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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.03.2017

Catherine Bruton: "Drei Tage Wut" Als die Stadt brannte

Von Sylvia Schwab

Polizisten vor einem brennenden Haus im Londoner Stadtteil Croydon nach Krawallen im August 2011 (dpa / picture alliance / Facundo Arrizabalaga)
Polizisten vor einem brennenden Haus im Londoner Stadtteil Croydon nach Krawallen im August 2011 (dpa / picture alliance / Facundo Arrizabalaga)

Die Schriftstellerin Catherine Bruton lebte einige Zeit in Namibia und Südafrika, mittlerweile wohnt sie mit ihrer Familie in England. Ihre Erfahrungen als Lehrerin verarbeitet sie in ihrem Jugendbuch "Drei Tage Wut".

Wut haben sie alle. Maggie, das Mädchen mit dem lilafarbenen Haar und den kirschroten Boots, deren Mutter, eine Ministerin, die sich nicht um sie kümmert. Tokes, der hübsche Junge, dessen Vater zu einer Straßengang gehört und den Sohn in seine miesen Geschäfte hineinzieht. Little Pea, der von Shiv, dem Gang-Leader, systematisch fertig gemacht wird. Und der schlangengesichtige Shiv auch, weil Maggie und Tokes ihm gefährlich werden. Wütend sind schließlich alle Bewohner des Londoner Brennpunkt-Stadtteils, als einer von ihnen von der Polizei zusammengeschlagen wird. Es kommt zum Aufstand mit brennenden Bussen und Geschäften - und einem Toten.

Straßenkämpfe, Blut und Zerstörung 

Catherine Brutons "Drei Tage Wut" schildert Szenen, die man aus dem Fernsehen kennt, und die überall auf der Welt stattfinden können: Straßenkämpfe, Gewalt, Blut und Zerstörung. Mittendrinnen in diesem aufgeheizten Sommer die Teenager Maggie und Tokes. Die beiden entdecken schnell Gemeinsamkeiten, wie etwa ihre Liebe zum Film und freunden sich an, werden dann aber von Shivs Straßengang massiv unter Druck gesetzt und in eine Falle gelockt.

Tokes, der sich der Gang mutig entgegenstellt, wird zum Schluss sogar des Mordes verdächtigt. Dass Maggie diese drei Tage fast ununterbrochen gefilmt und damit Beweise für seine Unschuld hat, darf sie am Schluss nicht zu seiner Entlastung verwenden, ihre Mutter, die zwar öffentlich Aufklärung fordert, verhindert genau das und holt Maggi aus der Schusslinie.

Spannungsgeladen ist dieser Roman, temporeich und dabei manchmal auch pathetisch. Doch auch letzteres darf sein bei solch einem - im wahrsten Sinne - brandaktuellen Stoff, der von schreienden sozialen Missständen, Rassismus und Straßenkriminalität erzählt. Und so treffen hier die pointiert gezeichneten Protagonisten wie die Helden und Schurken in großen Wildwest-Filmen in dramatischen Szenen aufeinander. Catherine Bruton erzählt szenisch dicht und detailreich, Atmosphäre und Ambiente packen, man sieht den möglichen Film schon vor sich. 

Aus Spiel wird Ernst

Dass Maggie einen Film dreht über das, was sie erlebt, ist ein mehrdeutiges Motiv. Aus der privaten Abbildung ihres Alltags wird das Zeugnis eines menschlichen und sozialen Dramas, aus zufälligen Szenen ein politisches Dokument, aus Spiel wird Ernst. Wobei die Kamera beides ist: Mittel, die Wirklichkeit heranzuzoomen, aber auch Mittel der Distanz. Denn sie steht zwischen Maggie und der Welt, die Kamera verhindert, dass das Mädchen selbst handeln oder entscheiden muss. Erst als die Kamera am Schluss zerstört wird, erst da endlich weiß Maggie, was sie tun muss.

"Es macht einen Unterschied, ob jemand an dich glaubt oder nicht", sagt Tokes, der Junge aus der Unterschicht, an einer Stelle im Buch zu Maggie, dem Mädchen aus der Oberschicht. Dass es nicht nur einen großen Unterschied machen, sondern lebensentscheidend sein kann für einen Jugendlichen, das zeigt dieser mitreißende, gut geschriebene Roman. Seine Autorin glaubt an ihre Protagonisten - ich auch.

Catherine Bruton: Drei Tage Wut. Roman
Aus dem Englischen von Bettina Münch
dtv, München 2017, ab 14 Jahren
272 Seiten, 14,95 Euro


 
  

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