Büchermacher mit Leib und Seele

Sebastian Wolter © Christian Kortüm
Von Martin Becker · 16.07.2009
Nach dem Studium hangeln sich viele Absolventen mit Praktika durch den Kunstbetrieb - anders Sebastian Wolter: Der Leipziger gründete mit einem Kommilitonen "Voland und Quist". Der Verlag, der am 18. Juli in Berlin beim "Fest der Kleinen Verlage am großen Wannsee" mitwirkt, macht nunmehr seit fünf Jahren Bücher. Zu seinen Entdeckungen zählt der kroatische Schriftsteller Edo Popovic.
"Einen Nine-to-five-Job wollte ich nie machen. So anstrengend das ist, Verleger zu sein, auch die Unsicherheit, auch die finanzielle Unsicherheit, an die man sich aber gewöhnt dann mit der Zeit. Das, was mich wirklich erfüllt, ist halt nicht so eine Abgesichertheit oder ein regelmäßiges Einkommen zu haben, sondern die Arbeit an sich und was am Ende dabei herauskommt."

Mit einem bunten Verlagsprogramm in der Hand betritt der 1980 in Straußberg geborene Sebastian Wolter das Leipziger "Café Grundmann". Der junge, schlanke Mann trägt Jeans und T-Shirt, hat schwarze, glatte Haare und wirkt im ersten Moment fast schüchtern. Mit leicht verschmitztem Gesichtsausdruck erzählt er leise und freundlich von seiner großen Leidenschaft: dem Büchermachen.

"Also, ich denke schon, ich bin Verleger mit Leib und Seele, mir macht das total Spaß, ich stehe hinter den Sachen, die wir machen und das soll auch das sein, was ich den Rest meines Lebens tue."

Gerade ist Sebastian Wolter von der Vertreterkonferenz in Berlin zurückgekommen, wo er das Herbstprogramm seines Verlages "Voland und Quist" vorgestellt hat. Nach dem Studium der Verlagswirtschaft in Leipzig und Edinburgh hat Sebastian Wolter zusammen mit dem vier Jahre älteren Kommilitonen Leif Greinus den Verlag gegründet. Dass Greinus gelernter Buchhändler ist, war für das gemeinsame Projekt nützlich: Greinus und Wolter verlegen heute anspruchsvolle Popliteratur, sozialkritische Romane, hochklassige Poetry Slam-Autoren. Schulden machen, Bücher entdecken, Verhandlungen führen - viel Risiko für jemanden, der gerade sein Studium beendet hatte. Mit nicht mal Mitte 20 war Sebastian Wolter ein äußerst junger Verleger. Das fiel auf im Literaturbetrieb.

"Also, am Anfang vor ein paar Jahren, dann wurde gefragt am Buchmessestand, wo denn der Chef ist. Der stand dann aber vor demjenigen. Also, bei den Kollegen hat sich das auf jeden Fall so entwickelt, dass die uns sehr respektieren."

Nach harten Anfangsjahren geht es dem kleinen Verlag mittlerweile gut. Er ist eine gefragte Adresse in der deutschen Literaturlandschaft. Der 29-Jährige lehnt sich zufrieden an die holzvertäfelte Wand des Cafés und genießt die Atmosphäre. Hier in Leipzig ist Sebastian Wolter aufgewachsen, hier kennt er sich aus und wohnt gern inmitten der vielen Cafés und Kneipen in der Südvorstadt, dem Leipziger Szenebezirk. Kaffeepausen sind aber immer noch rar, direkt nach der Verlagsgründung gab es sie nie.

"Am Anfang haben wir bestimmt locker 60-Stunden-Wochen gehabt. Wir haben auch bis vor Kurzem beide noch Nebenjobs gehabt, was dann ja immer noch zusätzlich gemacht werden musste."

Für seine Freundin und die Freunde blieb kaum Zeit, auch an Wochenenden und Feiertagen hat er gearbeitet - nicht nur im Verlag: Für ein T-Shirt-Unternehmen übernahm Wolter das Onlinemarketing, außerdem machte er die Pressearbeit für einen Ferienlager-Veranstalter. Einerseits gab es schöne Momente: Das erste Buch in der Hand zu halten, die erste Spiegel-Rezension zu lesen, oder zu erleben, wie bei einer eigenen Verlagslesung kein Platz mehr frei ist. Auf der anderen Seite waren da existenzielle Sorgen: Wie lange kann man mit einem frisch gegründeten Verlag denn noch Schulden anhäufen?

"Ich glaub, das ist auch gut, diesen Moment im Kopf zu behalten, der einem dann doch auch zeigt, wo man herkommt und wie weit wir eigentlich auch schon gekommen sind. Es geht jetzt nicht mehr darum, ob der Verlag dann quasi pleite gehen kann demnächst."

Die Leidenschaft für Literatur kennt Sebastian Wolter schon aus seinem Leipziger Elternhaus. Seine Mutter ist Textilingenieurin, der Vater arbeitet als Journalist - die Eltern haben immer viel gelesen, das hat abgefärbt. Mit dem Beruf ihres Sohnes kommen beide somit sehr gut zurecht.

"Naja... die sind da schon stolz drauf, glaub ich. Doch, die sind sehr stolz darauf. Meine Großmutter hat mich dann manchmal gefragt, was ich sonst noch so arbeite. Also wie, das ist, das ist das Hobby des Jungen? Ich hab ihr dann erklärt, dass das mein Vollzeitjob ist. Aber stolz sind die eigentlich alle, ja."

Sebastian Wolter kümmert sich um alles selbst: Werbung machen, Zeitungen anrufen, Mails beantworten, aktuelle Verkaufszahlen ansehen. Und vor allem: Viel lesen. Texte eigener Autoren, von Agenten eingereichte Manuskripte, Neuigkeiten aus der Verlagsbranche. Auch aktuelle Entwicklungen im Verlagsgeschäft muss er aufmerksam im Auge behalten:

"Womit ich mich viel beschäftige im Moment, das ist halt die Digitalisierung. Wo das hinführt, weiß man ehrlicherweise selber nicht genau. Aber was da meine ganz grundsätzliche Vision ist, dass, auch wenn sich das Lesen total ändern sollte in den nächsten 20 Jahren, dass es diesen Verlag Voland und Quist immer noch gibt."

Einmal im Monat organisiert Sebastian Wolter einen kleinen, feinen "Literatursalon", zu dem er Autoren mit spannenden Büchern einlädt und in lockerer Atmosphäre über Literatur diskutiert. In der alternativen Leipziger Szene fühlt Wolter sich wohl: Hier will er bleiben, auch, wenn gerade alle nach Berlin ziehen.

Er wirkt wie jemand, den nichts so leicht aus der Bahn werfen kann. Sich selbst beschreibt Wolter als eher ruhigen Typen, der aber mit den Jahren gelernt hat, im richtigen Moment auf den Tisch zu hauen, wenn es etwa ungerecht zugeht oder ihn jemand als jungen Verleger nicht ernst nimmt. Natürlich ist Wolter stolz auf das, was er zusammen mit seinem Mitverleger Leif Greinus aufgebaut hat. Und letztlich sind es manchmal diese kleine Momente des reinen Glücks, die sämtliche Mühen wert sind:

"Das kann auch manchmal eine ganz kleine Lesung sein. Ich hab ja hier in Leipzig im ‚Horns Erben’ diesen Literatursalon und manchmal ist das auch so perfekt, und ich freu mich, dass das den Leuten so gefällt, was wir da machen, dass ich da in mich reinlächle quasi (lacht)."

Service:
Kleine Verlage am Großen Wannsee (IV)
18. Juli 2009, 15-22 Uhr
Literarisches Colloquium Berlin