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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.01.2017

Catherine Ince: "Die Welt von Charles und Ray Eames"Einsicht in einen stilbildenden Kosmos

Von Eva Hepper

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Der RAR Rocker Arm Chair Rod von 1948 ist als Schaukelstuhl-Entwurf von Ray und Charles Eames am 05.05.2011 in der Ausstellung "Ein Stoff für alle Fälle", Kunststoffdesign im 20. Jahrhundert (06.05.-03.10.2011), im Design-Museum Wilhelm-Wagenfeld-Haus in Bremen ausgestellt und besteht aus GFK-Verbundmaterial.  (picture alliance / dpa / Ingo Wagner)
Der RAR Rocker Arm Chair Rod von 1948 als Schaukelstuhl-Entwurf von Ray und Charles Eames - einer der Designstühle, auf dem sich die nackten Playmates räkelten (picture alliance / dpa / Ingo Wagner)

Charles und Ray Eames zählen zu den wichtigsten Designern des 20. Jahrhunderts. Catherine Ince zeigt nun in ihrem wunderbaren Bildband "Die Welt von Charles und Ray Eames" viele neue Facetten. Unterstützt werden die Texte von einem großartigen Layout.

Die Fotografie zeigt kreatives Chaos in Reinform; einen Raum vollgestopft mit Gegenständen aller Art: Im Vordergrund thront eine aufgebockte Nähmaschine, dahinter liegen Stapel von halbfertigen Sitzpolstern, Stoffballen, Spielzeug und Skulpturen, Pappen und verschiedenste Materialien. Dazwischen stehen, kreuz und quer, diverse Stühle, und im Hintergrund hantieren zwei Menschen mit Strahlern vor einer weißen Wand, während zwei andere über einen hohen und - man ahnt es - völlig vollgestellten Tisch hinweg das Arrangement diskutieren. Es sind Charles und Ray Eames bei der Arbeit in ihrem legendären Studio.

Zeitgenossen haben immer wieder die fast magische Atmosphäre des Eamesschen Ateliers beschrieben, und es wundert nicht, dass Catherine Ince die vielsagende Fotografie bereits auf einer der ersten Seiten ihrer umfangreichen Monografie zeigt. Tatsächlich will die englische Designexpertin einen tiefen Einblick in die "Welt von Charles und Ray Eames" geben und insbesondere Charakter und Atmosphäre dieses bis heute faszinierenden und für Generationen stilbildenden Kosmos vermitteln. Dazu versammelt Ince neben Briefen, Schriften, Manifesten, Zeichnungen, Skizzen und Fotografien der beiden Künstler auch zeitgenössische Zeitschriftenartikel und Kritiken sowie aktuelle Aufsätze internationaler Design-Kenner.

Von Sitzmöbeln bis zum Lebensgefühl

Der Prachtband vereint in einmaliger Weise Konventionelles und Ungewöhnliches. Bekanntes Terrain etwa schreiten die Autoren ab, die sämtliche Meisterwerke des genialen Gestalter-Duos in Wort und Bild präsentieren; darunter berühmte Sitzmöbel wie den Lounge Chair oder den Plastic Arm Chair und Architekturikonen wie das revolutionäre Eamessche Wohnhaus im kalifornischen Pazific Palisades.

Neuland hingegen betreten beispielsweise Alison Moloney, Kuratorin des "London College of Fashion", die sich der Kleidung von Charles und Ray Eames widmet oder der Architekturprofessor Sam Jacob, der Kalifornien als Lebensgefühl und Inbegriff der neuen Welt charakterisiert, und konstatiert: "ihre (Eames') Vorstellungen von Individualität und Freiheit (...) sind heute Teil einer globalen Kultur".

Herausragende Gestaltung des Bildbandes

So bestechend die Texte sind, absolut herausragend ist die Gestaltung dieses backsteinschweren Bildbandes. Fotografien, Briefe und Notizen (Ray beschrieb stapelweise aufgefaltetes Zigarettenschachtelpapier) erscheinen in allen erdenklichen Formationen: mal mittig, mal angeschnitten, mal neben-, mal untereinander gesetzt. Zudem wechseln Hochglanzseiten mit matt Gedrucktem; zeitgenössische Artikel erscheinen auf rauem Papier, und jedes Kapitel wird von einer Diaserie beschlossen, mit denen Charles und Ray ihre Vorträge bebilderten.

Selten zuvor wurde eine Eames-Publikation, und es gibt einige, den beiden Designern derart gerecht. Sie zeigt das gesamte Universum der Künstler, ihre Werke wie ihre Ideale und spiegelt auch formal den Prozess des Gestaltens. Die Eames liebten das Experimentieren mit Bildern und Strukturen. Davon haben sich die Buchgestalter aufs Schönste anstecken lassen.

Catherine Ince: Die Welt von Charles und Ray Eames
Aus dem Englischen von Elisabeth Girkinger und Alexandra Titze-Grabec
DuMont Verlag, Köln 2016
336 Seiten, 68 Euro

 

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