Carsten Wiebusch: Gesamtes Orgelwerk von César Franck

Wenn die Orgel zum Orchester wird

164:08 Minuten
Ein Mann sitzt mit nach hinten aufgestützen Armen auf einer Orgelbank vor einem modernen Orgeltisch, der verschiedene Knöpfe für die Registerwahl vorweist.
Carsten Wiebusch ist Konzertorganist und seit 2017 Professor für Orgel an die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main. © Carsten Wiebusch
Carsten Wiebusch im Gespräch mit Holger Hettinger · 03.10.2022
Am 10. Dezember 2022 jährt sich der Geburtstag von César Franck zum 200. Mal. Ein Anlass für den Frankfurter Orgelprofessor Carsten Wiebusch, das opulente Orgel-Gesamtwerk des Komponisten auf modernen, klangprächtigen Instrumenten einzuspielen und vorzustellen.
Der runde Gedenktag war Anlass für den Frankfurter Orgelprofessor Carsten Wiebusch, das Gesamtwerk für Orgel von César Franck einzuspielen. Und das nicht auf historischen Cavaillé-Coll-Orgeln, die Franck nutzte, sondern auf neuen Instrumenten des 21. Jahrhunderts, um die Klangpracht der Kompositionen in die Gegenwart zu produzieren.
Das Ergebnis dieser vom SWR und von Deutschlandfunk Kultur produzierten Gesamteinspielung ist in einer 4-CD-Box beim Label cpo erschienen.

Groß konzipiertes Konzertrepertoire

Im Zentrum der Wahrnehmung von César Franck als Orgelkomponist stehen die zwölf großformatigen, in drei Gruppen publizierten Werke, die hinsichtlich ihrer Dimension, ihres spieltechnischen Anspruchs, ihrer frappierenden Klangwirkungen und ihrer satztechnischen Komplexität zu den strahlkräftigen Beiträgen der Orgelliteratur gerechnet werden: die 1860 mit einer Vorfassung der Fantaisie op. 16 begonnenen und 1864 in Sainte-Clotilde erstmals vollständig uraufgeführten „Six pièces“ von 1878, sowie die in Francks Todesjahr komponierten „Trois Chorals“ in E-Dur, h-Moll und a-Moll.

Kleinere Kunstwerke für den täglichen Gottesdienst

Angesichts dieser kompositorischen Solitäre darf jedoch nicht vergessen werden, dass César Franck mit der Sammlung „L'Organiste“ 63 kürzere, jedoch kompositorisch sehr elaborierte Stücke für den gottesdienstlichen Gebrauch geschrieben hat, die aufgrund ihrer vignettenhaften, kompakten Machart nicht die Komplexität der „großen“ Orgelwerke Francks erreichen, aber vor dem Hintergrund der Gattungsbeiträge dennoch sehr bemerkenswert sind.
Während in den einschlägigen Sammlungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts simple spieltechnische Anforderungen oft mit einer gewissen Banalität der Machart korrespondieren, hat jedes einzelne der in Francks „L'Organiste“ enthaltenen Stücke eine ganz eigene Handschrift und steht hinsichtlich der harmonischen Komplexität und der Fokussierung des Ausdrucks den umfangreichen Orgelwerken Francks in nichts nach.

Vom Harmonium auf die die Orgel

Es ist Carsten Wiebuschs kenntnisreicher und geschmackvoller Einrichtung dieser ursprünglich von Franck für Harmonium komponierten und vom Verlagshaus Enoch Frères et Costallat als „Pièces pour Orgue-Harmonium“ annoncierten Sammlung zu verdanken, dass diese Miniaturen auf der Orgel ihr koloristisches Potenzial voll entfalten können.
"Musik im Gespräch" mit Carsten Wiebusch und Holger Hettinger bietet einen umfassenden Blick auf diese Neueinspielung. Ebenso werden viele Hintergründe und einordnende Informationen gegeben - für einen neuen Blick auf das Orgelschaffen von César Franck.
Mehr zum Thema