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Rang I | Beitrag vom 20.12.2014

Buch über Klaus Maria BrandauerDas ewige Genie

Von Michael Laages

Der österreichische Schauspieler Klaus Maria Brandauer als Lear während einer Probe zu William Shakespeares "König Lear" im Wiener Burgtheater am 19. Dezember 2013. (picture alliance / dpa / Hans Klaus Techt)
Der österreichische Schauspieler Klaus Maria Brandauer als Lear am Wiener Burgtheater. (picture alliance / dpa / Hans Klaus Techt)

Über viele Jahre hin hatte sich Klaus Maria Brandauer im Theater rar gemacht. Seit einiger Zeit aber ist er eine Partnerschaft mit dem Regisseur Peter Stein eingegangen. Ronald Pohl hat jetzt ein Buch vorgelegt, das auch von dieser späten Wiederkehr erzählt.

Derart viel Jubel und Hudel ist dann doch eher selten. Und wer ein wenig allergisch reagiert auf unentwegt olympisches Gerühme und Dauerbeschuss mit Einzigartig- und Unvergleichlichkeiten, der dürfte sich sehr schnell sehr schwer tun mit der Lektüre von Ronald Pohls biografischen wie theaterhistorischen Blicken auf den Schauspieler Klaus Maria Brandauer.

Der war im Frühsommer 2013 70 Jahre alt geworden und kehrte im Herbst jenes Jahres auch auf die Bühne des Wiener Burgtheaters zurück, dem er seit den frühen 70er-Jahren angehört; wenn auch selten als Aktivposten, eher als Ikone im Archiv. Nun war er als Shakespeares "König Lear" zu betrachten; der damals noch im Amt befindliche Burg-Direktor Matthias Hartmann hatte, die schon über Jahre hin bestehende Kooperation Brandauers mit Peter Stein auch für das eigene Haus genutzt.

Ronald Pohls Buch mit dem absichtsvoll (oder gedankenlos) irreführenden Titel ("Mein Königreich für ein Pferd" sagt bekanntlich Richard III. und natürlich nicht Lear!) ist eigentlich keine Biografie, keine Lebenswegbeschreibung; mit Brandauer hat der Autor offenbar anderes und mehr im Sinn. Aber was? Das wird über gut 200 Seiten hin nie wirklich ganz klar; dies ist das seit langer Zeit und mit sicher großem Abstand unordentlichste Buch über ein durchaus lohnendes Theater-Objekt. Und vielleicht gehörte es ja zu Pohls Strategie, "KMB" (wie er immer wieder abgekürzt erscheint) vor allem erst mal über jeden grünen Klee zu loben - damit es im weiteren nicht so sehr auffällt, dass der Autor mehrheitlich von ganz anderen Dingen berichtet.

Ein Buch über Österreich

Dies ist, aufs Ganze betrachtet, ein Buch über Österreich – und der Schauspieler aus Bad Aussee in der Steiermark ("der Altausseer" oder auch nur "Ausseer", wie er mindestens so oft wie als "KMB" verzeichnet ist) ist zwar die Lichtgestalt des kleines Land und weltberühmt über dessen enge Grenzen hinaus; aber er ist auch bloß ein Vehikel.

Zunächst aber wird Kapitel um Kapitel Steins Wiener "Lear"-Inszenierung besungen; als hätte der Raum für die Kritik im "Standard" damals nicht gereicht, und als wolle Pohl nun gleich das ganze Buch mit "Lear" füllen. Eingestreut sind Geschichten um Hartmanns letzte Taten vor dem Burg-Rausschmiss, aber auch über Brandauers erste Lehrer in frühester Burgtheater-Zeit, die Dramaturgen Eva und Friedrich Heer; gleich danach kommt die österreichische Kreisky-Ära auf den Prüfstand, viel Philosophie fließt ein mit Ludwig Wittgenstein.

Hierhin und dorthin driftet der Autor, erzählt eine politische "Comedie humaine" über den letzten Kaiser im kakanischen Reich der untergehenden k-und-k-Monarchie. Spät kommen biografische Daten zur Familiengeschichte des "Altausseers" ins Spiel, und wichtige Theater-Menschen werden beschworen: der damalige Burg-Chef Ernst Häussermann, der wegweisende Lehrer Fritz Kortner und bald darauf der damals "junge Wilde" Hans Neuenfels, mit dem "KMB" trotz vieler Kräche und Absagen eine haltbare Freundschaft verbindet.

Kritik an Steins "altbackener" Handwerklichkeit

Durch all diese Begegnungen mit Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern einerseits und andererseits dem "Weltenwunder Österreich" persönlich treibt Brandauer stets als das prinzipiell vernünftige, bürgerlich-aufgeklärte Bild des Anti-Österreichers an sich; Pohl schützt das Objekt seiner Autorenfantasien in ihrer natürlich "einzigartigen" und "unvergleichlichen", dabei immer "verführerischen" Schauspielerkraft auch gegen die Regisseure – etwa gegen Peter Stein.

Da ist übrigens Pohl ausnahmsweise mal zuzustimmen, wenn er die mittlerweile extrem "altbackene" Handwerklichkeit des einstigen Schaubühnen-Meisters beklagt und den Wiener "Lear" gar als "Ritterspiel" von vorvorvorgestern wertet. Aber erstaunlicherweise setzt sich Brandauer, "KMB", das ewige Genie, immer durch, quasi unabhängig von der Regie; selbst in Steins Blechbüchsen-Armee beim "Wallenstein".

Jaja – wer bei Stein glänzt für die Ewigkeit, ohne ein Teil von Steins vorzeitlichem Kosmos zu werden: das muss ein Genie sein. Wer's glaubt, wird selig – oder glücklich mit diesem Buch.

Ronald Pohl: "Klaus Maria Brandauer – Ein Königreich für das Theater"
Braumüller Verlag, Wien 2014
207 Seiten, 21,90 Euro
Mehr zum Thema:

Theaterdonner - Der König im Bärenfell
(Deutschlandradio Kultur, Kulturpresseschau, 22.12.2013)

Theater - Viel Brandauer, wenig Lear
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 21.12.2013)

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