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Studio 9 | Beitrag vom 07.03.2016

Bundeswehr im MittelmeerEinsatzbefehl Flüchtlingsrettung

Von Peter Marx

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Schiffbrüchige werden am 5.10.15 ca. 30 Seemeilen nordöstlich von Tripolis (Libyen) von Soldaten der Bundeswehr per Speedboot zur Fregatte Schleswig-Holstein gebracht. (picture alliance / dpa / Alexander Gottschalk/Bundeswehr)
Schiffbrüchige werden am 5.10.15 ca. 30 Seemeilen nordöstlich von Tripolis (Libyen) von Soldaten der Bundeswehr per Speedboot zur Fregatte Schleswig-Holstein gebracht. (picture alliance / dpa / Alexander Gottschalk/Bundeswehr)

Ein Dutzend Militärschiffe kreuzen vor der libyschen Küste auf einem Gebiet so groß wie die Bundesrepublik. Ihre Aufgabe: Flüchtlinge retten. Unser Reporter hat an Bord der "Berlin" einen solchen Einsatz begleitet.

Endlich: Der Einsatzbefehl vom Marine-Hauptquartier aus Rom.  Suchflugzeuge entdeckten in der Nähe der "Berlin" zwei Schlauchboote mit hunderten von Flüchtlingen an Bord. Nach neun Tagen auf See wirkt der Einsatzbefehl auf Schiff und Besatzung befreiend. Keine Schiffsroutine mehr, keine Feuerlösch-Übungen, kein Übungsschießen auf dem Hubschrauberdeck. Ein echter Einsatz.

Die "Berlin" – grau gestrichen von oben bis unten – nimmt Fahrt auf.  Die Schlauchboote sind etwa 30 Minuten vom derzeitigen Standort entfernt. Männer in blauen Arbeitsanzügen hasten über Decks, bereiten Speedboote für den Einsatz vor. Auf einem Container legt ein Scharfschütze seine Decke aus, justiert das Fernglas seines Gewehres. 

Das Mittelmeer zeigt sich von der schönen Seite. Tiefblaues Wasser, Wassertemperatur 16 Grad, Lufttemperatur 14 Grad. Nach sieben Tagen Sturm sind heute die Bedingungen ideal für die Flüchtlingsboote. Über neun Schlauchboote sind bereits erfasst. Die Brückenwache entdeckt einen weißgrauen Fleck am Horizont - das erste Boot. 

Der Schiffskran liftet die Speedboote ins Wasser, bewaffnete Soldaten und Dolmetscher steigen ein. Die 174 Meter lange "Berlin" hält Abstand – aus Sicherheitsgründen. Den ersten Kontakt hat Unteroffizier Hasan, ein Sprachmittler. Der 39-Jährige ist selbst als Kind mit seiner Familie aus dem Libanon geflüchtet:

Im Schlauchboot schwappt das Wasser zentimeterhoch

Hasan: "Also die erste Situation ist, dass beide Seiten zunächst einmal vorsichtig sind, das Unbekannte erst mal erkunden. Wir  natürlich auch aus Sicherheitsinteresse uns selbst gegenüber und die in Seenot geratenen Menschen weil die nicht wissen, was erwartet uns jetzt, was kommt auf uns zu." 

Von der Brücke verfolgt der Kommandant der "Berlin", Fregattenkapitän Marcel Rosenbohm, die Rettungsaktion. Im Schlauchboot schwappt zentimeterhoch Wasser. Jacken, Schals, Fäkalien, Pässe schwimmen obenauf, in einer Ecke noch ein halbes Dutzend volle 20-Liter-Kanister. Eigentlich genug Sprit, um weiterfahren zu können. Schiff und Motor sind ok.
Aber nicht aus der Sicht des Kapitäns:

"So darf man das nicht verstehen. Die meisten von denen erklären sich erstmal von selbst als in Seenot befindlich, also in der Form. Sie haben in der Regel ein Satelliten-Telefon dabei und wenn sie dann auf See sind, dann rufen Sie die Seenot-Leitstelle in Rom an und erklären sich als in Seenot. Weil sie ein Problem haben. Sie sind  orientierungslos, haben keinen Kraftstoff mehr, was auch immer sie für ein Problem haben. Und dann erst kriegen wir in der Regel den Auftrag von der Seenot-Leitstelle oder von unserem militärischen Hauptquartier zu diesen Booten hinzufahren und sie gegebenenfalls zu retten."

Zwischen 1000 und 5000 Dollar zahlt jeder Flüchtling für die Überfahrt an die Schleuser. Zwölf Militärschiffe patrouillieren vor der libyschen Küste, in einem Einsatzgebiet so groß wie die Fläche Deutschlands.

Viele der Flüchtlinge sind aus der Sklaverei in Libyen geflohen

Das Militär tut dabei das, was die Schleuser erwarten. Sie nehmen die Flüchtlinge auf und bringen sie nach Europa. Eine Formulierung, die Marcel Rosenbohm gar nicht gefällt.

"Aber ich kann mir hier die Frage nicht stellen, ob der Auftrag den ich habe richtig ist, denn um das mal ganz salopp zu formulieren: Es geht ja hier um Menschenleben und die kann ich ja nicht ersaufen lassen."

Im Shuttle-Verkehr bringen Boote die Flüchtlinge zur "Berlin", wo sie durchsucht, registriert und medizinisch untersucht werden, sowie neue Kleidung erhalten, Essen und Getränke.

Die Flüchtlinge auf dem Vorderdeck kommen aus Gambia, Senegal, Ghana.  Viele von ihnen sind geflohene Sklaven, denn in Libyen, so erzählen sie, werden Schwarzafrikaner von Milizen gefangen genommen und auf Sklavenmärkten verkauft. Zwischen ihnen sitzt Hauptmann Christoph. Der Kölner spricht zwei afrikanische Sprachen.

Hauptmann Christoph: "Es sind teilweise sehr schlimme Erfahrungen, schlimme Berichte, die da kommen. Berichte von Überfällen, Erpressung, Vergewaltigung usw. Generell hat da jeder seine eigenen Erlebnisse."

Christoph wendet sich wieder den meist jungen Männern zu, von denen kaum einer weiß wie es weitergeht. Enttäuscht reagieren sie auf den Hinweis des Hauptmanns, dass alle Flüchtlinge den italienischen Behörden übergeben werden. Sie hatten gehofft, dass die "Berlin" alle direkt nach Deutschland bringt.

Drei Stunden später: die Sonne geht unter. Die Männer und Frauen auf dem Vorderdeck vergessen für einen Moment ihre schlimmen Geschichten und fangen an zu tanzen und zu singen. Dabei loben sie ihre Rettung, Deutschland und Bundeskanzlerin Merkel.

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