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Tonart | Beitrag vom 09.06.2020

Chanson-Sängerin Barbara Stimme der deutsch-französischen Versöhung

Von Susanne von Schenck

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Besucher vor einem Foto der französischen Chanson Sängerin Barbara während einer Ausstellung in der Philharmonie in Paris. (imago images / IPON)
Schwarze Augen, schwarze Chansons: die Sängerin Barbara, hier gewürdigt in einer Ausstellung der Philharmonie in Paris. (imago images / IPON)

In Frankreich gehört sie mit Edith Piaf oder Juliette Greco zu den großen Chansoniers des 20. Jahrhunderts: Barbara, die eigentlich Monique Serf hieß. Mit ihrem Lied „Göttingen“ von 1964 feierte sie auch in Deutschland Erfolge. Heute wäre sie 90 geworden.

"Der Erfolg, ja. Da ist er jetzt, Barbara, der Erfolg. 15 Jahre hast du jetzt drauf gewartet. Und jetzt liegt dir Paris zu Füßen, Barbara, mit deinen schwarzen Augen und deinen kleinen schwarzen Chansons."

In seinem legendären "Pariser Journal" hatte der Autor und Filmemacher Georg Stefan Troller in den 1960er-Jahren die damals noch wenig bekannte Barbara porträtiert. Heute sagt der 98-Jährige:

"Was war es, das diese Chansons so unvergesslich machten? ‚À mourir pour mourir‘ oder ‚Mon histoire d’amour c’est toi‘ oder ‚Dis, quand reviendras tu?' – Sag, wann kommst du wieder. Das sind ja alles Dinge, die echte Gefühle widerspiegeln."

Am 9. Juni 1930 wird Monique Andrée Serf als zweites von vier Kindern einer jüdischen Familie in Paris geboren. Nach der geliebten russischen Großmutter Vavara nennt sie sich später Barbara, erzählt Bernard Merle, ehemaliger Präsident des Vereins "Les amis de Barbara", der auf den Spuren der Sängerin durch Paris führt.

"Hier stehen wir vor Barbaras Geburtshaus, 6 rue Brochant im 17. Arrondissement, zwei Schritte vom Square des Batignolles entfernt, wo sie mit ihrer Mutter spazieren ging als kleines Mädchen. Das sind ihre ersten Erinnerungen, diese Häuser, dieses Viertel, es hat sich nicht sehr verändert."

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Während des Zweiten Weltkriegs flieht die Familie Serf vor der deutschen Besatzungsmacht nach Südfrankreich und überlebt in einem Versteck, nachzulesen in Barbaras unvollendeten Erinnerungen.

Missbrauch und Suizidversuch

In diese Zeit fällt auch das, was Barbara später in Liedern wie "Amours incestueuses" oder "L’aigle noir" zu verarbeiten versucht: der Missbrauch durch ihren Vater. Zeit ihres Lebens arbeitet sie sich daran ab, 1974 unternimmt sie einen Suizidversuch.

Schon früh erhält Barbara Klavier- und Gesangsunterricht. Mit 20 Jahren geht sie nach Brüssel, jobbt, tingelt durch Clubs, hat gar kein Geld – es ist keine sehr glückliche Zeit. Bald kehrt sie zurück nach Paris und tritt in der Bar "L’Ecluse" auf – anfangs mit Coverversionen. Der Durchbruch gelingt ihr, als sie eigene Lieder singt. Bobigny, Olympia, Châtelet – ihre Konzerte vor ausverkauften Sälen sind unvergessen.

Sie besang ihr eigenes Leben

"Göttingen" ging als Plädoyer für die deutsch-französische Versöhnung in die Geschichte ein und wirkt bis heute nach.

Für die Franzosen lebt die 1997 verstorbene Barbara, die "dame brune", die sich für Aidskranke ebenso einsetzte wie für Gefangene – auch heute weiter – durch Filme, Theaterstücke, Ausstellungen und Coverversionen, zum Beispiel von ihrem Freund Gérard Depardieu. Oder von dem Pianisten  Alexandre Tharaud. Er veröffentlichte 2017, zu Barbaras 20. Todestag, ein Album – mit vielen Stars, die die Lieder der Frau interpretieren, die wie kaum eine zweite ihr eigenes Leben besang.

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