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Religionen | Beitrag vom 03.01.2021

Buddhismus in ChinaSpirituelles Gegengewicht zum Materialismus

Hans-Günter Wagner im Gespräch mit Kirsten Dietrich

Eine Frau mit einem Regenschirm betet vor der Silhouette eines buddhistischen Tempels. (Getty Images / Wang He)
Kultur des Mitgefühls und der Gelassenheit: Am chinesischen Neujahrstag betet eine Frau vor dem buddhistischen Guiyuan-Tempel zum Glücksgott Budai. (Getty Images / Wang He)

Das Land mit der größten buddhistischen Bevölkerung ist China. Und doch ist über den chinesischen Buddhismus im Westen ziemlich wenig bekannt. Dabei gäbe es einiges zu entdecken, sagt Hans-Günter Wagner, der 15 Jahre in China gelebt hat.

Kirsten Dietrich: Wenn ich jetzt fragen würde: In welchem Land dieser Erde leben die meisten Buddhisten, also rein zahlenmäßig – ich selbst habe ziemlich schief gelegen bei meinem Versuch einer Antwort. Denn dieses Land ist China, das Land von Konfuzius, Daoismus und kommunistischer Antireligionspolitik und eben auch Heimat der größten buddhistischen Gemeinschaft. Etwa die Hälfte der Gläubigen dieser Religionsgemeinschaft weltweit lebt in China, zwischen 100 und 400 Millionen Menschen. Genaue Zahlen sind schwierig zu erhalten.

Warum der Buddhismus in China vom Westen aus so wenig wahrgenommen wird und was ihn im Speziellen ausmacht, darüber spreche ich jetzt mit Hans-Günter Wagner. Er hat sich ausgiebig mit dem Thema beschäftigt, 15 Jahre lang in China gelebt und gearbeitet und auch viele buddhistische Texte aus China übersetzt. Herr Wagner, würden Sie sich als Buddhist bezeichnen, oder woher kommt Ihr Interesse an diesem Thema?

Wagner: Ja, ich würde mich als Buddhist bezeichnen, aber nicht in dem Sinne, dass ich einer bestimmten buddhistischen Schule oder Richtung angehöre oder mich zu irgendeinem Guru bekenne, sondern im Sinne dessen, dass ich mich mit Buddha, seinen Schriften befasst habe. Aber ich würde mich genauso gut als Anhänger bestimmter Schulen der griechischen Philosophie betrachten. Der Buddhismus als eine im Westen unbekannte Religion und auch Philosophie hat einen sehr bleibenden Eindruck auf mein Denken und Handeln auch im täglichen Leben ausgeübt.

Buddhismus hinter der großen Mauer

Dietrich: Buddhismus an sich als Phänomen ist im Westen ja mehr und mehr verbreitet, aber der Buddhismus aus China, so zumindest mein Eindruck, ist gar nicht so bekannt. Warum wird China nicht als buddhistisches Land wahrgenommen?

Wagner: Der Eindruck ist natürlich zutreffend. Und das hat verschiedene Gründe: Es scheint so, als habe die Mauer, die China Jahrhunderte lang umgeben hat, gerade in Bezug auf den Buddhismus auch im Westen dazu geführt, dass der Buddhismus chinesischer Bauart hier relativ wenig bekannt ist. Aber indirekt hat China tatsächlich eine große Rolle gespielt. Der japanische Zen-Buddhismus, der im Westen ja sehr populär ist, ist in China entstanden und dort unter dem Namen Chan-Buddhismus bekannt.

Ein anderer Faktor, der sicherlich eine Rolle spielt, ist, dass die Bilder, die wir mit China in Verbindung bringen, heute mit einer kommunistischen Parteidiktatur zu tun haben und natürlich mit einem Land, das sich in den letzten Jahrzehnten rapide entwickelt hat, zu einer Weltmacht geworden ist. Die alte traditionelle Kultur, die dahintersteht, ist dabei ein bisschen aus dem Blickfeld geraten. Tatsächlich aber ist China durch seine traditionelle Kultur bis heute geprägt worden, und der Buddhismus ist Teil dieser traditionellen Kultur.

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Dietrich: Sie haben sich mit dieser traditionellen Kultur in ihrer buddhistischen Ausprägung ganz ausführlich beschäftigt und ein über 1000-seitiges Buch zum Buddhismus in China vorgelegt, deswegen wollen wir da jetzt mal ein bisschen in die Tiefe gehen: Der Buddhismus kam nach China aus dem Westen, nämlich vom indischen Subkontinent, wo er im fünften und sechsten Jahrhundert vor unserer Zeit entstand. Er kam mit Händlern in den ersten Jahrhunderten nach der Zeitenwende nach China, wo es ja schon Daoismus und Konfuzianismus gab, die etabliert waren. Welche Lücke füllte der Buddhismus denn aus, warum etablierte er sich in China?

Wagner: Da gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Der Buddhismus kam zunächst mal nicht unbedingt direkt aus Indien, sondern er kam über das Partherreich – das heutige Persien –, das Kuschaner Reich und andere Nachbarländer. Und er kam zu einer Zeit nach China, in der die Han-Dynastie, die vorher eine sehr blühende Dynastie war, Zeichen des Niedergangs zeigte. Das war nicht nur ein wirtschaftlicher und militärischer Niedergang, auch die traditionellen kulturellen Werte waren ein bisschen ins Wanken geraten. Und dort traf der Buddhismus auf eine bestimmte spirituelle Lücke und auch ein Machtvakuum, das die anderen beiden "Religionen", wenn man sie mal so nennt, der Konfuzianismus und der Daoismus – in diesem Zeitraum darstellten.

Antworten auf Fragen, die andere Religionen nicht stellten

Dazu kam, dass Buddhisten, als sie nach China kamen, Antworten auf Fragen lieferten beziehungsweise erst einmal Fragen stellten, die von den klassischen Religionen so gar nicht gestellt wurden, beispielsweise die Frage: Wie ist das mit dem Weiterleben nach dem Tode? Der Konfuzianismus, sofern man ihn als Religion bezeichnen will, ist ganz auf das Diesseits ausgerichtet. Ganz ähnlich der Ethik Kants versucht Konfuzius, die Regeln unseres Zusammenlebens aus praktischen gesellschaftlichen Notwendigkeiten herzuleiten. Von ihm ist der Satz überliefert: Ich weiß sehr wenig über das jetzige Leben, habe schon Schwierigkeiten, dieses zu ordnen, wie soll ich da etwas über das jenseitige Leben sagen?

Im Daoismus gab es durchaus die Vorstellung des Jenseitigen im Sinne des Dao als des Ursprungs, des Urgrundes aller Dinge. Aber es gab keine genauen Vorstellungen darüber, wie das Ich, die Seele sich dabei verhält, ob es ein Fortdauern der Seele, der Einzelexistenz nach dem Tode gibt. Und nun kam der Buddhismus nach China und gab eine Reihe von Antworten, die für die chinesischen Intellektuellen in dieser Zeit, für die Chinesen überhaupt, neu waren. Das machte einen Teil seiner Attraktivität aus.

Porträt des Publizisten und Übersetzers Hans-Günter Wagner mit blau-roter Anglerweste und kariertem Hemd in einer Allee grün belaubter Bäume (privat)Früher verfolgt, heute vereinnahmt: Der Buddhismus blicke in der Volksrepublik China auf eine wechselvolle Geschichte zurück, sagt der Publizist und Übersetzer Hans-Günter Wagner. (privat)

Dietrich: Das heißt, das war eine Krisensituation, in der der Buddhismus kam. Der Buddhismus hat sich aber, wenn ich Ihren Überblick recht verstehe, eigentlich selber gar nicht unbedingt als Reaktion auf eine Krise wahrgenommen, sondern eher als eine Unterstützung des Staates, eine Unterstützung der bestehenden Strukturen, also etwas, das mit dem Bestehenden übereinstimmt und da gut reinpasst.

Wagner: Genau. Es sind natürlich zwei verschiedene Ebenen: Das eine sind die Ebenen bestimmter religiöser Lehren, und das andere ist die Frage, wie bestimmte religiöse Lehren sich in ein bestimmtes Herrschaftsgefüge einfügen.

Herausforderung und Stabilisierung der Gesellschaft

Da hat der Buddhismus zum einen eine Herausforderung dargestellt: Er hat einen Mönchsorden nach China gebracht, das war sehr ungewohnt und stand auch im Widerspruch zum konfuzianischen Denken. Nach konfuzianischer Auffassung soll jeder Mensch eine Familie gründen, soll Nachkommen erzeugen und definiert dadurch seinen Platz in der Gesellschaft. Dass sich dem jemand entzieht, das war zunächst einmal für das chinesische Denken eine Herausforderung, hier mussten die Buddhisten sich erklären.

Ein weiterer Aspekt war, dass der Buddhismus zu einer Zeit nach China kam, als die staatlichen Strukturen schwach waren und die Herrscher auch kein Interesse hatten, sich mit einer neuen Religion groß zu befassen. Für sie war zunächst mal wichtig, dass der Buddhismus ihre herrschaftliche Macht nicht infrage stellte, und nicht nur das, sondern dass er auch einen positiven Beitrag zur Machtstabilisierung leisten konnte. In der Tat brachte der Buddhismus bestimmte Riten, Rituale mit nach China, die als positiv wahrgenommen wurden.

Dietrich: Das heißt aber, es dauerte eine Weile, bis der Buddhismus sich in China wirklich als Buddhismus oder die den Buddhismus Praktizierenden sich als Buddhisten verstanden haben. Was macht denn den Buddhismus in China inhaltlich aus, was ist seine Besonderheit?

Wagner: Die ursprüngliche Lehre, die frühe buddhistische Lehre, wie sie im Pali-Kanon niedergelegt wird, ist eher pessimistisch in der Ausrichtung. Allein schon der Begriff Nirwana steht für das Verlöschen. Also etwas, das vom Winde verweht wird, das Dasein, das qualvoll ist und schließlich erlischt. Diese Vorstellung, die gab es weder im Konfuzianismus noch im Daoismus, beide Lehren haben zum Leben eher eine positive Grundhaltung. Der Buddhismus hat diese pessimistische Grundhaltung eigentlich bewahrt.

In China wurde Buddha volkstümlicher und beleibter

Aber es gibt einmal den Buddhismus der offiziellen Texte, wie er in den Klöstern gelehrt wird, und es gibt so etwas wie den Volksbuddhismus, Menschen, die sich zur Lehre bekennen, die buddhistische Gottheiten anrufen, wenn es um eine Prüfung, wenn es um ausbleibenden Kindersegen geht und Ähnliches, und das macht die Vielfalt des Buddhismus aus.

Man sieht auch schon in den Höhlen von Dunhuang, wo die Händler auf ihren Reisen nach Indien aus Dankbarkeit immer Statuen haben errichten lassen über die Jahrhunderte, wie sich das äußere Bild gewandelt hat. Am Anfang stehen die schlichten Figuren Indiens mit asketischer Schlichtheit, halb nackt. Im Laufe der Zeit werden diese Figuren dann immer mehr stilisiert, nicht nur im Sinne von den äußeren Merkmalen, sondern auch in dem Sinne, dass sie prächtige Gewänder tragen, der Buddha wird mit mehr Leibesfülle dargestellt. Das wird dann verklärt dahingehend, dass die Fülle des Leibes für die große Weisheit steht. Aber es findet sich sehr stark die Tendenz, den Buddhismus insgesamt der chinesischen Mentalität, den chinesischen Lebensgewohnheiten anzupassen.

Buddhastatue in einer Höhle, umgeben von farbenfrohen Wandgemälden. (Getty Images / LightRocket / Zhang Peng)Buddha-Statue in den Dunhuang-Grotten: Die Höhlen wurden von Mönchen zwischen dem vierten und dem zwölften Jahrhundert in den Sandsteinfelsen geschlagen. (Getty Images / LightRocket / Zhang Peng)

Das zeigt sich auch in der Sprache. An die Stelle der früheren, eher scholastischen Texte mit ihren vielen Wiederholungen treten Geschichten. Und gerade diese Geschichten, diese Anekdoten, die sind es, die den Buddhismus dann auch in breiten Kreisen populär machen. In China ist das Bild, die Metapher immer schon wichtiger gewesen als ein abstrakter akademischer Lehrtext.

Heute, wenn man in chinesische Tempel geht, sieht man: Es sind vor allem ältere Frauen, so ab 50, das sind die tragenden Kräfte, die heute das Tempelleben organisieren, den Buddhismus in Nachbarschaften versuchen zu verankern. Wobei das Problem in der Volksrepublik China darin besteht, dass buddhistische Aktivitäten bisher staatlicherseits auf Tempel beschränkt waren. Es war also nicht erlaubt, dass beispielsweise eine buddhistische Gruppe auf der Straße einen Informationsstand betreibt. Inzwischen lockert es sich insofern, als dass man Buddhisten auch gestattet, im karitativen Bereich stärker tätig zu werden – das ist auch eine Säule des Buddhismus in China.

Nur der staatlich tolerierte Buddhismus wird gefördert

Dietrich: Nun ist das mit der Religion im China von heute ja sowieso eine sehr komplizierte Sache. Die Kommunistische Partei ist offiziell atheistisch, aber es gibt fünf erlaubte Religionen, und der Buddhismus ist eine von ihnen. Was bedeutet das denn für die Praxis des Buddhismus heute, wird der eher gefördert oder muss er eher auch Beschränkungen erleben, wie sie zum Beispiel ja ganz deutlich Christen und Muslime erfahren?

Wagner: Der Buddhismus wird natürlich staatlich reguliert, wobei sich die Politik gewandelt hat. In der Kulturrevolution hatten wir brutale Unterdrückung, Ermordung, Folter von Mönchen, von Nonnen, Zerstörung von Tempelanlagen. Mit der Reform- und Öffnungspolitik hat sich das gewandelt. Seit den 80er-Jahren fördert der Staat auch Tempelrestaurierungen, natürlich auch aus touristischen Interessen.

Aber in den letzten Jahren, so etwa ab 2010, haben wir in der Politik eine Vereinnahmung, dass also plötzlich der Staat buddhistische Treffen in China mitorganisiert, fördert und es plötzlich propagandistisch nach außen so darstellt: Die überhaupt größten buddhistischen Treffen auf chinesischem Boden haben wir als Kommunistische Partei möglich gemacht. Allerdings sind das natürlich Treffen, zu denen kritische Stimmen ausdrücklich ausgeladen wurden, also beispielsweise auf dem Treffen in Hangzhou mit mehreren Tausend Teilnehmern war der tibetische Buddhismus natürlich nicht durch den Dalai Lama vertreten.

Ökologischer Buddhismus: Rücksicht auf andere Lebewesen

Dietrich: Die Welt des Buddhismus globalisiert sich, welche Impulse kommen jetzt aus China in diesen weltweiten Buddhismus?

Wagner: Das sind auch sehr unterschiedliche. Einer ist der Buddhismus als Gegenpol zu einer stark materialisierten Alltagskultur in China. Es gibt viele Buddhisten in China, die heute auch über dieses Thema in buddhistischen Zeitungen publizieren, über die Frage: Welche Antworten kann der Buddhismus in unserer globalen Lebenswelt geben?

Die Antworten, die gegeben werden: Er ist eine Kultur der Rücksichtnahme auf andere Wesen, auf die Mitwelt – es bildet sich so etwas wie ein ökologischer Buddhismus aus, eine Geisteshaltung des Mitgefühls und der Gelassenheit. Die grundsätzliche Vorstellung, dass wir – wenn das eigene Ich nur sehr temporär ist, keine bleibende Existenz hat – doch in einer Verbundenheit mit allen anderen Wesen existieren, dieser Gedanke, der ist im chinesischen Buddhismus natürlich auch sehr verbreitet. Er wirkt vor allem auf die chinesische Gesellschaft, also in einer Gesellschaft, wo die Menschen vor allem aufs Einkommen, auf soziale Sicherheit großen Wert legen – und wo die Umwelt dabei große Schäden erleidet.

Die Gedanken der Rücksichtnahme, des Mitgefühls und nicht zuletzt die Jahrtausende alten Techniken der Achtsamkeit, des Ruhens in sich selbst, der Beobachtung des eigenen Körpers und des Geistes als Quelle, um Klarheit zu gewinnen, das sind, denke ich, wichtige Impulse, die jetzt von Buddhisten in China für die Entwicklung des Landes ausgehen, aber auch international große Ausstrahlungswirkungen entfalten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Hans-Günter Wagner: Buddhismus in China
Matthes & Seitz Berlin Asiathek, Berlin 2020
1104 Seiten, 128 Euro

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