Volksheld in Burkina Faso

Wer ermordete Thomas Sankara?

25:51 Minuten
Ein Soldat geht an einem Plakat des ehemaligen Präsidenten von Burkina Faso, Thomas Sankara, vor einer Bar vorbei.
Thomas Sankara, der ehemalige Präsident von Burkina Faso, stieß in den 80er-Jahren Reformen an. Viele verehren ihn bis heute für seine damalige Politik. © picture alliance / AP Photo /Sunday Alamba
Von Katrin Gänsler  · 23.11.2021
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Thomas Sankara gilt als Che Guevara Afrikas. Der Marxist und Reformer kam 1983 durch einen Putsch an die Macht und wurde vier Jahre später getötet. Das tödliche Attentat wurde nie aufgeklärt. Das soll nun ein Prozess nachholen.
Willkommen in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso. Wer hier ankommt, landet noch auf dem Internationalen Flughafen, der schon bald in Thomas-Sankara-Flughafen umbenannt werden könnte. Eine Onlinepetition dafür läuft gerade. Auf manchen Straßenkarten heißt er auch schon so. Schließlich soll überall in dem Sahelstaat, in dem gut 21 Millionen Menschen leben, demnächst dem Nationalhelden gedacht werden. Einer macht das bereits jeden Tag: Serge Bayala ist ein großer Verehrer.

Beispielhafter Staatschef

Serge Bayala unterrichtet am Lycée – das Pendant zur deutschen Oberstufe – das Fach Leadership. Die Privatschule im Stadtteil Karpala trägt bereits seit 2015 als erste im ganzen Land den Namen Thomas Sankara. Damit erinnert sie an den Offizier und Revolutionär, der 1983 durch einen Staatsstreich an die Macht kam und am 15. Oktober 1987 ermordet wurde. Der charismatische Sankara kritisierte den Neokolonialismus, setzte sich für Umweltschutz sowie Frauenrechte ein und gilt als Che Guevara von Afrika. Für Serge Bayala ist klar: Der einstige Präsident ist das beste Beispiel für einen guten Staatschef.
Ein Mann steht vor einer Schulklasse.
Thomas Sankara hab den Namen Burkina Faso über die Grenzen hinaus bekannt gemacht, sagt der Lehrer Serge Bayala.© Deutschlandradio / Katrin Gänsler
„Er hat nicht die Gehälter von Lehrern und Krankenschwestern gekürzt, sondern zuerst im Büro des Präsidenten gespart. Dort hat er auch andere Privilegien gestrichen. Als Zeichen dafür hat er ein kleines, günstiges Auto gefahren. Können dann die Minister noch in einem teuren SUV fahren? In seiner Führungsposition hat er ein Beispiel gesetzt. Wenn Ihr also die Führungskräfte von morgen werden wollt, solltet Ihr auch nicht mit Worten zufrieden geben. Seid anderen ein Beispiel.“

Schuluniform zu Ehren von Sankara

Bayalas Vortrag macht bei den 15- bis 17-Jährigen Eindruck. Als Schuluniform tragen die Jugendlichen sogar gelbe T-Shirts, auf die in Schwarz das Gesicht von Sankara gedruckt ist. Noch ganz neu am Lycee ist Grâce Julie Ky. Auch sie hört ihrem Lehrer aufmerksam zu.
„Thomas Sankara hat sich wirklich um Details gekümmert. Er war großartig. Früher gab es in unserem Land keine Ärzte, wirklich nichts. Deshalb hat er Menschen zum Medizinstudium ins Ausland geschickt, die auch andere Ideen für unsere Gesellschaft mit zurückbrachten. Er hat den Namen Burkina Faso über die Grenzen hinaus bekannt gemacht. Deshalb bin ich stolz, diese Schuluniform zu tragen. Ich möchte in seine Fußstapfen treten.“
Dass Sankara nur gut vier Jahre an der Macht war, bedauert die Schülerin. Grâce Julie Ky hat eine Vermutung, wer hinter dem gewaltsamen Tod stecken könnte.
„Ich habe gehört, dass Blaise Compaoré ihn umgebracht hat.“

Ein Prozess ohne Hauptangeklagten

Aufklären soll das nun ein Prozess, der im Oktober begonnen hat und sich vermutlich noch über Monate hinziehen wird. Insgesamt sitzen 14 Männer auf der Anklagebank. Compaoré, der Hauptangeklagte, fehlt jedoch. Der Militär war Sankaras Vertrauter und Weggefährte. Nach dessen Tod übernahm er in Burkina Faso die Macht und war bis zu seinem Sturz im Oktober 2014 Präsident. Heute lebt er im Nachbarland Elfenbeinküste und hat 2016 sogar die ivorische Staatsbürgerschaft angenommen. Seine Anwälte hatten schon im Vorfeld erklärt, dass er nicht zum Prozess erscheinen wird. Sie würden kein faires Verfahren für ihren Mandaten erwarten.
„Die burkinische Regierung hat Versuche unternommen, ihn nach Ouagadougou zu holen. Es ist schwierig zu sagen, wie intensiv diese waren. Er wird von der Elfenbeinküste geschützt. Vermutlich hat Burkina Faso nicht alles versucht. Es geht auch um diplomatische Beziehungen", sagt Bruno Jaffré am Telefon.
Er traf Sankara 1983 zum ersten Mal, schrieb dessen Biografie und arbeitete zur Zeit des Attentats in Burkina Faso. Heute lebt er in Frankreich. Gemeinsam mit anderen Weggefährtinnen und -gefährten hat er sich Jahrzehnte lang dafür eingesetzt, dass die Todesumstände aufgeklärt werden. Nun, wo das endlich passieren soll, bleibt es ein Manko, dass Compaoré nicht vor Ort ist.
„Es ist ein Problem, weil er dann seine Strafe nicht antreten kann. Natürlich weiß man jetzt noch nicht, ob er überhaupt verurteilt wird. Falls doch, wird es aber schwierig mit dem Verbüßen der Strafe. Wichtig ist aber, dass er von einem unabhängigen Gericht verurteilt wird. Die Justiz hat bisher gut gearbeitet. Es wird ein Urteil geben. Wenn man sich außerdem die Zahl der akkreditierten Journalisten und Vertretern der Zivilgesellschaft anschaut, dann zeigt das, wie wichtig der Prozess auf internationaler Ebene ist“, sagt Bruno Jaffré.

Hier wird ein Zeichen gesetzt

Prozessauftakt in Ouagadougou. Das Militärgericht hat die Verhandlung in das Konferenzgebäude im Stadtteil Ouaga 2000 verlegt. In dem Geschäftsviertel haben Botschaften, internationale Organisationen und Unternehmen ihren Sitz. Das Gelände ist weiträumig abgesperrt. Die Polizei kontrolliert die Taschen der Prozessteilnehmer. Handys und Kameras sind verboten.
Straßenansicht auf das Konferenzgebäude im Stadtteil Ouaga 2000 mit Passanten im Vordergrund.
Das Konferenzgebäude im Stadtteil Ouaga 2000, wo der Prozess unter strengen Sicherheitsvorkehrungen stattfindet.© Deutschlandradio / Katrin Gänsler
Vor Ort sind an diesem Montagmorgen vor allem Journalistinnen und Journalisten – mehr als 200 hatten sich im Vorfeld angemeldet –, einstige Begleiter Sankaras sowie junge Aktivisten. Einer von ihnen ist Sams'K Le Jah, ein bekannter Reggae-Sänger in Burkina Faso.
„Es ist ein historischer Prozess für Burkina Faso, für Afrika, für die Welt. Im Zentrum steht schließlich jemand, der sich weltweit und nicht nur hier einen Namen für seine Menschlichkeit gemacht hat. Heute spricht man auf der ganzen Welt über ihn und seine Ideen. Ein Prozess wie dieser setzt folgendes Zeichen: Die Politik darf ihre brillantesten Leute nicht mehr umbringen", sagt Sams'K Le Jah.

Der Wunsch nach Aufklärung ist groß

Das Verfahren zeigt außerdem: Politikerinnen und Politiker, aber auch Angehörige der Sicherheitskräfte müssen sich bei mutmaßlichen Straftaten vor der Justiz verantworten. Vor allem das sorgt zum Prozessauftakt für Interesse.
Mehr als 100 Zuschauerinnen und Zuschauer haben auf den roten Polsterstühlen Platz genommen. Schräg links vor den Richtern des Militärgerichts sitzen zwölf Angeklagte. Nicht nur Compaoré, sondern auch dessen einstiger Sicherheitschef Hyacinthe Kafando ist nicht erschienen. Er ist auf der Flucht.
Kurz nach Auftakt des Prozesses wird dieser aber gleich für zwei Wochen unterbrochen. Die Verteidiger kritisieren: Sie hätten nicht genügend Zeit gehabt, um die 20.000 Dokumente zu lesen. Nach der Wiederaufnahme des Prozesses geht es jetzt erst mal darum, den Tattag zu rekonstruieren. Für Sänger Sams'K Le Jah ist das fast wichtiger als die Anwesenheit Compaorés.
„Das ist kein Problem. Er ist doch immer abgehauen. Wenn man Blaise gefragt hat, was er am Todestag von Sankara, dem 15. Oktober, gemacht hat, hat er gesagt: Ich wusste von nichts. Ich habe geschlafen. Wichtig für uns ist es, endlich zu erfahren, wie Thomas Sankara und seine Gefährten umgekommen sind.“

Welche Rolle spielt Frankreich?

Trotz aller Begeisterung stand Sankara auch in der Kritik. Demokratisch gewählt wurde der Marxist nicht. Seine wirtschaftlichen Reformversuche schafften keine besseren Lebensbedingungen. Bis heute ist Burkina Faso eins der ärmsten Länder der Welt, in dem mehr als 41 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze leben. Unbeliebt war er aber vor allem in Frankreich, der einstigen Kolonialmacht, mit der Burkina Faso bis heute wirtschaftlich aber auch politisch eng verbunden ist.
Als Sankara 1984 vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen ankündigte, die globale neoliberale Wirtschaftsordnung nicht weiter zu akzeptieren, stieß das auf Widerstand auch bei den französischen Kreditgebern. Ob Frankreich bei dem Anschlag eine Rolle gespielt hat? Der Sankara Biograf Jaffré hofft, dass der Prozess dies klärt. 
Porträt von Alouna Traoré am Ort des Attentats.
Alouna Traoré hat 1983 als Einziger das Attentat überlebt.© Deutschlandradio / Katrin Gänsler
„Französische Agenten sind am 16. Oktober, einen Tag nach dem Anschlag, nach Burkina Faso gekommen, um Telefongespräche zu löschen. Diese hatten bewiesen, dass Blaise Compaoré und der Gendarmerieoffizier Jean-Pierre Palm mit dem Attentat in Verbindung gebracht werden können. Sie bestätigen, dass die beiden Angeklagten das Attentat vorbereitet haben. Es ist für mich ein erstes, konkretes Zeichen, dass Frankreich verwickelt ist.“

Einfach erschossen!

Im Zentrum vom Ouagadougou, am Thomas-Sankara-Denkmal. Die fünf Meter hohe Statue wurde im vergangenen Jahr eingeweiht. Heute zieht sie jeden Monat mehrere Tausend Besucherinnen und Besucher an. Etwa 50 Meter hinter dem Denkmal ist jener Raum, in dem Sankara und seine zwölf Weggefährten ermordet wurden. Das Gebäude war Sitz des Revolutionsrates. Hier treffe ich Alouna Traoré, der damals für die Abteilung Propaganda verantwortlich war. Er hat den Anschlag als Einziger überlebt und zeigt mir den Tatort. Es ist ein leerer Raum, Staub und Sand liegen auf dem Boden. Gezeichnete Bilder erinnern an die Opfer. 
Menschen posieren für ein Foto neben der Statue von Thomas Sankara während der Zeremonie zum 34. Jahrestag.
Vor allem junge Menschen identifizieren sich heute mit Sankaras Kampf und seinen Idealen.© AFP / Olympia de Maismont
„Wir hatten nichts geahnt. Wir hatten uns hier getroffen, weil wir dem Präsidenten unsere Argumente für die Gründung einer Partei nennen wollten. Mit diesen sollte er die Mitglieder des Revolutionsrates von unserem Vorhaben überzeugen. Doch wir wurden überrascht. Man hat auf uns geschossen wie auf Hasen", sagt Alouna Traoré.
Jener Donnerstag war ein Sporttag, den Sankara initiiert hatte. Zweimal pro Woche sollte sich das ganze Land sportlich betätigen. Sankara, der einen schwarzen Renault 5 fuhr, kam deshalb im Trainingsanzug. Alouna Traoré kann diese letzte Sitzung nicht vergessen.

Das Leben danach

„Ich kam gerade aus Benin zurück und sollte über meinen Aufenthalt dort berichten. Plötzlich hörten wir von draußen den lauten Befehl: Kommt heraus! Kommt heraus! Er zog seinen Trainingsanzug zurecht und sagte: Sie wollen mich. Er hob die Hände über den Kopf und wurde direkt hier erschossen.“
Traoré verließ das Gebäude als letzter. Warum auf ihn nicht mehr geschossen wurde, ist unklar. Er wurde eine Nacht festgehalten. Am nächsten Morgen durfte er nach Hause gehen.
„Emotional war das Weiterleben schwer. In den 34 Jahren hat sich eine Narbe gebildet. Ich hatte aber immer wieder Krisen. Aber ich habe sie überwunden und bin ein Mann wie jeder andere auch. An unserer Vision von Burkina Faso halte ich aber bis heute fest.“

Laufen für den Volkshelden

Im Nordosten von Ouagadougou findet ein Marathon statt. Wobei das Wort etwas übertrieben ist. Es ist ein 6,3 Kilometer langer Lauf, der zum ersten Mal zu Ehren von Thomas Sankara veranstaltet wird. Schon lange vor dem Start um 7 Uhr morgens herrscht Partylaune. Organisatorin ist die Bewegung Balei Citoyen – Bürgerbesen auf Deutsch.
Eric Ismaël Kinda: „Wir machen das zum ersten Mal. Der Lauf passt zur Philosophie von Sankara. Für ihn hat der Sport die Bevölkerung zusammengebracht. Sport hilft bei der Entwicklung und ist für die Gesundheit eines jeden einzelnen und des ganzes Landes wichtig. Deswegen findet dieser Volkslauf heute erstmals statt", sagt Sprecher Eric Ismaël Kinda.
 Läuferinnen und Läufer in weissen T-Shirts.
Thomas Sankara war ein Sportfan. Mittlerweile wird ihm zu Ehren ein Gedenklauf veranstaltet.© Deutschlandradio / Katrin Gänsler
Gegründet hat sich die Bewegung vor sieben Jahren. Damals wollten vor allem junge Menschen nicht hinnehmen, dass Blaise Compaoré die Verfassung ändern wollte, um erneut zu kandidieren. Nach Sankaras Tod hatte sich dieser 27 Jahre an der Macht gehalten. Bessere Perspektiven für junge Menschen hat er nicht geschaffen. Stattdessen galt er als „sanfter Diktator“. Die Balai Citoyen protestierten im Oktober 2014 wochenlang gegen die Verfassungsänderung und zwangen Compaoré letztendlich zum Rücktritt.
Ohne ihr Engagement wäre wohl auch der Prozess nicht möglich gewesen. Erst nach Compaorés Rücktritt fing die Aufarbeitung der Ermordung an. Auch das öffentliche Gedenken an Sankara wurde möglich. Dieses mit Sport zu verbinden, findet auch Abdoul Kadel Daramkoum gut. Er ist einer der 150 Läuferinnen und Läufer. Für heute hat er ein konkretes Ziel:
„Die gut sechs Kilometer laufe ich hoffentlich in 30 Minuten.“

Vor allem die Jugend verehrt Sankara

Mit 30 Minuten Verspätung geht der Lauf los. Die Sonne knallt bereits, und die Temperatur ist auf 32 Grad Celsius gestiegen. Eins ist auch bei den Teilnehmerinnen und Zuschauern des Marathons auffällig: Es sind vor allem junge Menschen, die Thomas Sankara verehrten, und weniger die ältere Generation, die dessen Amtszeit selbst miterlebt hat. Eric Ismaël Kinda von den Balei Citoyen erklärt das so:
„Die Jugend leidet. Sie ist arbeitslos. Sie erlebt alle Probleme, die die Gesellschaft gerade hat. Gegen all das hat Sankara schon gekämpft, als er an der Macht war. Es stimmt schon, dass viele Sankara gar nicht kannten. Sie haben aber Fotos gesehen, Filme über ihn, seine Texte gelesen. Sie können sich mit seinem Kampf und seinen Idealen identifizieren.“
Den Politikerinnen und Politikern von heute fehlt diese Art von Vertrauen. Es gibt niemanden, der die junge Generation begeistern kann. Aktuelle Regierungsangehörige haben teilweise noch mit Compaoré zusammengearbeitet. Letzterer hat noch immer Unterstützerinnen und Unterstützer im Land. Abdoul Kadel Daramkoum ist am Ziel. Er nimmt einen großen Schluck Wasser und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Seine persönliche Bestzeit hat er nicht geknackt.
„Ich habe 40 Minuten gebraucht. Andere sind die Strecke in einer Stunde gelaufen. Also bin ich ganz zufrieden.
Im nächsten Jahr will er wieder mitmachen, für den Sport und Thomas Sankara, und vor allem um seine Zeit zu verbessern. Dann wird auch klar sein, wie der Prozess ausgeht. Er wird sich noch Monate hinziehen. Eins dürfte zumindest gelingen: Sankaras Tod wird offiziell aufgearbeitet werden.
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