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Zeitfragen | Beitrag vom 25.10.2019

Büchner-Preisträger Lukas BärfussPoesie und Engagement

Von Sieglinde Geisel

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Der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss auf der Frankfurter Buchmesse. (picture-alliance/Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/ZB)
Lukas Bärfuss auf der Frankfurter Buchmesse. (picture-alliance/Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/ZB)

Am 2. November wird der Schweizer Autor Lukas Bärfuss mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. In seiner Heimat ist er durchaus umstritten, weil er mit seiner Gesellschaftskritik aneckt und Widersprüche aufdeckt.

"Das finde ich großartig, dass einer sich selbst an seine eigenen existenziellen Grenzen führt und am Ende steht dann doch der in sich durchgeformte Text. Das ist für mich große Literatur", sagt Ernst Osterkamp, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und damit auch Vorsitzender der Büchner-Preis-Jury, über Lukas Bärfuss.

Der Autor, dessen Romane in der Schweiz immer Bestseller sind, ist der vierte Schweizer Autor, der den Büchner-Preis erhält. Seine Vorgänger waren Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt und Adolf Muschg, und wie sie ist auch Lukas Bärfuss ein Autor, der sich einmischt. Das macht ihn in seiner Heimat nicht unbedingt beliebt.

Julian Schütt, Literaturredakteur beim SRF: "Er hat so etwas Berserkerhaftes, wie es auch Niklaus Meienberg hatte, übrigens auch Max Frisch, also etwas Unberechenbares, etwas fast, wo man das Gefühl hat: Muss ich jetzt Angst haben?"

Der Schweiz hält er den Spiegel vor

Lukas Bärfuss ist ein politischer Autor. Die Schweiz hat er einmal als "Land der Sekundärtugenden" bezeichnet, als da wären Fleiß, Ehrlichkeit, Sauberkeit, Ordnung. In seinen Theaterstücken, Romanen und vor allem in seinen Essays hält er diesem Musterland den Spiegel vor. Zugleich ist Lukas Bärfuss ein Ästhet: "Stil und Moral" – der Titel seines ersten Essaybandes ist durchaus programmatisch zu verstehen. Einer seiner Lieblingsorte in Zürich ist der Botanische Garten:

"Ich glaube, hier treffen sich wirklich zwei sehr schöne Dinge, auf der einen Seite diese wunderbare Pflanzenwelt, und dann gibt es bei jeder Pflanze ein Schildchen mit dem Namen, und das ist natürlich toll für alle, die sich für Begriffe und für Worte interessieren, dass man genau weiß, wie sie heißen."

Vielen gilt Lukas Bärfuss heute als wichtigster Intellektueller der Schweiz. Der Weg dorthin war weit, an den Büchner-Preis nicht zu denken. Aufgewachsen in Thun im Berner Oberland, hat er mit 16 die Schule abgebrochen und war dann mehrere Jahre obdachlos, bis er schließlich in der Comic-Abteilung einer Buchhandlung seine erste feste Stelle fand. Mit 27 Jahren beschloss Lukas Bärfuss nach einer Afrika-Reise, Schriftsteller zu werden.

"Ich wusste sonst nicht, was ich hätte tun sollen, es war ein bisschen faute de mieux. Weil ich konnte nicht behaupten, ich sei Herzchirurg, das wäre kriminell gewesen. Und da schien mir einfach Schriftsteller ‘ne gute Idee zu sein. Und ich hatte auch nicht so viel zu verlieren, ich war 27, ledig, hatte keine Kinder, brauchte nicht viel Geld, hatte eine billige Wohnung in Biel."

In allen literarischen Genres zu Hause

Seither sind zwanzig Jahre vergangen, und es gibt kaum ein Genre, das Lukas Bärfuss noch nicht erkundet hat: Sein Werk umfasst 25 Theaterstücke, drei Romane, zwei Essaybände, und dieser Tage erscheint "Malinois", sein erster Erzählband. Mit seinen Essays und politischen Wortmeldungen eckt er in der Schweiz immer wieder heftig an.

Im Jahr 2008 erschien "Hundert Tage". Ein Roman über den Völkermord in Ruanda und zugleich ein Roman über die Schweiz. Mit ihrer Entwicklungshilfe habe die Schweiz die Strukturen mitgeschaffen, die den Völkermord erst möglich machten, so seine Kritik. Der Roman beruht auf detaillierten Recherchen, doch gerade die Rolle der Schweiz ließ sich keineswegs leicht erschließen.

"Das Erstaunliche war, dass ich über viele Jahre über alle Aspekte dieses Landes und dieses Kontinentes Literatur gefunden habe, mit vielen Menschen geredet habe, aber die Rolle der Schweiz, die blieb mysteriös, es gab keine Bücher, keine Zeuginnen und Zeugen. Da musste ich eigentlich die Arbeit eines Historikers machen."

In "Koala" schreibt Lukas Bärfuss über den Selbstmord seines Bruders, "Koala" war dessen Pfadfindername. 2014 wurde der Roman mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet.

Die Zürcher Buchhändlerin Ursula Zangger saß damals in der Jury: "Es hat mich sehr berührt, insbesondere diese Verarbeitung dieses Selbstmords, weil meine allerbeste Freundin sich vor vielen Jahren auch das Leben genommen hat, und es war für mich sehr interessant und berührend, jemand anderem zuzuhören, der mit dieser Ungeheuerlichkeit versucht fertigzuwerden oder Antworten sich zu geben."

In seinem jüngsten Roman "Hagard" begegnen wir einem Mann, der zeitlebens getan hat, was von ihm erwartet wurde. Es geht um typisch schweizerische Seelennöte; der Roman ist ein Psychogramm der Wohlstandsgesellschaft, in dem der Einzelne sich vor allem mit sich selbst beschäftigt und in seinem Leben eingesperrt ist.

Poesie und Engagement

Für Lukas Bärfuss gibt es keinen Widerspruch zwischen Kunst und Politik, zwischen Poesie und Engagement. "Ich sehe einfach, dass das Private nicht vom Öffentlichen zu trennen ist. Und dass die bürgerliche Gesellschaft über die längste Zeit ihrer Existenz versucht hat, diese Sphären voneinander zu trennen. Und für mich ist das ein Fehler, für mich ist das ein Irrtum und Fehlentwicklung der Literatur."

Sterbehilfe, Transsexualität, die sexuelle Selbstbestimmung von Behinderten – in seinen Theaterstücken bringt Lukas Bärfuss auf die Bühne, worüber in den Zeitungen gestritten wird. Oft greift er auch direkt in Debatten ein, mit Zeitungsartikeln oder in Talkshows und Gesprächsrunden.

Der Büchner-Preis-Juror Ernst Osterkamp: "Er ist jemand, der mit äußerster Sensibilität insbesondere die politischen Entwicklungen und das sind vor allen Dingen auch mediale Entwicklungen in seinem Heimatland, in der Schweiz, beobachtet und sie mit einer gewissen Fähigkeit zur stilistischen Rücksichtslosigkeit zu kommentieren in der Lage ist."

Nicht geschniegelt und nicht berechenbar

Für Osterkamp ist Bärfuss ein unberechenbarer Autor. Gerade das ist für ihn ein Qualitätsmerkmal. Lukas Bärfuss ist kein geschniegelter Büchner-Preis-Träger: Es gibt bei ihm ein Element des Undomestizierten. Er vertraut seinem Eigensinn, und er scheut vor keinem Konflikt zurück.

Julian Schütt, Literaturredakteur beim SRF: "Es wird einem nie zu wohl, wenn man Lukas Bärfuss liest, eigentlich ist gerade das das Fantastische bei ihm, dass es einem nie zu wohl wird bei diesem Autor."

Sprecher: Michael Rotschopf und die Autorin Regie: Klaus-Michael Klingsporn
Ton: Thomas Monnerjahn
Redaktion: Dorothea Westphal

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