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Frühkritik | Beitrag vom 10.09.2021

Castle Freeman: "Herren der Lage"Rustikales Landleben

Von Thomas Wörtche

Cover des Buchs "Herren der Lage" von Castle Freeman. (Deutschlandradio / Hanser)
Die Städter haben keine Chance: "Herren der Lage" sind die Landeier. (Deutschlandradio / Hanser)

Landbewohner, Städter und ein Wildschwein namens Big John: Castle Freeman erzählt in seinem Krimi "Herren der Lage" mit viel Witz und Lakonie von einer Handvoll kreativer Hinterwäldler - und einem Sheriff, der es am liebsten ruhig angehen lässt.

Cardiff, tief in Vermont gelegen, ist ein eher stilles Fleckchen, bevölkert von ziemlich kauzigen Typen, die am liebsten ihre Ruhe haben. Und die, wenn es Konflikte gibt, selbst sinnvolle und vor allem praktische Lösungen finden.

Die können natürlich auch mal robust bis final sein. Dafür zuständig ist Sheriff Lucian Wing, dessen Lieblingsstrategie die Deeskalation ist; eine Methode, die er von seinem Vorgänger Wingate übernommen hat, der eigentlich längst in Pension ist, das aber so nicht sieht.

Ein Schnösel macht auf dicke Hose

"Herren der Lage" ist der dritte Band über Cardiff und Lucian Wing, eine kleine Welt, die uns schnell ans Herz gewachsen ist. Und deswegen sind wir genau so verblüfft und befremdet wie Lucian Wing, als plötzlich ein Schnösel aus der Stadt ankommt und auf dicke Hose macht.

Anwalt, im Anzug, mit Limousine und Chauffeur, arrogant und herrisch. Wing soll, so verlangt er kategorisch, die entwichene Stieftochter eines sehr reichen Unternehmers wieder herbeischaffen, die sich mit einem keineswegs standesgemäßen jungen Mann aus ihrer Neuengland-Eliteschule davon gemacht hat und sich in den Wäldern der Gegend versteckt.

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Wing, der so schön doof tun kann, kapiert natürlich sofort, dass er die jungen Leute ganz schnell finden muss, denn natürlich geht es um viel mehr. Um sehr viel mehr, weil Killertrupps auftauchen und die Angelegenheit bald rustikal wird.

Aber die Städter, die sich noch so ausgekocht dünken, sollten sich lieber nicht mit den Leuten anlegen, die die wirklichen Herren der Lage in Cardiff sind. Zumal noch ein riesiges, vermutlich wahnsinniges Wildschwein namens Big John mit im Spiel ist.

Jedes einzelne Wort ist wohlüberlegt

Das Wunderbare an Castle Freemans Geschichten vom Lande ist die Lakonik, mit der sie erzählt werden. Wortkarg, aber jedes einzelne Wort wohlüberlegt. Wirklich witzig, weil eben gewitzt und nicht albern lustig. Pointenreich, weil "on point". 

Das knappe anti-epische Erzählen lässt auch die Figuren scharf konturiert erscheinen, aufs Wesentliche reduziert, und damit werden sie greifbar. Der versoffene, aber stockschlaue Provinzanwalt, die derben Hinterwäldler, der alte Sturkopf Wingate, der verliebte Deputy und natürlich Lucian Wings ausgekochte, raffinierte und toughe Ehefrau Clemmie. Ein paar Striche von Castle Freeman, federleicht, aber präzise, und schon kennen wir sie alle – wie gute, alte Freunde.

"Herren der Lage" ist ein Kriminalroman, der auf dem Lande spielt, aber er ist kein Country Noir, weil er die "Alles-ist-so-furchtbar"-Attitüde nicht bedient, die Country Noirs gerne zu larmoyanten, pessimistischen Heimatromanen werden lassen. Die Menschen in Castle Freemans Tal haben natürlich Probleme, aber sie wissen auch, wie man damit umgeht. Kreativ eben.

Castle Freeman: "Herren der Lage"
Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren
Hanser, München 2021
192 Seiten, 20 Euro

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