Jaroslav Rudiš: "Wo die Toten sprechen"

Skurrile Reise zu europäischen Friedhöfen

Das Buchcover von Jaroslav Rudišs „Wo die Toten sprechen“ zeigt unter anderem einen grafische Darstellungen eines Autos und von Lilien
© Luchterhand Literaturverlag

Jaroslav Rudiš

Wo die Toten sprechenLuchterhand Literaturverlag, München 2026

240 Seiten

24,00 Euro

Von Ralph Gerstenberg |
Tote sprechen, Bücher werden gefressen, Kreuzspinnen pilgern zu einem SS-Grab: Jaroslav Rudiš verwebt in „Wo die Toten sprechen“ Fantastik, Geschichte und europäisches Kulturerbe zu einem wilden Roadtrip.
Miss Detroit ist mit einem weißen Sarg unterwegs durch Europa. Der Sarg ist eigentlich ein Saab, der ihrem soeben im Berliner Urban-Klinikum verstorbenen Vater gehört hat. Der bezeichnete seinen Leichenwagen schwedischer Bauart stets als Sarg. Und weil das so schön passt und Miss Detroit sowieso damit von Friedhof zu Friedhof fährt, um Trost zu finden, ist Miss Detroit in Jaroslav Rudiš' Roman „Wo die Toten sprechen“ eben mit einem weißen Sarg unterwegs durch Europa.
Ihren Namen hat sich Miss Detroit, die eigentlich Susanne heißt, vom Grabstein der 19-jährig durch Suizid verstorbenen Lilly Detroit geliehen – der ersten Toten, mit der sie auf einem Friedhof gesprochen hat.

Auch nachdem sie Berlin verlassen hatte, musste Miss Detroit an allen Gräbern junger Frauen an Fräulein Detroit denken. Oft umarmte Miss Detroit die toten Frauen, nachdem sie ihr davon erzählt hatten, warum sie sich vor einen Zug oder von einer Brücke in die Tiefe gestürzt hatten oder ins Wasser gegangen waren. Und immer wenn Miss Detroit die toten Frauen umarmte, umarmte sie auch Fräulein Detroit.

Die Begegnung der beiden Hauptfiguren

„Wie nah sind uns manche Tote, und wie tot sind uns manche, die leben“, sang Wolf Biermann einst über die auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin ruhenden Dichter, Künstler und Philosophen. Eine Zeile, die wohl auch die zweite Hauptperson und zugleich exzentrischste Figur in Rudiš' Roman unterschrieben hätte: Lorenzo, der besessen davon ist, die Gräber toter Dichter zu besuchen.
Auch zu ihm hat eine Tote gesprochen, seine verstorbene Großmutter, die ihn aufforderte, für Gerechtigkeit zu sorgen und gestohlenes jüdisches Eigentum zurückzuholen, woraufhin Lorenzo begann, Antiquitätenläden zu überfallen.
Nach seiner Festnahme kam er in eine Justizvollzugsanstalt, die sich jedoch als Universität entpuppte. Dort empfahl ihm ein Professor für Weltliteratur, die Bücher toter Dichter zu lesen – Dichter, deren Gräber er später besucht, um ihnen noch näher zu sein. Am Grab von Jean Paul in Bayreuth begegnet Lorenzo Miss Detroit.

Als Lorenzo Miss Detroit auf der Friedhofsbank erzählt, wie der Professor sich wünschte, dass Lorenzo alle Bücher der toten Dichter retten würde, und wie ihn das Ganze von Anfang an traurig und verrückt machte, weil Lorenzo wusste, dass er es nicht schaffen würde, weil es so viele Bücher waren, die er noch lesen und fressen musste. Als Lorenzo das alles Miss Detroit erzählt, schaut sie ihn fassungslos an und sagt kein Wort. Nur ab und an fließt eine Träne über ihre Wange.

Jaroslav Rudiš' magischer Realismus

Wenn hier davon die Rede ist, „Bücher zu fressen“, dann ist das durchaus wörtlich gemeint, denn dann ist man mittendrin in Jaroslav Rudiš' magischem Realismus, in dem Figuren in Särgen reisen, Bücher vertilgen und die europäische Kunst und Literatur von gefährlichen Kreuzspinnen bedroht wird.
Auf der Friedhofsinsel San Michele treffen Lorenzo und Miss Detroit schließlich noch den melancholischen Caspar, der vergeblich versucht hatte, mit einer Reise nach Venedig seine Ehe zu retten. Damit ist das Trio der Friedhofsreisenden komplett.
Gemeinsam besuchen sie in Triest, Ljubljana, Linz, Wien, Prag und Brünn die Gräber etwa von Karl Kraus, Adalbert Stifter, Thomas Bernhard und Heimito von Doderer. Dicht gefolgt von den Kreuzspinnen, die ebenfalls auf dem Weg zu einem Friedhof sind, allerdings auf Pilgerreise. Sie suchen das anonymisierte Grab des SS-Führers Reinhardt Heydrich, der zu den maßgeblichen Organisatoren des Holocaust zählte und wegen seiner Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung auch „Der Henker von Prag“ genannt wurde.
Die Kreuzspinnen haben alte Fotos von seiner Beerdigung dabei. Sie reden über seine angeblichen Heldentaten und Verdienste für das deutsche Volk und das Deutsche Reich. Und erzählen von einem Schrein, den sie für ihn errichten wollen. Von einer neuen Kirche, die im Mittelpunkt eines Dorfes in der Lausitz stehen soll, das wiederum im Mittelpunkt eines neuen Reiches liegen soll, in dem nur Kreuzspinnen leben werden.

Drei Helden gegen Kreuzspinnen

Jaroslav Rudiš hat einen turbulenten und fantastischen Roman über den klassischen Kampf Gut gegen Böse geschrieben. Denn natürlich wollen seine drei Helden die unheilvollen Bestrebungen der Kreuzspinnen verhindern. Zugleich ist es ein abgefahrener Roadtrip über das Erinnern und das Geschichtenerzählen, das die Toten am Leben erhält.
Und es ist – wie fast alle Bücher Jaroslav Rudiš' – ein Buch über das reiche kulturelle Gedächtnis Europas und seine leidvolle Vergangenheit. Für all das findet er eine skurrile, witzige und mit viel Verve erzählte Geschichte, in der Friedhofswasser zum Lebenselixier wird und die Toten durch Blumen und Wurzeln mit den Lebenden kommunizieren.
Nicht zuletzt ist sein Roman ein Plädoyer für die Literatur, die allein dadurch, dass die Werke toter Dichter noch immer gelesen werden, die Grenze zwischen Tod und Leben, Vergangenheit und Gegenwart spielend zu überwinden vermag.
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