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Tonart | Beitrag vom 21.07.2016

"Buxtehude_21 - On The Bridge"Barockmusik mit Live-Elektronik und Saxofon

Von Ulrike Henningsen

Die St. Marien Kirche in Lübeck (imago / Ilva Vadone)
Das Programm ihrer CD "Buxtehude_21" präsentierten Franz Danksagmüller und Bernd Ruf in der Kirche St. Jakobi in der Lübecker Altstadt. (imago / Ilva Vadone)

Dieterich Buxtehude gilt als bedeutendster Vertreter der norddeutschen Barockmusik. Die beiden Lübecker Musiker Franz Danksagmüller und Bernd Ruf stellen seine Werke auf ihrer CD "Buxtehude_21 – On The Bridge" in den Mittelpunkt – und katapultieren sie in die Gegenwart.

Franz Danksagmüller: "Wir machen im Grunde genommen nichts anderes, als unsere Vorbilder gemacht haben: Aktuelle Musik, Bearbeitung von dem, was Zeitgenossen gemacht haben, was Vorgänger gemacht haben, aus der Vergangenheit lernen, darauf aufbauen und was Neues machen und sich mit der Reaktion unserer Zuhörer auseinandersetzen."

Betont der Organist Franz Danksagmüller. 2007 – im Jahr des 300. Todestags von Dieterich Buxtehude tat er sich mit Bernd Ruf zusammen, um die Werke des bekannten Kirchenmusikers neu zu interpretieren. Buxtehude hatte nicht nur das Musikleben der Hansestadt Lübeck geprägt. Vielen Komponisten der damaligen Zeit war er ein Vorbild. Johann Sebastian Bach kam extra aus dem 400 Kilometer weit entfernten Arnstadt gelaufen, um den älteren Kollegen zu hören und von ihm zu lernen.

Bernd Ruf: "Das war ja damals zeitgenössische Musik, und wie wäre das heute? Wir wollten jetzt bewusst die Musik nicht so spielen, wie man glaubt, dass sie damals gespielt wurde, sondern wir wollen die Musik so spielen, wie wir annehmen, dass sie damals empfunden wurde."

Änderungen am Notentext auch früher üblich

Bernd Ruf und Franz Danksagmüller beließen es nicht dabei, die originalen Noten zu spielen, denn dass Musiker Veränderungen am Notentext vornahmen, war auch schon in den vergangenen Jahrhunderten üblich.

Bernd Ruf: "Die Frage ist, wie sind denn die Zeitgenossen damals selbst mit ihren eigenen Werken umgegangen, und was ist überhaupt das Original. Natürlich haben sich die Komponisten ihrer eigenen Werke bedient - da einen Teil heraus genommen und dann in das nächste Stück wieder eingebaut. Am Sonntag musste wieder eine Kantate fertig werden - dann nehme ich hier noch mal einen kleinen Teil. Daran sieht man natürlich, dass es sehr müßig ist, nach dem Original zu suchen, sondern dass im Vordergrund steht, im jeweiligen Moment, in der jeweiligen Zeit, sich aktuell auszudrücken."

Dabei gehen sie in manchen Stücken wie hier im Klagelied "An den Wasserflüssen Babylon" in der Vertonung von Buxtehudes Schwiegervater Franz Tunder an Grenzen.

Franz Danksagmüller: "Wir müssen uns mit den heutigen Hörgewohnheiten auseinandersetzen, dass sehr viele Leute ins Konzert gehen, um sich unterhalten zu lassen. Es muss Spaß machen, es muss nett sein. Das führt oft zu Missverständnissen. Man hört sich eine Passion von Bach an, da geht es um Sterben, um Leid. Das wird heute aber nicht mehr so wahrgenommen, weil wir ganz anders geschulte Ohren haben. Wir hören Maschinenlärm, wir hören Geräuschmusik und so weiter, und wenn wir dann lesen, dass ein Zeitgenosse von Johann Sebastian Bach – Johann Mattheson - schreibt, dass Musik ohne Ausdruck nichts ist, dass sie tot ist, dann müssen wir uns schon überlegen, wie hat denn die Musik damals gewirkt? Wenn wir uns theoretische Schriften durchlesen über rhetorische Strukturen, und dann lesen, diese Figur soll ein Aufschrei sein, die soll Schmerz ausdrücken. Dann müssen wir feststellen, das kann keine nette Musik gewesen sein. Das wird heftige Reaktionen ausgelöst haben."

In Klang verwandelte Affekte des Leidens

Dabei geht es auch um Körpererfahrung. In der Barockzeit waren in einer Passionsmusik reibende Intervalle und chromatische Linien in Klang verwandelte Affekte des Leidens. Heute ist es schwer, mit diesen Tönen die gleichen Effekte zu erreichen. Wenn aber die Klänge so extrem anschwellen, wie im intensiven Spiel der beiden Musiker, findet der Schmerz einen direkten Ausdruck.

Bernd Ruf: "Das ist eine Grenzerfahrung für uns zu erfahren, was passiert eigentlich durch Musik und mit Musik. Und welche Möglichkeiten haben wir heute, welche Mittel können wir einsetzen?"

Das gilt auch für die eigenen Stücke, in die Franz Danksagmüller noch Elemente der Live-Elektronik einbaut.

Immer neue überraschende Klänge entwickelt der Organist. Beim Experimentieren mit den Möglichkeiten, die die Live-Elektronik bietet, sieht sich Danksagmüller in der Tradition einer jahrhundertelangen Entwicklung.

Franz Danksagmüller: "Ich empfinde das als eine natürliche Fortführung unseres Instrumentariums. Unsere Vorbilder Buxtehude, Bach und so weiter, die waren immer daran interessiert – an modernen Instrumenten, an neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Die elektronische Musik gehört heute zu unserem Leben, deswegen finde ich es völlig natürlich, dass man sich als zeitgenössischer Musiker auch mit elektronischer Musik beschäftigt."    

Musik zum Feiern und Tanzen

Zusätzlich zu den eigenen Stücken und den Kompositionen von Buxtehude und Tunder spielen die beiden Musiker auch eine Oboen-Sonate von Georg Friedrich Händel. Das ist Musik zum Feiern und Tanzen.

Bernd Ruf beherrscht die besondere Klangsprache dieser Musik so selbstverständlich, dass sein Saxofon zum Teil wie Instrument des Hochbarock klingt und er hat einen wunderbar wandlungsfähigen Ton. "Buxtehude_21" ist das spannende Ergebnis einer sehr gelungenen Zusammenarbeit zweier außergewöhnlicher Musiker – es lohnt sich, mit ihnen über die Brücke zu gehen.

Danksagmüller_Ruf: "Buxtehude_21 - On The Bridge"
gpARTS, Audio-CD, 51 Minuten

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