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Studio 9 | Beitrag vom 21.02.2017

Carlos Oreza aus New YorkEin "Dreamer" fürchtet um seine Zukunft

Von Heike Wipperfürth

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Ein Plakat für den von Präsident Barack Obama im Jahr 2012 initiierten DREAM Act hängt am Eingang des National Immigration Forum in der US-Hauptstadt Washington, aufgenommen am 15.8.2012. (picture alliance / dpa / Michael Reynolds)
Ein Plakat für den von Präsident Barack Obama im Jahr 2012 initiierten DREAM Act hängt am Eingang des National Immigration Forum in Washington. (picture alliance / dpa / Michael Reynolds)

Er ist ein sogenannter "Dreamer": Carlos Oreza wurde in Mexiko geboren und ist eines von 750.000 Kindern illegaler Einwanderer, die von der Regierung Obama temporäre Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen bekamen. Wegen Donald Trump haben sie jetzt Angst, ausgewiesen zu werden.

Carlos Oreza: "Donald Trump behauptet, dass wir Kriminelle sind. Dass wir Krankheiten verbreiten. Dass wir seinem Land Schaden zufügen – das tun wir aber nicht. Einige von uns sind hier, um den amerikanische Traum zu verwirklichen."

Harlem, City College of New York, 17.30 Uhr: Carlos Oreza eilt einen langen Gang hinab in einen fensterlosen Hörsaal, in dem sein Abendkurs stattfindet. In seinem blauen Hemd, Khaki-Hosen und den kurzgeschnittenen Haaren sieht der 23-jährige aus wie viele andere, die hier zur Uni gehen.

Der Traum vom sozialen Aufstieg

Nicht auffallen, nicht zu viel von sich preisgeben – sich daran zu halten, hat der gebürtige Mexikaner seit seiner illegalen Einwanderung in die USA vor zwölf Jahren immer wieder versucht, aus Angst, deportiert zu werden:

"Das Erste, was sie dir nach deiner Ankunft in den USA raten, ist: Sage niemandem, was dein Immigrationsstatus ist, noch nicht einmal deinem besten Freund. Ich habe diesen Fehler einmal gemacht und wurde danach völlig anders behandelt."

Etwa elf Millionen Einwanderer leben illegal in den USA. Viele von ihnen arbeiten hart und träumen vom sozialen Aufstieg. So wie Carlos. Seit fünf Jahren studiert er Computertechnologie und Informationswissenschaften. Noch ein Semester, dann hat er ein College-Diplom in der Tasche – ein großer Erfolg für den Sohn einer alleinstehenden Mutter, die in den USA illegal Wohnungen putzt, um sich über Wasser zu halten.

Auch beruflich läuft alles nach Plan: Das New Yorker Bildungsministerium hat ihm eine Stelle als bezahlter Praktikant in der EDV-Abteilung einer Schule in Brooklyn vermittelt – seine Vorgesetzte will ihm nach seinem Uniabschluss ein Jobangebot machen, sagt Carlos.

Stolz auf das bisher Erreichte

Er ist sichtbar stolz darauf, ein produktiver Teil der amerikanischen Gesellschaft zu sein:

"Weil ich keinen US-Pass habe, bekomme ich keine Unterstützung bei den Studiengebühren. Ich muss 6000 Dollar pro Jahr aus der eigenen Tasche bezahlen. Das habe ich bis jetzt immer geschafft."

Und weil er illegal ist, hat er in den vergangenen Jahren meist schwarz für wenig Geld gearbeitet – bis 2012 ein kleines Wunder geschieht: Kinder illegaler Einwanderer, auch Dreamer, also Träumer genannt, erhalten temporäre Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen von der Obama Regierung – ein Befreiungsschlag für 750.000 Dreamer wie Carlos.

Doch fünf Jahre später gerät seine Welt wieder aus den Fugen. Denn Donald Trump, Amerikas neuer Präsident, hat seinen Wählern versprochen, die Dreamer so schnell wie möglich wieder dorthin zu schicken, wo sie hergekommen sind. Noch sei nichts entschieden, aber er stelle sich auf das Schlimmste ein, sagt Carlos in akzentfreiem Amerikanisch:

"Wenn wir keine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen mehr haben, müssen wir wieder schwarzarbeiten. Dann könnten wir in Razzien festgenommen und danach deportiert werden."

Carlos Seit es die mexikanische Mutter zweier amerikanischer Kinder kürzlich traf und sie nach einem Routinebesuch bei der Einwanderungsbehörde in Arizona in ihr Geburtsland abgeschoben wurde, sind auch viele Dreamer auf alles gefasst. In den USA bleiben will Carlos trotzdem:

"Donald Trump beschimpft illegale mexikanische Einwanderer als Kriminelle - das stimmt nicht. Das ist kompletter Unsinn. Wir arbeiten so hart wie alle anderen. Wir halten uns an die Regeln und tun niemandem etwas zu leide. ((...)) Wir wollen vorankommen und unser Leben verbessern."

Ist eine Ausweisung im Sinn der USA?

Seine Chance, eine permanente Aufenthaltsgenehmigung in den USA zu erhalten, hatte sich kurz vor Trumps Amtsantritt verbessert. Das College verschaffte ihm und zwölf anderen Dreamern eine Reiseerlaubnis nach Mexiko und wieder zurück – mit dem Ziel, dass sie zum ersten Mal legal in die USA einreisen – was ganz im Sinne der US Einwanderungsbehörde ist:

"Wir erhielten von der US Regierung eine besondere Erlaubnis für die Reise. Mit dieser Bescheinigung konnten wir legal in die USA zurückkommen. Das macht es uns leichter, eine permanente Arbeitserlaubnis zu bekommen."

Er habe sich nie etwas zuschulden kommen lassen, sagt Carlos. Eigentlich sei er der beste Beweis dafür, dass eine Ausweisung der Dreamer nicht im Sinne der USA sein kann:

"Seit ich nicht mehr schwarz zu arbeiten brauche, bezahle ich regelmäßig meine Steuern – so wie die meisten Dreamer. Sollte das nicht wenigstens einer der ökonomischen Gesichtspunkte sein, der von der Trump Regierung erwägt werden muss, bevor sie die Entscheidung trifft, uns alle loszuwerden?"

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