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Studio 9 | Beitrag vom 15.10.2015

Buchmesse FrankfurtSchreiben gegen Traumata

Von Ludger Fittkau

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Die indonesische Autorin Laksmi Pamuntjak (picture alliance / dpa / Horst Ossinger)
Die indonesische Autorin Laksmi Pamuntjak (picture alliance / dpa / Horst Ossinger)

Die Frankfurter Buchmesse befördere den Kommunismus, behaupteten Islamisten bei einer Protestaktion in Jakarta. Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Denn in Frankfurt geht es auch um die literarische Aufarbeitung von kommunistischen Diktaturen.

"Es ist übrigens wunderbar, mit diesen beiden von mir hochgeschätzten Kollegen hier zu sitzen, weil ich in der seltenen Situation bin, dass ich beide schon gelesen habe."

Bevor Ilija Trojanow ins Englische wechselt, um mit nicht-deutschsprachigen Autoren über post-diktatorische Verhältnisse ins Gespräch zu kommen, lobt er erst einmal die Werke der beiden Kollegen, die neben ihm auf der Buchmessen-Bühne sitzen. Die indonesische Erzählerin Laksmi Pamuntjak und den Ungarn György Dragoman:

"Und da wir auf der Buchmesse immer nur über Literatur reden, möchte ich sie daran erinnern: Das Schönste ist, Literatur zu lesen. Und wenn sie für die langen Winternächte noch nichts zu lesen haben, dann unbedingt 'Alle Farben Rot' von Laksmi lesen und unbedingt György Dragomans sowohl 'Der weiße König' als auch 'Der Scheiterhaufen'. Ganz, ganz großartige Bücher."

Eine Frau geht mit einem Tonband nach draußen vor das Haus und nimmt die Stille auf. In dieser Stille sucht sie eine tröstende Stimme, die zu ihr spricht. Doch wenn sie mit dem Tonband nach Hause kommt und den Wiedergabe-Knopf drückt, ist nichts zu hören. Die Stille bleibt unerbittlich.

Der eiserne Vorhang des Schweigens

Der in Sofia geborene Schriftsteller Trojanow erzählt diese Geschichte in seinem viel gelobten neuen Roman "Macht und Widerstand". Es geht ihm darum, den - wie er sagt - "eisernen Vorhang" des Schweigens der Opfer lange nach dem Ende einer politischen Diktatur zum Vorschein zu bringen:

"Ich werde oft gefragt - warum Erzählungen? Kann man solche Sachverhalte nicht besser mit nicht-fiktionalen, historischen Arbeiten beschreiben? Ich glaube aber, die Sensibilität des Schriftstellers erlaubt es ihm, das Unterdrückerische der Stille zu erfassen, die so dominant ist."

Zustimmung der indonesischen Schriftstellerin Laksmi Pamuntjak. Heute habe auch Indonesien die Chance, eine nachdenkliche und sensible Sprache zu entwickeln, um Phasen großer, traumatisierender Gewalt in ihrem Land zu beschreiben, sagt sie. Lange Zeit habe die öffentliche Sprache in Indonesien das ziemlich unmöglich gemacht, so Pamuntjak:

"Weit wir zunächst durch eine Periode gegangen sind, wo die politische Linke sehr stark war und in der die Sprache sehr aggressiv wurde. Es gab eine tägliche Suggestion revolutionärer Gewalt oder Aktion, benutzt wurde eine sehr kategorische und rigide Sprache. Dann mit der sogenannten 'Neuen Ordnung' unter Präsident Suharto wurde die Sprache plötzlich jeder Farbe beraubt. Man nahm ihr den Sinn und das Begehren - alles war weg, was dich an das Leben erinnert. Es war eine lange Phase purer Bürokratie und einer quasi automatisierten Sprache."

Doch nun könne eine neue Generation von Schriftstellern mit Form und Sprache experimentieren, so Laksmi Pamuntjak. Damit suchen sie Zugänge auch zu politischer Gewalt und den langen Schweigephasen danach.

Traumatisiert auf der Flucht

Das Schreiben kann auch helfen, eigene Traumata aufgrund politischer Zwänge zu verarbeiten. Der Schriftsteller György Dragoman etwa musste als 15-Jährige aus Rumänien fliehen, weil sein ungarischer Vater unter politischen Druck geraten war:

"Ich wollte absolut nicht gehen. Ich war durch diese Flucht traumatisiert. Lange Zeit konnte ich nicht mehr nach Rumänien zurückkehren. Dann irgendwann begann ich über diese Erfahrungen des Weggehens zu schreiben. Als ich anfing zu schreiben, glaube ich nicht, dass ich ein politischer Schriftsteller sei. Aber irgendwann war klar, dass ich an nichts anderem interessiert war als an Freiheit."

Weil sie sich die Freiheit nimmt, im muslimischen Indonesien auch über Schweinefleisch zu schreiben und sich deutlich von jedem islamischen Fundamentalismus distanziert, geht Laksmi Pamuntjak vielleicht aktuell das größere persönliche Risiko ein als ihre europäischen Kollegen auf der Buchmessen-Bühne. Angst habe sie allerdings nie gehabt, sagt Pamuntjak. Bis gestern:

"Gestern demonstrierten radikale Muslime vor dem Kulturministerium in Jarkata gegen mich. Sie sagen: Wir befördern den Kommunismus, indem wir an der Frankfurter Buchmesse teilnehmen."

Die Frankfurter Buchmesse ist also aus der Sicht indonesischer Islamisten ein Treffpunkt internationaler Kommunisten. In Wirklichkeit zeigte gerade die Veranstaltung mit Pamuntjak, Dragoman und Trojanow: Hier findet sich eine sensible Gemeinschaft derjenigen, die mit literarischen Mitteln das lange Angst-Schweigen bearbeiten, das diktatorische Regime - von links oder von rechts - mit ihrem Terror hervorbringe.

Mehr zum Thema:

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