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Im Gespräch | Beitrag vom 17.03.2021

Busfahrerin Susanne Schmidt"Das Gefühl, einen Doppeldecker zu fahren, ist weich und ganz wonnig"

Moderation: Tim Wiese

Susanne Schmidt an einer Berliner Bushaltestelle. (Alexandre Sladkevich)
"Busfahren an sich ist wirklich viel schöner, als man sich das vorstellen kann" – Susanne Schmidt an einer Berliner Bushaltestelle. (Alexandre Sladkevich)

Mit Mitte 50 wollte Susanne Schmidt ein Teil der Großstadt werden – und sie begann, Linienbusse durch Berlin zu steuern. Ihr Liebling: der Doppeldecker. Sie war Busfahrerin mit Herz und Begeisterung, doch dann forderte der Stress seinen Tribut.

"Machen Sie mal zügig die Mitteltüren frei", diese Standardanweisung von Busfahrern an ihre Fahrgäste hat Susanne Schmidt zum Titel eines Buchs über ihre Erfahrungen am Steuer von Linienbussen im Berliner Großstadtverkehr gemacht. Sie selbst hatte diesen Spruch lange vor dem Spiegel geübt, bis sie den richtigen Ton fand: ein "Mittelding zwischen Autorität und Freundlichkeit".

Gesucht: Frauen mit guten Nerven

Zum Busfahren fand die gelernte Erzieherin eher spät. Sie war schon jenseits der 50 und hatte verschieden Berufe ausprobiert – unter anderem Drehbuchautorin –, als sie auf eine Anzeige der Berliner Verkehrsbetriebe BVG stieß. Die suchten gezielt nach älteren Frauen als Busfahrerinnen, "weil sie sehr stressresistent sind und gut mit Aggressionen umgehen können", wie Susanne Schmidt sich erinnert.

Hier geht es zur Denkfabrik 2021. Auf der Suche nach dem Wir. (Foto: Deutschlandradio)

Schmidt war begeistert, denn für sie ist der öffentliche Personennahverkehr "das Herz der Stadt", sie wollte "ein Teil der Großstadt werden". Doch zuerst geriet sie bei der BVG an Ausbilder, alles Männer, für die Frauen am Steuer eines Busses offensichtlich Neuland waren. Immer wieder bekam sie sexistische Sprüche zu hören, versuchte es mit Humor zu nehmen: "Ich war jeden Tag neugierig, was kommt heute wieder?" Wirklich böse habe es aber niemand gemeint.

Ein Kinderlied per Durchsage

Ein Rat der Ausbilder half ihr weiter: "Mach dich dick!" Damit war gemeint, sie solle die Größe ihres Fahrzeugs selbstbewusst einsetzen, um sich den Raum im Verkehr zu verschaffen, den sie brauche. "Das hat Schranken in mir gelöst", sagt Susanne Schmidt. Und sie mochte ihre Busse, vor allem die ganz hohen: "Das Gefühl, einen Doppeldecker zu fahren, ist weich und ganz wonnig". Wie Buttercremetorte.

Am Steuer erlebte sie Schönes, etwa als sie ein schreiendes Kleinkind im Bus beruhigte, indem sie ihm über die Lautsprecheranlage ein Kinderlied vorsang. Immer spürte sie aber auch die "riesengroße Last" der Verantwortung – für ihre Fahrgäste, die sich bei einer plötzlichen Bremsung verletzen könnten, und für die anderen Verkehrsteilnehmer.

Verantwortung und Stress

Hinzu kam der Stress. Ständig wechselnde Dienstzeiten, immer wieder neue Strecken, auf denen sie sich auch mal verfuhr – nach einigen Monaten war Susanne Schmidt am Ende ihrer Kräfte. Eines Tages konnte sie einfach nicht losfahren, wusste nicht wie und wohin. Sie wurde krankgeschrieben, dann wurde ihr gekündigt.

Trotzdem würde sie den Beruf Busfahrerin jederzeit empfehlen, denn "das Busfahren an sich ist wirklich viel schöner, als man sich das vorstellen kann". Weil man mitten drin sei in der Gesellschaft und zudem tolle Autos fahren dürfe. Man müsse sich nur klarmachen, dass es ein harter und verantwortungsvoller Job sei.

(pag)

Susanne Schmidt: "Machen Sie mal zügig die Mitteltüren frei. Eine Berliner Busfahrerin erzählt"
Hanserblau, Berlin 2021
208 Seiten, 17 Euro

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