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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.04.2020

Buchhandlungen in Zeiten des ShutdownsLesetipps über WhatsApp und Co.

Von Tobias Krone

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Ausschnitt eines Schaufensters einer Buchhandlung in Bayern: Zu sehen sind verschiedene Bücher, dazwischen ein Schild mit der Aufschrift "Gerüstet für die Quarantäne? Bei uns gibt es (noch) Lesestoff!" (imago images / MiS)
Viele Buchhandlungen müssen zur Zeit geschlossen bleiben. Die Händler versuchen es jetzt vielfach über Social Media. (imago images / MiS)

Wie viele Geschäfte kämpfen zur Zeit auch Buchhandlungen ums Überleben. Nach anfänglicher Verzweiflung werden inzwischen alle Kanäle genutzt, ob Facebook oder WhatsApp. Das bringt zwar keinen Gewinn, reicht aber zum weiterexistieren.

Die Gefühlslage bei Katrin Schmidt – inzwischen ist sie stabil. Am Anfang des Shutdowns war das anders. "Bei uns viel hat es zu wahnsinnig viel Aktionismus geführt, dass du den ganzen Tag – das willst du machen und mit der Zeitung reden, was könnten wir auf Facebook machen und auf Instagram, was kann man mit den anderen Händlern machen, kann man da Kooperationen eingehen. Teilweise bin ich aber auch an manchen Abenden schlicht in Tränen ausgebrochen, weil ich einfach nicht mehr wusste, wie es weitergehen sollte", beschreibt die Buchhändlerin ihre Erfahrungen.

Coronavirus-NewsletterEs ist später Nachmittag. Katrin Schmidt, die Mitinhaberin der Buchhandlung Lesezeichen im Münchner Vorort Germering, kniet auf dem Fußboden zwischen Buchregalen, Ladentheke und Versandkisten – neben ihren Kolleginnen. Vor sich eine meterlange Reihe an Plastiktüten, die sie selbst ausliefern. "Wir packen gerade die Ware, die wir innerhalb des Ortes zustellen, in Tüten. Das heißt, es werden stapelweise die Bücher hingelegt, die Rechnung draufgelegt. Dann wird ein Label ausgedruckt, damit wir die Tüten belabeln können – und das tüten wir gerade ein", so Schmidt.

13 Stunden am Tag Existenzkampf

Katrin Schmidt ist eine von tausenden Buchhandlungsinhaberinnen, die gerade alles tun, um bei geschlossener Laden-Tür den Kampf um die Existenz weiterzuführen. "Also seit dem Shutdown sind meine Kollegin und ich jeden Tag zwölf bis dreizehn Stunden im Laden. Einfach um das aufrecht zu erhalten. Weil wir ja keine Logistikerinnen sind, sondern Buchhändlerinnen", erzählt sie.

Buchhändlerin Katrin Schmidt steht vor einem Bücherregal in ihrem Geschäft. (Tobias Krone)Kommt zur Zeit auf 40 Bestellungen pro Tag - Buchhändlerin Katrin Schmidt aus dem Münchner Vorort Germering. (Tobias Krone)

Die Beratung machen sie hier jetzt verstärkt online – zum Beispiel über Facebook: "Ihr steht vor eurem Garten, das Wetter ist schön und Ihr hättet jetzt eigentlich Zeit und euer Daumen ist eher so hellgrün, dann hätte ich hier ein Superbuch für alle Garteneinsteiger, aber auch für diejenigen, die einen Garten haben und sich fragen, was mache ich da eigentlich?"

Seit sieben Jahren postet Schmidt kleine einminütige Werbe-Videos mit Büchertipps. Teilweise macht sie aber auch Beratungsvideos über WhatsApp. Hier führt sie einer Kundin ein Bilderbuch zum Thema Ostern vor: "Und dann habe ich hier "Hör mal, wer knabbert hier." Wenn man an der Lasche zieht, kann der Hase knabbern. Ist empfohlen ab 1 1/2 . Das wollte ich dir zeigen. Alles andere, ich versuche jetzt mal, dich zu erreichen. Bis dann, ciao!"

Weniger Umsatz, mehr Einsatz

40 Bestellungen kommen pro Tag zusammen – immerhin. Trotzdem: "Das sind halt Sachen, wo früher Kunden gekommen sind, Ware auf den Tisch gelegt haben, gegangen sind. Das läuft jetzt alles einzeln. Das ist immer noch ein Bruchteil von dem, was normalerweise umgesetzt wird. Und die Logistik natürlich frisst einen Haufen Zeit, Energie und Kosten. Jede Lieferung ist eine einzelne Rechnung, statt abends die Kassenführung. Die Bankkontoführungskosten gehen natürlich auch unendlich in die Höhe."

Auch bei Franz Klug ist geschlossen – gezwungenermaßen. Der gebürtige Österreicher ist Geschäftsführer der Buchhandlung Lentner im Neuen Rathaus am Münchner Marienplatz. Im verwinkelten Arkaden-Lädchen findet man das neueste der Philosophie – im Januar kam hier sogar Jürgen Habermas zur Signierstunde vorbei. Neben viel Belletristik wartet auch ein ganzes Regal Lyrik vergeblich auf Kunden. Doch die Stimmung von Franz Klug ist nicht so schlecht.

Der Buchhändler Franz Klug sitzt vor seinem Computer. (Tobias Krone)Viele bestellen "Die Pest" von Camus, erzählt Buchhändler Franz Klug. (Tobias Krone)

"Also natürlich fehlt uns Umsatz, aber ich muss sagen, wir sind überrascht, wir hätten nie geglaubt, dass sich so viele solidarisieren und Bücher bei uns bestellen, das ist wirklich großartig, und wir glauben, das ist deutschlandweit so. Und es ist eine riesige Chance für den Buchhandel vor Ort, die Kunden mehr zu binden und es ist großartig – wir sind begeistert", sagt Klug.

Bücher sind wie Milch und Brot

Ein Klassiker ist gerade sehr gefragt: "Am Anfang war vor allem die 'Pest' von Camus sehr stark gefragt. Aber ich würde sagen, ich würde gar nicht die Quarantäne-Bücher lesen, sondern das Neue lesen. Bitte unbedingt alle die 'Bagage' lesen", ein Familienroman von Monika Helfer, "und das philosophische Buch der Stunde ist von Giorgio Agamben 'Ausnahmezustand'", begeistert sich der Buchhändler.

Blick durch die Fensterscheibe einer Buchhandlung: Im Hintergrund Bücher, im Vordergrund Zettel mit Informationen über den Internetauftritt des Geschäfts sowie der Telefonnummer für Bestellungen über WhatsApp. (Tobias Krone)Das Ladengeschäft hat zu, Bestellungen übers Internet oder sogar WhatsApp sind möglich. (Tobias Krone)

Nicht mehr ganz neu, aber ein Essay über die Entmachtung der Bürgerinnen und Bürger durch die Antiterror-Gesetze des Staats. Zurück zum Geschäft: Ob es besser wäre, die Buchläden jetzt wieder aufzumachen? Franz Klug wiegt zweifelnd den Kopf hin und her.

"Ich bin auch der Meinung, Buchhandlungen sind Lebensmittel, das hätte nie geschlossen werden dürfen. Wo ich aber das Problem sehe: Es nützt uns nichts. Wenn wir offen haben, es kommen keine Kunden, weil niemand auf der Straße ist, nutzt das Offenhaben auch nix. Und da schneidet es sich wieder, von der Grundidee: Bücher sind wie Milch und Brot, ein absolutes Muss-Lebensmittel, aber wenn es keiner einkaufen kommt, weil niemand in die Stadt geht, bringt es uns ja auch nix."

Zurück zur Buchhandlung Lesezeichen in Germering. Dort steht mittlerweile das Auto bereit zum Ausfahren der Lieferung. Vier bis fünf Stunden wird es heute durch den Ort fahren. Lohnen wird sich das nicht. Aber gerade jetzt in der Krise spürt Inhaberin Katrin Schmidt ihren Idealismus: "Wir und die Bücher sind ja da und die Leute möchten die Bücher haben und das bringen wir zusammen. Es gibt ja auch gar keinen Grund, jetzt nichts zu machen."

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