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Im Gespräch | Beitrag vom 30.07.2021

Bühnenbildner Mathias Fischer-DieskauDer Reiz des leeren Raumes

Mathias Fischer-Dieskau im Gespräch mit Ulrike Timm

Fischer-Dieskau (Privat)
Mathias Fischer-Dieskau suchte seinen eigenen Weg und fand ihn als Bühnenbildner in der freien Szene im Westberlin der 1970er-Jahre. (Privat)

Schon mit zehn Jahren wollte Mathias Fischer-Dieskau Bühnenbildner werden. Das klappte. In Paris und Genf, Wien und Berlin gestaltete er die Bühnen für Opern, Theater und Shows. Mit dem Bühnenbild für das Musical "Linie 1" war er sogar in Indien.

Der aufregendste Moment beim Bühnenbild ist für Mathias Fischer-Dieskau der Aufbau. Auf der Bühne wuseln die Techniker und Handwerker umher, schrauben, montieren, beleuchten. Passen die Teile, stimmen die Abstände, funktioniert die Treppe? Können sich die Schauspieler darauf gut bewegen? Ein heikler Augenblick, sagt der Bühnenbildner.

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"Wenn der Darsteller auf die Treppe geht und denkt, er geht auf dieser Treppe ganz majestätisch runter, dann kann die Treppe nur ein bestimmtes Maß haben. Wenn sie aber anders gebaut ist, fällt er hin, dann muss die Treppe neu gemacht werden, von A bis Z."

Bühnenbild ist eine vergängliche Kunst

Wien, Berlin, Paris, Genf, Graz, Hannover, Salzburg, Basel – Fischer-Dieskau hat an vielen großen und kleinen Bühnen seine Spuren hinterlassen. Ob Oper, Theater, Musical oder Show.

Seine Ideen entwickelt er zunächst zu Hause an seiner Modellbühne. Diese hat er bereits mit 18 entworfen. Seine Bühnenbilder sehen einfach aus, sind aber raffiniert. Manchmal werden sie als karg beschrieben, was er als Kompliment empfindet.

Eine vergängliche Kunst – nur wenige der Kreationen werden aufgehoben. Die meisten Theater und Opernhäuser haben keinen Platz, ausrangierte Bühnenbilder zu lagern. Selten werden sie ein zweites Mal verwendet. Fischer-Dieskau, inzwischen 70 Jahre alt, liebt es nach wie vor, den "leeren Raum" zu gestalten, auch im Kindertheater:

"Kinder waren begeistert, als ich für ein Kinderzimmer auf der Bühne ein Doppelbett gemacht habe. Das zweite Bild war dann ein Spielplatz. Da konnte man das Bett einfach umkippen, dann hat es sich verändert zum Spielgerüst. Es ging immer hin und her. Hinterher wollten alle so ein Bett haben."

Ein Schock ließ den Vater verstummen

Dass es Fischer-Dieskau nicht direkt auf die Bühne zog, verwundert fast. Er stammt aus einer berühmten Familie, die immer wieder im Rampenlicht stand. Vater Dietrich Fischer-Dieskau als weltberühmter Lied- und Opernsänger, die Mutter Irmgard Poppen als Cellistin, auch seine beiden Brüder sind Musiker. Er aber wusste schon mit zehn Jahren, dass er Bühnenbilder bauen wollte. Für die Musik sei er nicht so begabt gewesen wie die anderen. Ein trauriger Einschnitt in seinem Leben: 1963, bei der Geburt des dritten Sohnes, stirbt die Mutter. Die Familie versinkt in Trauer.

"Mein Vater konnte nicht mehr singen, ihm ist die Stimme weggeblieben. Das kam dann langsam wieder. Dann hat er sich bemüht, für seine Kinder eine neue Mutter, eine geeignete, fähige Mutter zu finden. Da hat er sich die Schauspielerin Ruth Leuwerik geangelt, die immer die Mütter gespielt hat, aber nichts mit Kindern am Hut hatte. Das ging nicht so gut."

Wie auch mit den anderen Frauen, die auf die Schauspielerin folgten. Die Kinder wuchsen mit Kindermädchen und vielen Angestellten auf. "Manchmal fühlte ich mich einsam", so Fischer-Dieskau.

Der eigene Weg

Dass der Vater so berühmt war, war für den Sohn nicht immer einfach. Er suchte seinen eigenen Weg und fand ihn als Bühnenbildner in der freien Szene im Berlin der 1970er-Jahre. Während dieser Zeit kam er auch mit dem Grips-Theater zusammen. Dessen größter Erfolg, auch international, ist "Linie 1". Seit 1986 steht das Musical auf dem Spielplan, zum Teil noch mit den Schauspielern der ersten Stunde. Das Bühnenbild stammt von Fischer-Dieskau.

"Sie spielen immer noch mit meiner Ausstattung. Das ist erstaunlich. Natürlich ist die Ausstattung schon oft kaputt gewesen. Im Lauf der Zeit musste ich da immer was neu machen. Oder die Mäuse nagen an den Stoffen. Komischerweise ist es durch die Coronazeit letztes Jahr wieder erneuert worden. Es geht da um große Schleier, die gemalt werden, was alles sehr kompliziert ist und heute eher schwieriger als früher."

(svs)

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