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Rang I | Beitrag vom 24.08.2019

Buch über das Theater KonstanzEin Intendant klagt an

Von André Mumot

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Der Intendant Christoph Nix spricht im Theater Konstanz während einer Pressekonferenz anläßlich der Inszenierung "Mein Kampf". (picture alliance / Felix Kästle/dpa)
2020 ist Schluss: Intendant Christoph Nix wird das Theater Konstanz verlassen. An der Lokalpolitik lässt er kein gutes Haar. (picture alliance / Felix Kästle/dpa)

Freier Eintritt mit Hakenkreuzbinde: Für diese Aktion erntete das Theater Konstanz viel Kritik, das Verhältnis zwischen Intendant Christoph Nix und Rathaus war endgültig kaputt. In einem Band zur Geschichte des Hauses rechnet Nix nun mit der Politik ab.

Im Verlag "Theater der Zeit" erscheint ein Buch, das nicht nur Ära des Intendanten Christoph Nix, sondern die Geschichte des Konstanzer Theaters Revue passieren lässt. "Theater_Stadt_Politik - Von Konstanz in die Welt" heißt der Band.

"Das Theater ist ein philosophischer Ort", schreibt Noch-Intendant Christoph Nix darin, "ein spielerischer Ort, jenseits von Kirche und Rathaus gegen den Zeitgeist". Der Hauptfeind ist dabei schon klar benannt: das Rathaus.

Dass es Konflikte zwischen Stadttheatern und der Lokalpolitik gibt, ist keine Seltenheit. In Konstanz aber herrscht in dieser Hinsicht offene Eskalation. Auch das wird zum Thema in dem Band "Theater_Stadt_Politik", der nicht nur auf eine jahrhundertalte Konstanzer Bühnen-Geschichte zurückblickt, sondern auch auf die erbitterten Machtkämpfe der vergangenen Jahre.

Abrechnung in einem erbitterten Essay

Seit 2006 ist Christoph Nix Intendant. Er hat darum gekämpft, seine Amtszeit um ein weiteres Jahr zu verlängern, doch nun ist klar: 2020 ist Schluss. Grund genug für Nix, in einem erbitterten Essay abzurechnen mit den Entscheidern aus dem Rathaus. Von einem "Demokratiedefizit" schreibt er und wettert über die Bürgermeister. Sie seien "institutionalisierte Autokraten und verletzen das Prinzip der Gewaltenteilung: jeden Tag", so Nix.

 Serdar Somuncu (rechts) und Theater-Intendant Christoph Nix (Mitte) bei der Pressekonferenz zur "Mein Kampf"-Inszenierung in Konstanz (dpa/picture-alliance/Felix Kästle) Serdar Somuncu (rechts) und Theater-Intendant Christoph Nix (Mitte) bei der Pressekonferenz zur "Mein Kampf"-Inszenierung in Konstanz (dpa/picture-alliance/Felix Kästle)
All das böse Blut hat sich über Jahre aufgestaut, der entscheidende Auslöser für das endgültige Zerwürfnis aber war ein Skandal gewesen, der Anfang 2018 auch in der internationalen Presse für Aufsehen gesorgt hat. Serdar Somuncu inszenierte George Taboris "Mein Kampf" und ließ die Zuschauer entscheiden, ob sie lieber eine Hakenkreuzbinde tragen und sich den Eintritt sparen oder mit einem ans Revers gesteckten Davidstern den vollen Preis zahlen wollten. Premiere: am 20. April, Hitlers Geburtstag. Zu viel Provokation für die Stadt und letztlich der Anfang vom Ende der Ära Nix.

Bildreiche Würdigung der Intendanz

Es ist ein hochinteressanter Fall, der viel aussagt über das diffizile Verhältnis von kleineren Städten und ihren Theatern. Aber wenn man mal von Nix wortreichem Zornes-Essay absieht, findet man in der neuen Veröffentlichung leider nur wenig, was den Konstanzer Streitfall ins Allgemeinere ausweitet. Das Buch ist eben doch vor allem eine bildreiche Würdigung der Intendanz, nicht zuletzt der beeindruckenden Internationalisierung des Hauses, das unter anderem regelmäßig mit dem ostafrikanischen Burundi, mit Kanada oder dem Irak zusammenarbeitet.

Der Historiker David Bruder schaut zudem in mehreren Kapiteln zurück auf die Geschichte der ältesten dauerhaft bespielten Bühne Europas und verfolgt die Konfliktlinien zwischen Machthabern und Künstlern anekdotenreich bis ins Jahr 1610 zurück.

"Die Dingen nicht lassen, wie sie sind"

Sicher können Theaterbesucher aus Städten mit Bühnen ähnlicher GrÖße bei alledem einiges wiedererkennen – letztlich bleibt das Buch aber eben doch zu sehr im Lokalen verhaftet. "Theater_Stadt_Politik" ist vor allem ein bunt ausgestattetes Erinnerungsbuch für die Konstanzer selbst, eine Wertschätzung von Spielplänen, der Arbeit des Jungen Theaters und eine Erinnerung nicht zuletzt an ihren künstlerisch erfolgreichen, wutschnaubenden Intendanten Nix, der noch einmal laut und deutlich ausholt.

So schreibt er: "Solange entpolitisierte Politiker über die Finanzmittel oder das Personal entscheiden, wird das Theater als Institution zunehmend unpolitischer werden." Seine Hoffnung? "Das Subjekt, das sich wieder und wieder auf den Weg macht, die Dinge nicht zu lassen, wie sie sind." Ein gedruckter Abschied – als Kampfansage.

"Theater_Stadt_Politik. Von Konstanz in die Welt", herausgegeben von David Bruder, Veronika Fischer, Daniel Grünauer und Christoph Nix, erscheint am 1.9.2019 beim Verlag "Theater der Zeit", 25 Euro.

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