Zum Tod von Cees Nooteboom
In Deutschland viel geschätzter als in seiner niederländischen Heimat: Cees Nooteboom © picture alliance / dpa / Georg Wendt
Unterwegs sein als Normalzustand

Zeitlebens lockten Cees Nooteboom das Reisen und das Kennenlernen fremder Sprachen und Menschen und prägten sein Werk. Viele seiner Figuren sind rastlos Suchende und ähneln darin ihrem Erschaffer. Nun ist der Schriftsteller mit 92 Jahren gestorben.
Cees Nooteboom schrieb Romane, Erzählungen, Gedichte, Essays, Reportagen und Reisebücher und wurde vielfach ausgezeichnet – doch verehrt wurde er in seiner niederländischen Heimat nicht. Dafür hielt er sich zu demonstrativ vom dortigen Gesellschafts- und Literaturbetrieb fern. Viel lieber war er auf Reisen oder in seiner zweiten Heimat Spanien.
In Deutschland wurde er Anfang der 1990er-Jahre mit seiner Novelle “Die folgende Geschichte” bekannt. In seinen schwebenden, betrachtenden, immer wieder Geschichte und Mythologie einbeziehenden Texten war sein klarer Blick nie kalt, sondern immer staunend und genießend.
Immer wieder packte Nooteboom die Koffer und machte sich auf den Weg in fremde Länder. Das fing schon mit 17 Jahren an. Da verließ er die Schule ohne Abschluss und begann, per Anhalter die Welt zu erkunden. Zuvor hatte er als unangepasster Heranwachsender mehrfach die Schule gewechselt.
Reisender Zeitzeuge auf vier Kontinenten
Die Reisen wurden zur Grundlage seines Werks als Schriftsteller. Als er mit 22 Jahren mit dem Roman “Philip und die anderen“ debütierte, konnte er beruflich nur auf ein wenig Zeit als Bankangestellter zurückblicken, dafür aber auf reichlich Erfahrung als Tramper quer durch Europa.
Das Buch machte ihn auf Anhieb bekannt. Der Topos des Reisens prägte den Roman und viele weitere Werke. Nach seinem Erstling reist er im Auftrag von niederländischen Zeitungen quer durch Europa, erlebt 1956 in Budapest den russischen Einmarsch, berichtet im Mai 1968 von der Studentenrevolte in Paris.
Siebzehn Jahre lang war er in erster Linie Reiseschriftsteller. Er schrieb über Europa, Afrika, Asien, Latein- und Nordamerika. 1963 kam er zum ersten Mal nach Berlin. 26 Jahre später wurde er dort fast zufällig Zeuge des Mauerfalls. Er blieb und beschrieb, wie Geschichte und Gegenwart miteinander verschmolzen. Seine “Berliner Notizen” sind die Beobachtungen aus der Stadt, in der er zwischen 1989 und 2009 auch immer wieder lebte.
In Deutschland beliebter als in den Niederlanden
Seinen großen Durchbruch in Deutschland hat er erst 1991 mit 61 Jahren mit der Novelle “Die folgende Geschichte”. Das Buch wird im “Literarischen Quartett” von Marcel Reich-Ranicki in höchsten Tönen gelobt und wird zum Bestseller.
Der deutsche Markt wurde für Nooteboom so wichtig, dass der Folgeroman “Allerseelen” 1998 in der deutschen Übersetzung noch vor der niederländischen Originalausgabe erschien. Die beiden Romane festigen seinen Ruf als großer Romancier.
In seinen Büchern verquickt Noteboom Mythos und Realität, Ort und Zeit, Vergangenheit und Gegenwart. Es ist daher nicht immer leicht, einen Zugang zu seinen Texten zu finden, was ihn von berühmten Zeitgenossen unterscheidet.
In vielen seiner Werke lässt Nooteboom seine Protagonisten über Wirklichkeit und Fiktion und die Rolle des Schriftstellers sinnieren. Das sei eine genuin literarische Herangehensweise, sagte er einmal:
„Das einfache Erzählen einer Geschichte, das macht das Fernsehen. Das finde ich auch nicht so interessant. Im Leben erzählt man einander auch Geschichten, man wird unterbrochen und unterbricht sich selbst und denkt noch mal an etwas Früheres oder prophezeit etwas Neues.“
Online-Text: rja













