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Buchkritik | Beitrag vom 18.11.2020

Carel van Schaik / Kai Michel: „Die Wahrheit über Eva“Wie die Ungleichheit von Frauen und Männern erfunden wurde

Von Susanne Billig

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Buchcover von "Die Wahrheit über Eva" von Carel van Schaik und Kai Michel (Rowohlt / Deutschlandradio)
Eine leidenschaftlich feministische Wortmeldung: "Die Wahrheit über Eva". (Rowohlt / Deutschlandradio)

Frauen werden systematisch benachteiligt und unterdrückt. Doch warum eigentlich? Wer organisiert das und seit wann ist das so? Der Evolutionsbiologe Carel van Schaik und der Historiker Kai Michel rollen die Menschheitsgeschichte neu auf.

Carel van Schaik und Kai Michel denken in ihrem voluminösen, neuen Buch Natur- und Kulturwissenschaften radikal zusammen. Die Evolution, so arbeiten sie eingangs heraus, hat den Homo sapiens mit sozialen Präferenzen ausgestattet, die seine starke erste Natur bilden: Dazu gehört der Gerechtigkeitssinn ebenso wie der Wunsch, soziale Reputation zu genießen.

Egalitär über Jahrtausende

Präzise zeichnen die Autoren nach, wie diese Eigenschaften, gepaart mit einem neuen Leben in größeren Gruppen in der Savanne, Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften über Zehntausende von Jahren hinweg weitgehend egalitär und geschlechtergerecht zusammenleben ließ.

Frauen bildeten weibliche Netzwerke und verschleierten Vaterschaften, indem sie ein vielfältiges Sexualleben praktizierten; beides hielt männliche Dominierungsversuche erfolgreich in Schach.

Männer vergewisserten sich männlicher Freundschaften, indem sie Jagdbeute großzügig teilten, und bemühten sich um Frauen, indem sie als coole Jäger glänzten und sich als kooperative Lebenspartner einbrachten.

Von der Jagd auf Tiere zur Jagd auf Menschen

Die Autoren stützen sich auf Dutzende anthropologische Beobachtungen und zeigen im weiteren Verlauf des Buches – in 27 Kapiteln – überzeugend, wie die große Ungerechtigkeit zwischen Männern und Frauen, aber auch zwischen wenigen reichen und vielen armen Männern, sich allmählich ausbreitete und verstetigte.

Klimaveränderungen führten zum Ackerbau, was Arbeitsbelastung und Gesundheit der Frauen massiv verschlechterte. Männer konnten ihr Ansehen nicht mehr durch die Jagd sichern. Aus archäologischen Funden lässt sich rekonstruieren, auf welch fatale Alternativen sie verfielen: die Jagd auf andere Menschen, also den Krieg, das Anhäufen von Besitz und eine Kunst- und Bilderwelt, die männliche Herrschaft überhöhte.

Hier spielt nun der Siegeszug einer winzigen vorderasiatischen Religion eine wichtige Rolle, deren eifersüchtiger Gott die ideale Projektionsfläche für männliches Machtstreben abgab.

Leidenschaftlich feministisch

Carel van Schaik und Kai Michel zeigen offen, dass sie solche Zusammenhänge nicht als erste erläutern und zitieren ausführlich aus anthropologischen, religionswissenschaftlichen und universalhistorischen Forschungsarbeiten.

Neu ist die Einbindung der biologischen Evolution, was sich in zahllosen Detailanalysen – ob es um Kunst, Religion, Politik oder Erotik geht – als überaus ergiebig erweist.

Bisweilen wünscht man sich etwas weniger Redundanz und eine noch gründlichere Darlegung der Daten und Quellen, auf denen manche Thesen beruhen. Doch in der Summe ist den beiden Autoren ein erhellender Wurf gelungen, der sich spannender liest als mancher Krimi.

Selten haben sich Männer so leidenschaftlich feministisch zu Wort gemeldet – und ihre gute Botschaft lautet: In der Natur liegt die Frauenbenachteiligung nicht begründet. Es handelt sich um eine kurze, veränderbare kulturelle Aberration in einer langen Menschheitsgeschichte. Darum: Empört euch. Das liegt in den Genen des Menschen.

Carel van Schaik / Kai Michel: "Die Wahrheit über Eva". Die Erfindung der Ungleichheit von Frauen und Männern
Rowohlt, Hamburg 2020
704 Seiten, 26 Euro

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