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Frühkritik | Beitrag vom 19.10.2014

BühneEin handfestes Käthchen

Schauspiel Köln inszeniert Heinrich von Kleist

Von Christiane Enkeler

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Historische Ausgaben und ein Porträt des Schriftstellers Heinrich von Kleist stehen am 16.10.2013 im Neubau des Kleist-Museums in Frankfurt (Oder) (Brandenburg).  ( Patrick Pleul / dpa)
Ein Porträt des Schriftstellers Heinrich von Kleist ( Patrick Pleul / dpa)

Ein reines Luft- oder Himmelswesen sieht anders aus: Am Schauspiel Köln weiß Kleists "Käthchen"mit beiden Beinen fest auf der Erde. Mit feinem Humor hat Intendant Stefan Bachmann das Ritterschauspiel inszeniert.

Das ist mal ein handfestes "Käthchen", das Julia Riedler hier spielt. Mit beiden Beinen fest auf dem Boden, weiß sie genau, was sie will – den Grafen Wetter vom Strahl heiraten. Dass das vorherbestimmt ist durch einen Engel und einen Traum, den beide gleichzeitig träumten, das ist, zumindest was Käthchen angeht, vollkommen selbstverständlich. Ein reines Luft- oder Himmelswesen sieht anders aus.

Wenn dieser 15-Jährigen (so jung ist Kleists Käthchen) etwas verboten wird, dann sagt sie "ja" und macht, soweit es geht: "nein". Denn sie weiß ja, was sie will. Das holt die Figur so ziemlich auf den Boden, und zwar den der Normalität. Dass es einen Schutzengel hat, nimmt das Kind für klar wie Kloßbrühe. Inzwischen weiß sie sich durchzusetzen.

Julia Riedler, 1990 geboren, hat von Jura zum Schauspielstudium gewechselt. Man könnte sie sich auch gut im Gerichtssaal vorstellen, nicht nur bei Kleist.

Bühnenbild mit Halfpipe

Die Standfestigkeit allerdings ist eine relative, im Bühnenbild von Olaf Altmann: Wie eine Mauer türmt sich gegenüber dem Publikum eine breite Seite einer Halfpipe auf; wie eine Parabel schwingt sich der Bogen gegenüber den Sitzreihen vom Boden bis fast an die Decke des Depots 1.
Hier wird in einer Halle gespielt, während das Schauspielhaus saniert wird.

Hier wankt Bruno Cathomas als der angebetete Graf mit wehender Mähne und riesenhaftem Schwert ohne Gegner unten auf der Schrägen, während oben auf der Kante seine zwei Mitstreiter gegen sage und schreibe acht Ritter fechten und gewinnen. Sie befreien ausgerechnet Kunigunde von Thurneck, die ein heißes Verlangen mehr nach einem Landbesitz des Grafen treibt als nach diesem selbst.

Im Laufe der vergangenen Jahre hat sie so viele Ritter eingespannt, für sich zu kämpfen, dass viele sich von ihr betrogen fühlen und sich rächen wollen. Ausgerechnet das verhindert hier der Graf vom Strahl. Und dann glaubt er auch noch, sie sei die Frau aus seinem Traum.

Die Vorbereitungen zur Hochzeit werden getroffen, Käthchen muss alles mit ansehen und verrichtet dabei einen Dienst nach dem anderen: Sie warnt den Grafen und Kunigunde vor einem Angriff; sie rettet der Kunigunde ein Bild aus dem angegriffenen, in Flammen stehenden Haus; sie zieht aus dem Schutt das von Kunigunde gewünschte Futteral – in dem sich immer noch die Besitzurkunde befindet, die die von Thurneck angeblich vor den Augen des Grafen zerrissen hat. Was Käthchen aber dann fast das Leben kostet, ist, dass es die von Thurneck beim Baden gesehen hat – an der Frau ist fast nichts mehr natürlich. Das war zu Zeiten von Heinrich von Kleist noch unheimlich.

Ein weicher und fast schon weinerlicher Graf 

Ein "Ritterschauspiel", wie es im Untertitel heißt, inszeniert der Kölner Schauspielintendant Stefan Bachmann tatsächlich: Rüstungen und Pluderhosen, riesenhafte Schwerter, grimme Gesichter. Und in allem ein feiner Humor, den Kleist durch seine Wortwechsel durchaus schon vorgibt. Und den die unhandliche Schräge befördert. Kein Klamauk. Auch der Kampf der beiden Gefährten des Grafen mit den acht Feinden: ein Traum, wie so oft bei Kleist. Was aber insgesamt der Inszenierung nicht guttut, dieser ständig durch alles wabernde Somnambulismus: Er zieht den Abend ganz schön in die Länge.

Energisch sind hier nur das Käthchen und der Gottschalk des Grafen – gespielt von Stefko Hanushevsky –, der sogar dann, wenn keine Botenberichte vorgesehen sind, einen bekommt, weil er das einfach so gut kann. Mit solchen Solo-Nummern weckt er jeden, egal, in welcher Inszenierung.

Bruno Cathomas spielt seinen Grafen weich und fast schon weinerlich – und das macht er sehr gut. Es ist nicht so, als habe die Figur keine Haltung. Sie nimmt sie nur nicht ein. Der Graf versteckt sich lieber hinter seiner Mutter. Am Ende, nachdem das Käthchen mehr als einmal vom Tod bedroht war, weiß er schon, dass er sie will. Auch der Kaiser hat schnell vor dem Happy End noch erkannt, dass Katharina eigentlich seine Tochter ist – ein One-Night-Stand in Heilbronn vor 16 Jahren mit einer gewissen Gertrud, Käthchens Mutter.

Aber der Graf Wetter vom Strahl bringt es nicht über sich, dem Käthchen die Hochzeit anzukündigen. Er schafft es hier in Stefan Bachmanns Inszenierung auch nicht, das Käthchen zu sich raufzuziehen. Und, im weißen Hochzeitsanzug, rutscht er die schwarze, staubige Schräge auch nicht mehr zu ihr herunter. Stattdessen schickt er sie noch mal zu einem "Dienst": seiner Hochzeit als die Schönste beizuwohnen. Dass er sie selber heiraten will, entdeckt er ihr erst zum Schluss.

Bei Kleist fällt Käthchen in Ohnmacht – und heiratet besinnungslos? In Köln sagt Julia Riedlers Käthchen: "Schütze mich Gott" – und geht.

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