Seit 00:05 Uhr Klangkunst

Freitag, 22.11.2019
 
Seit 00:05 Uhr Klangkunst

Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 14.10.2010

Chance oder selbst verschuldetes Elend

Landkauf in Äthiopien

Von Antje Diekhans

Podcast abonnieren
Der äthiopische Regierungschef Meles Zenawi (AP)
Der äthiopische Regierungschef Meles Zenawi (AP)

Die Regierung in Addis Abeba hofft durch den Verkauf von Ackerland an ausländische Investoren auf Devisen und Arbeitsplätze. Dabei sind Millionen Menschen in Äthiopien nach wie vor auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen.

Es ist eine harte Arbeit: Für Elias Abraham und für seinen Ochsen. Bis zum Abend soll ein Großteil des Ackers umgegraben sein. Mensch und Tier können sich da nicht schonen: Elias treibt den Ochsen unbarmherzig an, der mal mehr, mal weniger widerwillig den Pflug durch den schwarzen Boden zieht.

Die Gegend hier in Äthiopien, etwa eine Stunde Autofahrt westlich der Hauptstadt Addis Abeba, ist grün. Sanfte Hügelketten. Kleine und große Äcker ziehen sich entlang der Straße, dazwischen ab und zu eine Blumenfarm. Elias bewirtschaftet Land für einen Privatmann. Rund 20 Hektar, auf denen vor allem Gemüse wächst.

"Ich bin vor sechs Monaten aus einer Region weiter südlich gekommen. Ich kenne mich aus mit der Landwirtschaft. Der Mann, dem die Äcker gehören, kümmert sich nicht darum. Er verdient durch uns. Seitdem ich da bin, haben wir Kohl, Spinat, Zwiebeln, Paprika und Radieschen gepflanzt."

Die Farm bietet zur Zeit etwa 30 Menschen einen Arbeitsplatz. Außer Elias sind hier vor allem Frauen beschäftigt.

Wir sind gerade mitten in der Zwiebel-Ernte, sagt eine von ihnen.

Das Gemüse geht nach Addis Abeba, um auf dem Markt verkauft zu werden. Vitamine für die heimische Bevölkerung. Zumindest vorerst noch. Denn vielleicht wird auch diese Farm bald aufgekauft. Elias hat das bei dem Klein-Betrieb erlebt, für den er früher arbeitete. Sein Chef gab das Land an einen ausländischen Investor ab. Und auch hier, auf diesem Acker, hat Elias schon Übernahme-Verhandlungen beobachtet:

"Zuletzt ist der Besitzer mit zwei Weißen gekommen. Ich glaube, es waren Amerikaner oder auch Europäer. Mit mir haben sie nicht gesprochen. Sie haben sich nur gemeinsam umgesehen. Hinterher wirkten sie ganz zufrieden."

In Äthiopien hat ein regelrechter Ausverkauf der Ackerflächen eingesetzt. Von überall her kommen die Investoren, um sich einen Teil der Felder zu sichern. Denn entgegen Äthiopiens Ruf als Hungerland sind die Böden hier sehr fruchtbar. Es wächst fast alles: Getreide, Reis, vielfältige Obst- und Gemüsesorten. Wer sich ein wenig in der Landwirtschaft auskennt, kann Rekordernten erzielen – wenn er die richtigen Maschinen einsetzt.

Er ist niegelnagelneu, sein Lack glänzt in der Sonne. Einen Acker hat dieser Traktor noch nicht befahren, doch das soll sich bald ändern. Vorerst steht er aber im Hinterhof von Sumit Aggarwal. Der junge Inder ist seit einigen Monaten in Äthiopien, um hier einen Großbetrieb aufzuziehen. Die Verhandlungen mit der Regierung laufen:

"Wir haben gefragt, ob wir zwei- oder auch dreitausend Hektar Land bekommen können. Aber bisher haben sie uns nur tausend Hektar gegeben – vielleicht ändert sich das noch. Darauf hoffen wir."

Die Farm soll damit mindestens hundertmal so groß sein, wie die, auf der Elias beschäftigt ist. Und sie wird nicht für den heimischen Markt produzieren.

"Wir werden nach Indien exportieren, und auch in einige europäische und arabische Länder. So sind unsere Pläne."

Andere indische Unternehmen haben sich schon lange in Äthiopien niedergelassen. Bekanntestes Beispiel ist der Konzern Karuturi, derzeit Weltmarktführer bei Blumen. Ein guter Teil der Millionen von Rosen, die in deutschen Supermärkten verkauft werden, wächst hier. Seit einiger Zeit ist Karuturi in das Export-Geschäft mit Reis, Zucker und Weizen eingestiegen. Jetzt sollen noch Anbauflächen für Biodiesel hinzukommen. Wie viel Land genau Karuturi inzwischen in Äthiopien beackert, ist schwer zu erfahren. Es heißt, es seien etwa 300.000 Hektar, vielleicht aber schon bald doppelt so viel.

Die Pläne von Sumit Aggarwal nehmen sich dagegen fast bescheiden aus. Er will zunächst mal damit beginnen, Sonnenblumen- und Palmöl zu produzieren. In der Heimat ließe sich das nicht machen.

"In Indien können wir so große Landflächen nicht bekommen. Indien ist dicht besiedelt – da sind nicht mal ein paar Hektar übrig. In Indien ist einfach kein Platz."

In Äthiopien dagegen herrscht zwar an vielem Mangel – nur Platz gibt es bisher noch ausreichend. In den 70er-Jahren hat die damals kommunistische Führung alles Land verstaatlicht. Die Millionen von Kleinbauern bekommen auch heute noch ihre Ackerflächen zugeteilt. Das Land ist nicht wirklich ihres – und kann ihnen deswegen auch wieder weggenommen werden. Weitere riesige Flächen werden noch gar nicht beackert. Die äthiopische Regierung verleast sie nun an ausländische Investoren – die Pachtverträge laufen über 40 bis 50 Jahre. Ein Geschäft, das sich nach Meinung von Präsident Meles Zenawi auszahlt – und das er gegen alle Kritiker verteidigt.

Eine Pressekonferenz in Addis Abeba. Vor allem Journalisten aus dem Ausland haben sich versammelt, um die Landkäufe zu hinterfragen. Viele sehen darin eine neue Form des Kolonialismus, einen zweiten "Scramble for Africa", wie der Wettlauf der Europäer um die Reichtümer des Kontinents im 19. Jahrhundert genannt wurde.

Diesmal geht es statt um Bodenschätze um den Boden an sich. Andere Staaten und private Investoren scheinen Afrika erneut unter sich aufzuteilen. Nach Angaben der Vereinten Nationen kauften oder pachteten sie in den vergangenen Jahren rund 20 Millionen Hektar Land auf dem Kontinent – und das ist eine eher konservative Schätzung. Es könnten auch schon 50 Millionen Hektar sein – halb so viel wie die gesamte Ackerfläche der Europäischen Union. Aber die genauen Zahlen der Land-Deals kennt niemand. Die meisten Verträge werden im Geheimen geschlossen. Dabei gibt es – so die offizielle Stellungnahme des äthiopischen Präsidenten - nichts zu vertuschen.

"Landnahme. Ich weiß nicht, was die Aufregung um dieses Thema soll. In der Politik der äthiopischen Regierung hat es keinen Richtungswechsel gegeben. Wenn es um landwirtschaftliche Entwicklung ging, haben wir immer vor allem auf die kleinen Farmer gesetzt. Das ist jetzt noch so. Aber das schließt andere Geschäfte nicht aus. Der Privatsektor spielt bei der Entwicklung eine äußerst wichtige Rolle."

80 Prozent der Äthiopier arbeiten in der Landwirtschaft. Sie sind kleine Farmer, die einen Hektar Land bestellen, und mit der Ernte versuchen, ihre Familie zu ernähren. Oft gelingt das nicht. Einer von sechs Menschen in dem ostafrikanischen Land ist auf Nahrungsmittelhilfen angewiesen. In Krisenjahren ist es schlimmer. Wenn zu wenig Regen fällt – oder wenn für die wichtigsten Lebensmittel plötzlich spürbar mehr gezahlt werden muss.

"Der Preis für Agrarprodukte, besonders für Getreide, war lange Zeit niedrig. Das ändert sich jetzt. Es wird angenommen, dass es sich um einen grundsätzlichen Wandel handelt – und dass sie jetzt für die nächsten Jahrzehnte sehr hoch bleiben werden."

Für Präsident Meles Zenawi ist das eher eine positive Nachricht als eine Hiobsbotschaft. Sie bedeutet für ihn: Das Interesse an den äthiopischen Ackerflächen wird noch zunehmen. Er sieht keinen Widerspruch darin, zum einen beim Welternährungsprogramm um Unterstützung zu bitten, zum anderen ausländische Investoren ins Land zu holen, die tonnenweise Lebensmittel abtransportieren.

"Wirft es ein schlechtes Licht auf Äthiopien, wenn wir Land, das für die kleinen Farmer nicht nutzbar ist, für die Produktion von Lebensmitteln bereitstellen? Ich finde, gerade wenn Menschen hungern, ist dieser Schritt sinnvoll. Wir haben zu wenig zu essen in Äthiopien – was wäre da besser, als mehr Nahrungsmittel zu produzieren?"

Die Regierung Zenawis duldet generell nur sehr selten Widerspruch – bei der Frage der Landkäufe gibt sie sich völlig kompromisslos. Der Preis, den die Ausländer als Pacht bezahlen müssen, ist nicht der Rede wert. Für den jungen Inder sind es umgerechnet etwa 10 Euro pro Hektar – im Jahr! Für den äthiopischen Präsidenten liegt der wahre Verdienst nicht in den Leasing-Summen:

"Das ist das, was die Regierung bekommt. Aber das ist nicht der größte Nutzen dieser privaten Investitionen in die Landwirtschaft. Hier werden Arbeitsplätze geschaffen. Und die Produktion wird angekurbelt."

Die wirtschaftliche Entwicklung ist das Hauptargument der Regierung für die Landnahme – Zuwachsraten von zuletzt rund zehn Prozent scheinen ihr Recht zu geben. Aber zumindest einige bleiben dabei in Äthiopien jetzt schon auf der Strecke.

Vor einer kleinen Hütte im Westen des Landes steht ein gebückter Mann. 58 Jahre zählt Gidi Megale – doch nach langen Jahren der Feldarbeit wirkt er eher älter. Der Farmer hat ein Leben lang geschuftet, um seine Frau und die acht Kinder zu ernähren. Jetzt, wo er es auf seine alten Tage langsamer angehen lassen wollte, steht er vor dem Aus.

"Mir ist nichts geblieben. Mein ganzes Land wurde mir von der Regierung genommen und diesem großen Farmer gegeben. Meine Kinder haben das Haus verlassen und versuchen anderswo Geld zu verdienen. In guten Zeiten hatte ich fünf Hektar Land. Wir konnten leben. Jetzt ist alles weg – ich kann nichts an meine Kinder weitergeben. Ich bin ein Niemand."

Gidi Megale lebt in der Region Äthiopiens, die inzwischen zum großen Teil in der Hand von Investoren aus Saudi-Arabien ist. Weil im eigenen Land nicht genug angebaut werden kann, um die Bevölkerung zu versorgen, hat König Abdullah die Losung ausgegeben: Auf nach Afrika! Die Saudis sicherten sich Äcker im Sudan und in Tansania, in Ägypten und Marokko. Doch ihr wichtigster Partner bei den Landgeschäften ist Äthiopien.

Als im vergangenen Jahr die erste große Reislieferung von hier ankam, setzte König Abullah eigens einen Pressetermin an. Triumphierend ließ er die Körner durch seine Finger rinnen - ein Signal an die eigene Bevölkerung, dass sie keinen Hunger fürchten muss. Egal, wie hoch die Preise auf dem Weltmarkt steigen – Saudi-Arabien kann sich selbst versorgen.

Farmer Gidi Megale wurde eine Entschädigung versprochen, weil er sein Land abgeben musste. Außerdem hieß es, die ganze Region würde durch die modernen Anbaumethoden der Saudis profitieren. Doch bis jetzt, sagt Gidi, hat er davon nichts gemerkt.

"Die Zeit verging, aber bisher hat sich niemand daran interessiert gezeigt, mit uns zu sprechen. Das einzige, was ich jetzt noch von der Regierung erbitte ist, dass sie mir zumindest wieder einen kleinen eigenen Acker zuteilt. Er muss nicht groß sein – ich will nur genug, um zu überleben."

Der Farmer ist bei der Landpolitik seiner Regierung einer der Verlierer. Wie vielen in Äthiopien es so geht wie ihm, kann wieder mal nur geschätzt werden. Einigen Tausenden, einigen Zehntausenden. Auch die Afrikanische Union sieht die Entwicklung mit Skepsis.

Hauptsitz der Organisation ist Addis Abeba. Die Kommissarin für Landwirtschaft, Rhoda Tumusiime, kommt aus Uganda – ein Land, das auch noch große Äcker zu vergeben hat und zur Zeit heftig um Investoren aus dem Ausland wirbt. Die Politikerin ist besorgt, dass die Interessen der Kleinbauern bei vielen Landverkäufen ignoriert werden. Und dass Afrika künftig noch mehr auf Nahrungsmittelhilfen angewiesen ist, weil die Ernten exportiert werden:

"Wenn wir einen Überschuss haben – gut, der kann ausgeführt werden. Aber wir können nicht ans Ausland liefern, wenn die Länder hier selbst nicht genug Nahrung haben."

Positiv ist für die Kommissarin allerdings, dass neues Kapital nach Afrika fließt. Sie fordert, dass die Investoren auch verpflichtet werden sollten, Straßen zu bauen und die gesundheitliche Versorgung zu verbessern.

"Wenn andere Länder nur von außen kommen, in die Landwirtschaft investieren und die Erträge exportieren – dann ist das falsch. Aber es kann auch eine Situation sein, in der es nur Gewinner gibt. Wenn die Investoren mit den Einheimischen zusammenarbeiten, damit sie profitieren. Dann denke ich, dass das Ganze funktionieren kann."

Sumit Aggarwal wäre gern ein Beispiel für diesen guten Investor. Bisher hat der junge Inder nicht viel mehr zu tun, als seine Traktoren einzufahren. Aber wenn sein Unternehmen in Äthiopien richtig durchstartet, hat der Geschäftsmann noch andere Ziele als nur den Profit. Zumindest will er das den Menschen hier so vermitteln.

"Wir werden ihnen sagen, dass sie sich mit uns zusammentun sollen. Wir versprechen, dass wir ihnen helfen. So handhaben wir das in Indien auch."

Sumits Unternehmen nennt sich "Three H Industries" – Die drei H. Die Buchstaben stehen für "Hygiene, Health and Happiness" – zu deutsch Hygiene, Gesundheit und Glück.

"Das bedeutet, wenn du gesund bist, stellt sich auch das Glück ein. Wir planen, uns sozial zu engagieren. Wir wollen ein Krankenhaus bauen. Oder so etwas in der Art."

Auf eigene Kosten – wie er sagt. Gewinn wird "Three H Industries" wohl trotzdem genug machen. Die Lohnkosten sind gering. Und mit den richtigen Samen, Düngemitteln und professionellen Landmaschinen werfen die fruchtbaren äthiopischen Böden große Erträge ab. Wer in Äthiopien investiert, der profitiert.

Kleinbauer Elias muss seine Farm allerdings mit geringen Mitteln führen. Seinen Ochsenpflug würde er gern gegen einen Traktor des Inders eintauschen. Auch das Saatgut produziert er selbst:

Ich trockne und siebe hier Tomatenkerne, sagt er. Die können dann wieder ausgesät werden.

Elias weiß, dass er mit seinem Betrieb nie gegen die Konkurrenz aus dem Ausland bestehen wird. Gegen die Inder und Saudis, die mir ihren Maschinen in wenigen Stunden Ackerflächen bearbeiten, für die Elias und sein Ochse Tage oder sogar Wochen brauchen würden.

"Es gibt Gründe, warum die Einheimischen hier nicht so erfolgreich sind. Die meisten sind einfach nicht richtig ausgebildet. Selbst wenn sie Land haben, wissen sie nicht wirklich, wie sie es bewirtschaften sollen. Manche sind darum ganz froh, wenn die Ausländer kommen. Sie geben das Land lieber ab. Vielleicht haben sie dann für kurze Zeit Geld."

Weltzeit

Aufruhr in HongkongDie Sicht der chinesischen Führung
Verletzte Demonstrierende am 19.November in Hong Kong. (Getty/AsiaPac/Anthony Kwan)

Gewalt und noch mehr Gegengewalt führten in den vergangenen Tagen zu immer brutaleren Szenen in Hongkong. Es gab tausende Festnahmen, scharfe Drohungen aus Peking. Dort hat die chinesische Führung die Ereignisse fest im Blick. Wie schaut sie auf Hongkong?Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur