Bundeswehr

Kamerad Tod

Der Sarg mit dem Leichnam des bei einem Attentat in Afghanistan ums Leben gekommenen Soldaten der Bundeswehr wird auf dem Flughafen Köln - Wahn mit militärischer Ehrenerweisung empfangen. © AP
Von Dominik Wullers · 02.01.2014
Soldaten nehmen bewusst in Kauf, dass sie womöglich früher und schmerzvoller sterben als andere, meint Oberleutnant Dominik Wullers. Dafür gebühre ihnen Ehre. Doch die, so Wullers, bekommen sie in Deutschland nur bedingt.
Dulce et decorum est pro patria mori – süß und ehrenvoll ist es für das Vaterland zu sterben. Mit 20 Jahren – ich hatte gerade meine Ausbildung zum Offizier begonnen – fand ich den Satz so beeindruckend, dass ich ihn ständig rezitierte. Das brachte mir großen Ärger mit einem Vorgesetzten ein, der ihn rundheraus ablehnte.
Zehn Jahre später wiederhole ich ihn immer noch gern, aber anders. Es ist ehrenvoll, für das Vaterland zu sterben und sein Leben im Dienst an der Gemeinschaft zu geben. Daran glaube ich. Aber süß ist es nicht - weder für den einzelnen Soldaten, der unter großen Qualen fällt, und erst recht nicht für die Hinterbliebenen, deren einziger Trost der Dank der Regierung, die gemeinsame Trauer ist.
Doch für wen ist der Tod ehrenvoll? Für den Toten? Nein, denn als er noch lebte, sehnte er sich nicht nach dem Tod, auch nicht nach einem ehrenvollen. Und nun, da er nicht überlebt hat, hat sich jedes Ehrgefühl für ihn erübrigt. Nein, der Tote ist ganz darauf angewiesen, dass ihm die Lebenden Ehre erweisen.
Das ist in Deutschland nur bedingt der Fall. Es gibt zwar ein großes militärisches Zeremoniell für jeden Gefallenen. Aber ich erinnere mich auch an ein Plakat der Deutschen Friedensgesellschaft. Darauf waren drei Soldaten zu sehen, die einen Holzsarg trugen, auf dem ein Gefechtshelm lag. Daneben stand: “Die Bundeswehr auf dem richtigen Weg: Wieder einer weniger."
Sterben ist ein Zeichen ungeliebter Schwäche
Jeder Bundeswehrangehörige kennt solche Beispiele, mit denen seine Opferbereitschaft verhöhnt und verspottet wurde, hat jene Menschenverachtung zu spüren bekommen, die über eine respektable Kritik an militärischen Einsätzen weit hinausgeht, und Werte zerstört, die zu schützen sie vorgibt.
Eigentlich wird der Tod an der Front schon lange nicht mehr als ehrenvoll empfunden. Unsere moderne Gesellschaft betrachtet es nicht mehr als Ehre für sie zu sterben. Heutzutage wird der Tod an sich gerne ausgeblendet. Noch unsere Großeltern verloren schon in jungen Jahren Freunde und Verwandte. Und sie selbst leben und sterben heute nicht mehr im Kreise der Familie, sondern im Heim.
Sterben ist nicht mehr normal, sondern ein Zeichen ungeliebter Schwäche. Wenn es soweit ist, wird es so lange wie möglich hinausgezögert. Der Tod scheint für moderne Menschen niemals lohnend.
Da ist es verstörend zu erfahren, dass sich jemand freiwillig der Gefahr aussetzt, früher zu sterben als nötig. Einen Extremsportler, einen Artisten mögen sie noch insgeheim bewundern. Offen für verrückt erklärt aber wird der Soldat, der sich dem Tod für Demokratie, Freiheit und Frieden aussetzt.
Militärische Einsatzführung muss Menschenleben achten
Trotzdem bleibe ich bei Horaz' Worten. Ich provoziere bewusst, um ein Nachdenken und dann ein Umdenken einzufordern. Natürlich respektiere ich ältere Leute, die darauf abwehrend reagieren, weil sie den Bombenkrieg noch selbst erlebt haben. Sie sagen, sie empfinden es rückblickend als politischen Verrat, junge Leute in einen Angriffskrieg zu schicken, um angeblich das Vaterland zu verteidigen.
Es ist richtig, vor fast siebzig Jahren starben deutsche Soldaten im Dienste des Bösen. Doch heute erhält die Bundeswehr ihr Mandat vom Parlament, dem Bundestag. Die militärische Einsatzführung muss sich vor Recht und Gesetz rechtfertigen, hat zuallererst Menschenleben zu achten. Den Soldaten räumt das Grundgesetz Gewissensfreiheit ein, also Eigenverantwortung auch als Befehlsempfänger.
Und darum ist, genau genommen, der Dienst das Heroische, nicht der Tod. Ein Soldat darf nicht die Furcht und die Achtung vor dem Tod verlieren. Er muss das Risiko akzeptieren. Jeder Mensch kann jederzeit sterben. Der Soldat nimmt bewusst einen frühen und schmerzvollen Tod in Kauf - für den Dienst an der Gemeinschaft, für seine Familie, für unser Land. Lohnenswerter geht es nicht.
Dominik Wullers wurde in Stadtlohn, Westfalen geboren. Nach seiner Ausbildung zum Offizier studierte er Volkswirtschaftslehre in Hamburg, West Point und Harvard. Seit 2011 arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. Im Jahr 2010 war er Gründungsmitglied der Pro-Integrations-Inititative Deutscher.Soldat e.V. (www.deutschersoldat.de)
Dominik Wullers
Dominik Wullers© privat
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