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Tonart | Beitrag vom 11.05.2018

Burt Bacharach wird 90Schöpfer federleichter Melodien

Von Laf Überland

Der Komponist und Musiker Burt Bacharach bei einem Auftritt im Jahr 2015 (imago/Matrix)
Am 14. Juli will Burt Bacharach im Berliner Admiralspalast sein erstes Konzert in Deutschland geben. (imago/Matrix)

Trickreiche Metren, abrupte Tempowechseln und ausgebuffte Instrumentation: Burt Bacharachs Musik ist weit mehr als Easy Listening. Am 12. Mai wird der Komponist, zu dessen Verehrern Brian Wilson, Frank Zappa oder John Zorn zählen, 90 Jahre alt.

Burt Bacharach - geschrieben wie dieses Dörfchen Bacharach am Rhein, geboren aber in Missouri und aufgewachsen in New York, wo er dann in den Nachtbars Bebop hört und bei modernen Klassikern Komposition studiert: Sein Geld verdient er, indem er andere Künstler auf dem Klavier begleitet, auch später noch, als künstlerischer Leiter von Marlene Dietrich.

Allerdings war ihm - da war er 30 – aufgefallen, wie schlecht in einer Band, bei der er einsprang, die meisten Songs waren: Da könnte er jeden Tag vier fünf Bessere schreiben! Also ging er dorthin, wo es tatsächlich der Job der Leute war, jeden Tag vier fünf Songs zu schreiben: ins Brill Building, das war ein Bürohaus in New York, in dem die Angestellten wie am Fließband Popsongs schrieben, von denen auch viele in die Charts kamen. Bacharach aber stellte fest, dass er nicht vier fünf Stücke an einem Tag schreiben konnte, die ihm dann auch gefielen: Vielmehr schrieb er zusammen mit seinem Stammtexter Hal David Songs, die zwar klangen wie moderner Pop, aber eigentlich mehr mit Cole Porter und Irving Berlin zu tun hatten als mit dem Chartseinerlei. Und nach einer gewissen Vorlaufzeit kauften die Künstler auch seine Kompositionen, und Bacharach und David begannen, Hits in Massen zu schreiben.

Sogar Frank Sinatra hatte mit dem Song zu kämpfen

Die meisten ihrer besten Songs gingen an ihre Haus-und-Hofsängerin Dionne Warwick: Die hatte Bacharach als Backingsängerin entdeckt, und sie konnte seltsamerweise seine vertrackten Kompositionen perfekt singen – voller Seele und Sex trotz dieser kaum nachvollziehbaren Harmoniewechsel, der verschleppten und gebrochenen Zählzeiten, vom Hymnischen ins Lockerflockige wechselnd. Das konnte nicht jeder - sogar Frank Sinatra räumte ein, das einzige Stück, mit dem er jemals echt zu kämpfen hatte, sei "Burts Wives And Lovers" gewesen.

Vom Walzer in den Bossa Nova mit jazzigen Einschüben oder polytonalen Passagen in verschiedenen Tonarten gleichzeitig komponierte er, wie er das im Studium bei Darius Milhaud gelernt hatte, und immer verschachtelt wie das wirkliche Leben hinter den Geschichten, die der Textdichter Hal David erzählte. Dabei hörten die Stücke sich aber federleicht an, waren immer geschmackvoll, attraktiv und – entspannt: Und das passte gut zu diesem coolen Frauenschwarm mit den lässigen Klamotten und dem gelassenen Auftreten, dem "einzigen Songwriter, der nicht aussieht wie ein Zahnarzt", wie sein Kollege Sammy Cahn es mal ausdrückte, und der, ach wie beeindruckend, seine luxuriösen Mini-Symphonien nie am Klavier schrieb, sondern auf dem Sofa.

Easy Listening ist nicht Easy Doing

Das goldene Bacharach-Jahrzehnt waren die 60er-Jahre, in denen diese gewisse "Burtness" die Eleganz und Raffinesse in die scheppernd-rockende Popmusik zurückbrachte: jede Menge Hits, Broadway- und Film-und Fernsehmusik. Als sich Hal und Burt und Dionne dann 1973 verkrachten, zog sich Bacharach von der Arbeit zurück. Seine Stücke aber geisterten als Evergreens durch die Radiokanäle, bis die Austin-Powers-Filme und die Lounge-DJs sie auch fürs junge Publikum wieder hervorkramten.

Richtige Musiker wie Noel Gallagher oder Faith No More hatten seine Kompostionskunst eh immer auf dem Schirm, und nach 21-jähriger Pause schrieb er dann in den Neunzigern mit Elvis Costello zusammen ein wunderbares Album voll nachtschwarzer Melancholie.

Und spätestens als Burt Bacharach vor drei Jahren beim Glastonbury-Festival auftrat, wurde wieder einer weiteren Generation klar, dass Easy Listening natürlich nicht Easy Doing heißt. Schon mal probiert, eine Melodie wie "What’s New Pussycat" nachzupfeifen?

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