Lyrischen Suite", versehen mit zahlreichen aufschlussreichen Randnotizen des Komponisten.
    Baudelaires Gedicht "De profundis clamavi" spielt dabei als sensibler Datenträger und geheimer Subtext eine entscheidende Rolle. Er belegt endgültig Bergs geheime Liebe zu Hanna Fuchs, der Schwester des Dichters Franz Werfel. "Der enge Zusammenhang zwischen dem Streichquartett und Bergs Privatleben", so Perle, scheint damit gesichert.

    Berauscht Euch!

    Nach dem 2. Weltkrieg macht sich 1949 Rolf Liebermann mit einer Baudelaire-Vertonung bemerkbar. "Berauscht Euch!" heißt es demonstrativ in dieser Musik nach drei Gedichten von Baudelaire für Sprecher und großes Orchester.
    Ein Jahr später legt sich der junge Karlheinz Stockhausen mit einer kurzen Baudelaire-Vertonung ins Zeug.

    Aus einer weit entlegenen Welt

    Eine andere hochkarätige Baudelaire-Vertonung hat sich jedoch behauptet: das Konzert für Violoncello und Orchester "Tout un monde lointain…" von Henri Dutilleux, an dem der Komponist drei Jahre arbeitete und das er schließlich 1970 vollendete. Es ist dem russischen Cellisten Mstislaw Rostropowitsch gewidmet.
    Jeder der fünf Sätze hat ein Baudelaire-Gedicht zum Motto. Satz für Satz hören wir das auf Cello-Saiten übertragene Oszillogramm der Leseeindrücke des Komponisten. Es handelt sich, wie die titelgebenden Verse andeuten, um eine "weit entlegene ganze Welt, fast abgestorben, die im Inneren - einem Wald voller Aromen - weiterlebt", ähnlich der Musik, die über den Wellen schwebt.
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