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Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.05.2011

Bunte Vögel und Idealisten

Theater aus Stuttgart und Barcelona reflektieren über "Menschen, Autos und das Öl"

Von Christian Gampert

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Szene aus "Car wash" mit Carme Poll (r) als Ingrid, Merce Aranega (2.v.r) als Aurora und Cristina Gamiz (l) als Irene und Mireia Pamies (2.v.l) als Sira vom Theatre Romea aus Barcelona. (picture alliance / dpa)
Szene aus "Car wash" mit Carme Poll (r) als Ingrid, Merce Aranega (2.v.r) als Aurora und Cristina Gamiz (l) als Irene und Mireia Pamies (2.v.l) als Sira vom Theatre Romea aus Barcelona. (picture alliance / dpa)

Das Stuttgarter Staatstheater hatte sich mit dem von Calixto Bieito geleiteten "Teatre Romea" aus Barcelona ursprünglich zusammengetan, um über Autofirmen als die größten Arbeitgeber einer Region nachzudenken. Herausgekommen sind zwei ganz unterschiedliche Stücke, die die Folgen der Arbeitslosigkeit und die verlorenen Ideale der Attac-Generation untersuchen.

Schreiben wir mal zwei Stücke über die Auto-Industrie: Mit solchen Vorgaben erzeugt man normalerweise Belehrungstheater und Langeweile. Dass hier etwas ganz Anderes, Leichtes, Angriffslustiges herauskommt, liegt sicherlich auch an den Rahmenbedingungen der Produktion: Wer im fremden Land mit ausländischen Schauspielern inszenieren muss, der hat gar keine Zeit, sich in wirtschaftlichen Details zu verschnörkseln.

Annette Pullen, sonst eher für psychologische Feinarbeit zuständig, macht aus "Car Wash" des katalanischen Autors Marc Rosich eine teils aggressive, teils sehr unterhaltsame Trash-Performance, in der zwei arbeitslose Frauen eine Auto-Waschanlage im Niemandsland der Vorstädte wieder flott kriegen wollen. Es ist klar, dass hier auch politische Überzeugungen kräftig durchgespült werden: Die beiden waren anarchistische Gewerkschafterinnen in der Produktion bei SEAT und werden nun in der Finanzkrise plötzlich zu Klein-Unternehmerinnen, die Kunden anlocken müssen.

Ein hübscher Kniff der Inszenierung ist es, dass sie dabei nicht nur wortreich eine verkorkste Familiengeschichte durchwalken, sondern auch kräftig mit Sex dealen. Dass diese bunten Vögel in Hot Pants und Stiefeln dem Prekariat angehören, mag man kaum glauben. Aber es geht hier nicht um Sozialdokumentation, sondern darum, Arbeitslose als fantasiereiche Widerständlerinnen zu zeigen.

Dem kommt die leicht pathetische, aber eben auch energiegeladene Spielweise der spanischen Schauspielerinnen entgegen: vor allem die Ingrid der Carme Poll ist ein Stehauf-Weib, das verflossene Liebesgeschichten ebenso burschikos analysiert wie die beschädigte Beziehung zum eigenen Vater.

Ihre Freundin Irene (Cristina Gamiz) ist mehr die romantische Variante. Dazu gibt es ein dem Konsum ergebenes Pärchen (Mirèia Pàmies spielt eine Art Carmen aus der Disco, sie könnte aber auch direkt in die Werbebranche wechseln); schließlich taucht auch eine heruntergekommene Immobilienmaklerin auf, die wegen der Finanzkrise leer stehende Trabanten-Wohnungen feilbietet und sich später als Ingrids verloren gegangene Mutter erweist.

Rebecca Ringst hat die Bühne sorgfältig vollgemüllt mit Elektrogeräten aller Art, Kühlschränke, Waschmaschinen, Glücksspielautomaten; seitlich eine Original-Zapfsäule, in der Mitte eine dieser drehbaren Riesenbürsten aus der Waschanlage. Viel schräge Musik. Man könnte das Ganze ironisch als "die Zwei von der Tankstelle" abtun, aber das stimmt eben nicht: Vorstadt-Gangs veranstalten wilde Autorennen, die beiden Frauen merken, dass sie sich verkaufen müssen – und reagieren wütend und gereizt. Ein Szenario aus Trash und Entertainment, in dem die Unterschicht auf einmal viel emanzipierter rüberkommt als in der bösen Wirklichkeit.

Der deutsche Stückeschreiber Soeren Voima (alias Christian Tschirner) geht im zweiten Teil des Abends eher noch holzschnittartiger und schematischer vor – er erzählt vom langsamen Abbau der Ideale, vom Verfetten der Attac-Generation, und er hat sich für eine genuin kabarettistische Spielweise entschieden, die vom katalanischen Regisseur Josep Galindo noch kräftig angeheizt wird.

Auch hier hat Rebecca Ringst die Bühne gebaut, diesmal ganz leer und mit der coolen Eleganz der Designermöbel. Auch hier könnte man sagen: alles nur politische Karikatur – aber es ist eben sehr gutes, sehr selbstironisches Kabarett. Imme und Torben lernen sich in radikal-ökologischen Studentenkreisen kennen und bekommen ein Kind; der manchmal glühende, manchmal verklemmte Karl (Till Wonka), der auch den Erzähler macht, verehrt Imme und rückt dem Pärchen immer wieder auf den Pelz. Torben wird von Daimler-Benz angestellt und soll das endgültige Energiespar-Auto entwickeln, was aus Gründen des Marktes aber Utopie bleiben wird.

Soeren Voima zeigt nun das langsame Ab- und Auseinanderdriften des von hohen Ansprüchen beseelten Paares: Während Imme im Hausfrauendasein stecken bleibt, aber als radikalökologische Mutter seltsame Züge entwickelt, versackt Torben immer mehr im Management-Denken, schickt sein Kind allerdings auf exquisite Waldorf-Schulen.

Dieses Kind wird von Jörg Petzold übrigens sehr lustig als dämonisch quäkender Baby-Batman gespielt; Christian Schmidt macht aus dem Torben einen frischen, sportlichen Naivling, und Nadja Stübinger gelingt es, die Imme ganz langsam in die Sümpfe der Weltretter-Psychose absacken zu lassen. Mit Auto-Industrie hat das nur am Rande zu tun: Hier wird eine misslungene Liebesgeschichte im Turbokapitalismus erzählt – aus der Sicht eines voyeuristischen Dritten, der auf seine Chance lauert.

"Ge-Stell" meint, nach Heidegger, die Gesamtheit der Mittel, mit denen der Mensch sich über die Natur stellt. Im Gegensatz zur sonst eher schwerblütigen Spielweise der Stuttgarter ist das alles aber bunt und plakativ gemacht, ironisch, temporeich, punkt- und detailgenau, von der Shitpflanze bis zu den Auto-Ledersitzen, vom selbst gefilzten Kleid bis zur Designerbrille. Es ist im Grunde nur Studentenkabarett, aber es macht gute Laune, es hat Wortwitz, es drückt sich um die traurigen Ecken der Attac-Verbürgerlichung nicht herum.

Kurz: die Zusammenarbeit mit Barcelona scheint Stuttgart Flügel zu verleihen und umgekehrt, und wenn die Interkultur so viel Energie freisetzt, dann nehmen wir gewissen Plattheiten in der Gesellschaftsanalyse gern in Kauf.

CAR WASH / DAS GESTELL
Eine Koproduktion von Schauspiel Stuttgart und Teatre Romea, Barcelona

Buch: Marc Rosich / Soeren Voima
CAR WASH in katalanischer und spanischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Regie: Josep Galindo / Anette Pullen

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