Seit 13:05 Uhr Länderreport

Donnerstag, 17.10.2019
 
Seit 13:05 Uhr Länderreport

Studio 9 | Beitrag vom 08.10.2019

Buchpremiere von Deniz Yücel"Ich war darauf aus, die Lücken im System zu finden"

Von Manfred Götzke

Beitrag hören Podcast abonnieren
Deniz Yücel, deutsch-türkischer Journalist und Publizist, stellt sein Buch "Agentterrorist" vor, das von seiner Zeit in einem türkischen Gefängnis handelt. (picture alliance / Christoph Soeder)
Deniz Yücel, deutsch-türkischer Journalist und Publizist, spricht bei der Premiere seines Buches "Agentterrorist" im Festsaal Kreuzberg in Berlin. (picture alliance / Christoph Soeder)

367 Tage saß der Journalist Deniz Yücel in türkischer Haft. Über diese Zeit hat er das Buch "Agentterrorist" geschrieben. In Berlin stellte Yücel seinen schonungslosen Bericht vor - und erzählte, welche Bedeutung Fingerabdrücke auf einer Glasscheibe haben können.

Es ist ein Abend unter Freunden, an dem Deniz Yücel sein Buch über die 367 Tage in türkischer Haft vorstellt. Sehr viele, die in den Festsaal Kreuzberg gekommen sind, kennen ihn seit Jahren, sind Kollegen, haben die Unterstützungskampagne "Free Deniz" organsiert. Steffen Küsner zum Beispiel, der mit ihm studiert hat:
 
"Wir haben diese Corsos organisiert, die bundesweit bekannt geworden sind. Ein Freund von uns hat überlegt, was würde Dennis tun, um zu protestieren, dann kam die Idee auf, Corso fahren."

Entsprechend lange währt der Applaus, schon als Yücel auf die Bühne tritt. Er redet an diesem Abend viel mehr, als dass er liest.

"Die meisten kenne ich eh persönlich, deshalb ist es in Ordnung, wenn ich mit dem Du fortfahre – zumal mich nach dem Ende dieser Knastgeschichte eh alle duzen."

Er erzählt von vielen kleinen Anekdoten – die nur auf den ersten Blick nebensächlich waren, um die Haft zu überstehen.

"Ich war darauf aus, die Lücken im System zu finden."

Der Name des Buches: ein Witz über Erdoğan

Sehr lange berichtet er, wie er mit einem Trick Briefe an Verwandte und Freunde und Texte für die Öffentlichkeit aus dem Gefängnis schmuggelte – es war nicht nur wichtig, um zu kommunizieren, um die Isolationshaft zu überstehen.

"Es war jedes Mal ein kleiner Triumph über die beschissenen Zustände in diesem Gefängnis, jedes Mal ein Sieg über ein System, das darauf aus war, mich zu isolieren und mich zum Schweigen zu bringen."

"Agentterrorist" hat Yücel sein Buch genannt, ein Witz über Erdoğan, der sich bei seinen Beschimpfungen nicht entscheiden konnte, ob er Yücel nun als Agenten der Bundesrepublik bezichtigt oder doch eher als Terroristen, der der kurdischen PKK nahesteht.

"Das ist 'ne Wortschöpfung von Erdoğan, extra mir zuliebe – ich war dort, ob ich wollte oder nicht, zum Spielball seiner Politik geworden."

Keine Abrechnung mit der Türkei

Yücel hat keine Abrechnung mit der Türkei geschrieben oder Erdoğan persönlich. Es ist ein schonungsloser Bericht über die Zeit der Haft, in der die große Politik, das deutsch-türkische Verhältnis, fast permanent präsent ist und letztlich über seinen Fall entscheidet. Er ist schonungslos in der Kritik am Regime, das ihn ohne jeden Grund willkürlich festhält. Schonungslos mit der Haltung der Bundesregierung, aber auch schonungslos mit sich selbst, wenn er über die schlimmste Zeit spricht: den Psychoterror am Anfang seiner Haft.

"Es war Folter, auch wenn es am Anfang auf Erniedrigung und Einschüchterung aus war. Und im Laufe der Tage steigerte sich das. Und auch die körperliche Gewalt, die sich Tag für Tag steigerte."

Das Gefühl des Ausgeliefertseins

Doch die sei nicht das Schlimmste gewesen, sagt er. Es war das Gefühl des Ausgeliefertseins, nicht zu wissen, was seine Aufseher als nächstes tun würden. Yücel senkte zweimal den Kopf, als das von seinen Aufsehern verlangt wurde - er sollte sich beugen, erst am dritten Tag hat er sich geweigert.

"Das war eine Sache, die ich mir im Nachhinein vorgeworfen habe und die meine restliche Haftzeit geprägt hat, diese Sache mit dem Kopfbeugen - das hätte ich nicht tun sollen."

Deniz Yücel und Doris Akrap sitzen auf dem Podium im Festsaal Kreuzberg während der Buchpremiere. (picture alliance / Christoph Soeder)Deniz Yücel zusammen mit der Journalistin Doris Akrap, beide haben lange zusammen bei der Taz gearbeitet. (picture alliance / Christoph Soeder)
Prägend auch dafür, dass er später in der Haft umso hartnäckiger, sturer war, keine Deals, Zugeständnisse eingehen wollte.

An manchen Stellen wird Yücel fast poetisch, wenn er über die Besuche seiner Frau schreibt: "Schweigend legte sie die Hand auf die mit Fingerabdrücken verschmierte Trennscheibe. Diejenigen, die ihre Liebsten besuchen, werden das kennen. Sie wissen, wie viele Fingerabdrücke auf der Glasscheibe sind, die uns von unseren Liebsten trennen. Diese Fingerabdrücke, das sind wir. Daran muss ich oft denken, wie wir in der Besucherkabine saßen. Und daran, dass Dileks elegante lange Finger mir schon bei unserer ersten Begegnung aufgefallen waren."

Yücel ist noch immer angegriffen

An einem der letzten Besuche muss er seiner Frau Dilek erklären, dass er nicht bereit ist, sich nach einer Entlassung sofort mit einem deutschen Regierungsflugzeug ausfliegen zu lassen – dann könne ihn Erdogan umso besser als deutschen Agenten bezeichnen. Das Ganze gefährdet seine Entlassung:
 
"Sie sagte nichts. Also legte ich meine Hand, an die Stelle, an der ihre Hand liegt. Als könnten wir uns durch Glas berühren. Wir blicken uns eine Weile in die Augen. Dann unterbricht Dilek das Schweigen. Ich verstehe dich, mein Herz. Ich verstehe dich."

Jörg Sundermeyer, einer der vielen Freunde hier, hat Deniz Yücel auch an diesem Abend erlebt, wie er ihn schon seit Jahren kennt, erzählt er bei einer Zigarette:

"Deniz Yücel hat gezeigt, dass das, was er im Buch schreibt, auch so ist. Er ist wehrhaft, er kann nicht aufhören – aber gleichzeitig ist er immer noch angegriffen davon. Es ist wahnsinnig, wie schnell er mit seiner Geschichte umgeht und sie auch zu seiner Geschichte macht."

Interview

weitere Beiträge

Frühkritik

Neu im Kino: "Parasite"Der Duft der Armut
Szene aus dem Film "Parasite". Die Schauspielerin Yeo-jeong Jo geht eine Treppe hinauf. (picture alliance/dpa/Neon/Entertainment Pictures/ZUMAPRESS)

In "Parasite", ausgezeichnet mit der Goldenen Palme von Cannes, erzählt Regisseur Bong Joon-ho von einer armen Familie, die sich in einen Oberschichtshaushalt einschleicht. Macht sie das zu Parasiten? Die Grenze zwischen Gut und Böse ist fließend.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur