Cannabis-Anbau in Sachsen

    Ein Start-up und ein CDU-Politiker hoffen auf Wachstum

    06:57 Minuten
    Ein Demecan-Mitarbeiter hält in Ebersbach im Landkreis Meißen eine Schüssel voller Cannabisblüten in die Kamera, die von den ersten Pflanzen stammen, die dort zu Forschungszwecken angebaut werden. Er trägt blaue Handschuhe.
    Ein Mitarbeiter von Demecan zeigt Cannabisblüten, die von den ersten Pflanzen stammen, die in dem Werk zu Forschungszwecken angebaut werden. © Alexander Moritz
    Von Alexander Moritz · 28.10.2021
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    Mit der Ampelkoalition im Bund könnte die Nachfrage nach legal angebautem Cannabis steigen. Die Aussicht, den Anbau ausweiten zu dürfen, schürt Hoffnung in Ebersbach - beim Start-up Demecan, das Cannabis anbaut, und bei Bürgermeister Falk Hentschel.
    "Maske am besten abnehmen und 'nen neuen Mundschutz dran, dann lassen wir alle Keime draußen." Zum Cannabis kommt man nur voll eingepackt: Mit Haarnetz, Gummihandschuhen, Overall und Plastiküberziehern für die Schuhe.
    In die fensterlosen Gewächshallen geht es nur durch mehrere Schleusen. Im Inneren herrscht Überdruck. All das soll verhindern, dass Schädlinge oder andere Pflanzensamen von draußen in die Gewächsanlage eingetragen werden.

    Anbau nur im Inneren

    Das Cannabis wird ausschließlich drinnen angebaut. Von der Decke hängen spezielle Tageslichtlampen, weiße Schläuche versorgen die Räume mit einer genau regulierbaren Menge Sauerstoff. Nur so kann ein gleichbleibender Wirkstoffgehalt garantiert werden. Gewächshäuser im Freien wären ungeeignet.
    "Die entstehenden Arzneimittel wären dann unterschiedlich. Man würde ein Arzneimittel als Arzt verschreiben und wüsste, wenn das im Winter angebaut wurde, wirkt das anders als wenn es im Sommer angebaut wurde. Und das entspricht einfach nicht den Anforderungen an ein Arzneimittel."

    Hohe Sicherheitsanforderungen beim Cannabis-Anbau

    Adrian Fischer ist Neurobiologe. Er hat das Cannabis-Start-Up Demecan mitgegründet. Der Anbau im Freien wäre ohnehin verboten, denn für die Herstellung von medizinischen Cannabis gelten hohe Sicherheitsanforderungen.
    "Das erste, worauf man genau achten muss, dass man alle Richtlinien nach Betäubungsmittelgesetz erfüllt. Die Pflanze ist immer ein Betäubungsmittel, auch schon während sie wächst", erklärt Fischer. "Man braucht zum Beispiel Wände aus 24 Zentimeter dickem Stahlbeton. Man braucht richtige Panzertüren, man braucht ein Kamerasystem, ein Sicherheitsteam." Die getrockneten Blüten werden am Ende in einem Safe gelagert.
    Noch sind die Regale aber leer. In den Gängen wird noch gestrichen, letzte Lüftungsrohre angebracht, Maschinen aufgebaut. Corona hat auch hier die Arbeiten verzögert.

    Verbrauch an medizinischem Cannabis wächst

    Dabei steigt die Zahl der Cannabispatienten seit der Legalisierung 2017 stetig an. Das meiste medizinische Cannabis wird importiert, vor allem aus Kanada und den Niederlanden. Laut Branchenverband hat sich der Import im Vergleich zum vergangenen Jahr fast verdoppelt.
    "Der Markt kann nicht bedient werden durch die Menge, die im Moment in Deutschland hergestellt werden kann. Es ist viel mehr an Bedarf da, als was die Bundesregierung bisher ausgeschrieben hatte."
    Adrian Fischer steht in einem großen Raum. Er trägt eine schwarze Jacke, an der ein Hausausweis baumelt. An der Decke sind viele Lampen zu sehen, überall im Raum sind Aufbauten aus Chrom.
    Adrian Fischer in einem Raum am Demecan-Sitz in Ebersbach. © Alexander Moritz
    Demecan ist eines von nur drei Unternehmen, die in Deutschland Cannabis anbauen dürfen. Vor zwei Jahren hat das Unternehmen vom Bundesinstitut für Arzneimittel die Genehmigung bekommen. Zunächst nur für 1000 Kilogramm pro Jahr.
    "Was wir jetzt schon sehen ist ein Markt von rund 20.000 Kilo, der aber sicherlich anwachsen kann auf 50.000 bis 100.000 Kilo im Jahr – je nachdem, wie die Verschreibungspraxis sein wird. Und auch, was die die Bundesregierung in naher Zukunft entscheidet, wie viel davon medizinisch sein soll oder ob es auch einen Freizeitgebrauch gibt."

    CDU-Bürgermeister begeistert

    Mit einer Legalisierung von Cannabis könnten auch die Vorschriften für die Produktion gelockert werden, hofft Fischer. In den Hallen in Ebersbach bei Dresden könnte dann die zehnfache Menge angebaut werden.
    Solche Pläne berauschen – selbst dort, wo man es eher nicht erwartet: bei der CDU: "Ich bin immer noch voller Freude, auch voller Vorfreude, was sich hier entwickeln kann und entwickeln wird", sagt Falk Hentschel. "Ich halte den Anbau von Medizinalcannabis in Deutschland für eine wichtige, zukunftsträchtige Sache."
    Der 35-jährige CDU-Politiker ist seit knapp vier Jahren Bürgermeister von Ebersbach. Er sieht im Cannabis-Start-up eine große Chance für seine 4000-Einwohner-Gemeinde. Endlich wird der alte Schlachthof wieder genutzt. Der war in den 90ern Hoffnungsprojekt, neu gebaut als "modernster Schlachthof Europas" mit 500 Arbeitsplätzen. Doch nach ein paar Jahren war wieder Schluss. 15 Jahre stand der Schlachthof größtenteils leer.
    Zu den drei Gründern von Demecan hat Hentschel mehr Vertrauen. "Dass das Unternehmerische komplett auf deutschen Füßen steht bis hin zu den Investoren, die hinter Demecan stehen, das ist spannend und ist auch ein Statement, das mir mir Hoffnung gibt für die Gemeinde, dass Demecan – Medizinalcannabis aus Ebersbach – einfach eine Marke wird und ein Zukunftsprodukt."
    Der Bürgermeister hofft auf Arbeitsplätze und Steuereinnahmen: 50 Beschäftigte sind es derzeit, 300 könnten es werden. "Wenn ich mir was wünschen dürfte, wünsche ich mir natürlich, dass meine größte, von einem Unternehmen bewirtschaftete Gewerbefläche auch mal mein größter Gewerbesteuerzahler wird."

    Anbau zu Forschungszwecken

    Der Grundstock dafür ist gelegt. Tief versteckt im alten Schlachthof in einer wenige Quadratmeter großen Kammer. Im goldenen Licht der Wärmelampen stehen die ersten Cannabispflanzen der Firma Demecan. Bisher nur einige Dutzend zu Forschungszwecken.
    In Handschuhen und Ganzkörperanzug überprüft Mitarbeiter Michael Müller das Wachstum der grünen Pflanzen. "Wichtig sind für uns die THC und die CBC-Gehalte. Die müssen in einer gewissen Größenordnung liegen. Das ist wichtig, dass die reproduzierbar THC-Werte hier bekommen."
    Welche Bedingungen sind für das Wachstum der verschiedenen Sorten optimal? Welche Sorten eigenen sich? Geschäftsführer Adrian Fischer will Know-how aufbauen – um vorbereitet zu sein, falls Cannabis auch für den Freizeitkonsum freigegeben wird.
    "Es ist im Moment so, dass wir nur die Erlaubnis haben, zwei Sorten anzubauen", sagt Fischer. "Aber es gibt ganz verschiedene Sorten, die mehr THC enthalten im Freizeitbereich. Es gibt zum Beispiel Pflanzen, die sehr viel mehr zitronige Aromen drinnen haben und die von der Wirkungsweise ganz anders sind. Aber da ist die Forschung noch in den Kinderschuhen. Und das ist noch ein ganz interessantes Feld, das man erforschen kann, wenn es einfachere Regeln gibt, mit denen man das machen kann."

    Demecan-Gründer hofft auf größere Produktion

    Eine regulierte Abgabe zum Beispiel in Apotheken hält Adrian Fischer für richtig. Dadurch würde auch das Risiko sinken, das von unreinem Cannabis auf dem Schwarzmarkt ausgeht. Aber auch ohne Legalisierung hofft er, dass das Bundesinstitut bald den Anbau von größeren Mengen erlaubt.
    "Ich denke, das ist auch im Interesse der Patienten, dass wir eine wirklich solide Versorgung aus Deutschland haben. Wo wir nicht davon abhängig sind, dass eine Firma im Ausland die Entscheidung trifft: Das schicke ich jetzt nach Deutschland oder vielleicht irgendwo woanders hin, sondern wirklich den Auftrag hat, hier dauerhaft den Patienten ein Produkt zu liefern."
    Ob bald legal für alle oder weiterhin nur für medizinische Zwecke: Für das Cannabisgeschäft sieht der Demecan-Gründer eine goldene Zukunft. "Das wäre sicherlich eine Entwicklung, die für uns positiv ist – so oder so. Wir können eigentlich bei beiden Situationen gut mitmachen."
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