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Tonart | Beitrag vom 06.08.2015

Buch über Bowie in BerlinAuf der Flucht vor der Künstlichkeit L.A.'s

Uwe Wohlmacher im Gespräch mit Haino Rindler

David Bowie zum Auftakt seiner Deutschland Tournee am 14. Mai 1978 in der Festhalle in Frankfurt am Main.
David Bowie zum Auftakt seiner Deutschland Tournee am 14. Mai 1978 in der Festhalle in Frankfurt am Main.

Mitte der siebziger Jahre hatte Berlin den Ruf einer Hauptstadt der Dekadenz, enormer künstlerischer Produktivität und kreativer Anstöße. Diese Atmosphäre suchte auch der englische Musiker David Bowie im Westen der Stadt.

David Bowie, 1948 im Londoner Arbeiterviertel Brixton unter dem bürgerlichen Namen David Robert Jones geboren, gehört zu den wandlungsfähigsten Persönlichkeiten der internationalen Rock-, Show- und Filmszene. Kaum eine Rolle, in die er nicht schon geschlüpft wäre – kaum ein Bereich der Kunst, in dem er sich nicht schon versucht hätte: Theater, Film, Malerei, Klassik und natürlich Rockmusik. Exzentrisch und kühl, sprunghaft und launisch, manchmal mit theatralisch zur Schau getragenem Selbstbewusstsein bewegt sich der charismatische Musiker seit mehr als 40 Jahren in der Musikszene.

Eine der wichtigsten Stationen seiner Karriere war Berlin, wo mit "Low", "Heroes" und "Lodger" zwischen 1976 und 1977 drei seiner interessantesten Platten teilweise oder vollständig entstanden. Zudem spielte Bowie eine Rolle in dem Zwanziger-Jahre-Streifen "Schöner Gigolo – armer Gigolo". Der Journalist und Autor Tobias Rüther hat aus Gesprächen mit Zeitzeugen eine Bestandsaufnahme dieser wichtigen Phase des Musikers gemacht, die gleichzeitig ein Bild von der Atmosphäre in der geteilten Stadt Ende der siebziger Jahre zeichnet.

Zwischen Verfolgungswahn und Nazi-Visionen

Mitte der siebziger Jahre hatte Berlin den Ruf einer Hauptstadt der Dekadenz, enormer künstlerischer Produktivität und kreativer Anstöße: eine Insel zwischen den politischen Blöcken, auf der das Leben und damit auch Kultur und Kunst einem anderen Rhythmus unterworfen waren. Noch immer atmete die Stadt den Geist der legendären zwanziger Jahre, als Berlin der Nabel der kreativen Welt war. Und genau diese Atmosphäre suchte der englische Musiker David Bowie, der, auf der Flucht vor der künstlichen Welt von Los Angeles, geplagt von Verfolgungswahn und Nazi-Visionen, im Berliner Stadtteil Schöneberg strandete – fast so, wie zwei Jahre später in seiner Rolle als Außerirdischer im Film "Der Mann, der vom Himmel fiel".

Bowie wollte sich vom Hyperstress seiner Zeit in den USA erholen, wollte sich von Drogen und Alkohol befreien, was ihm ausgerechnet in Deutschlands Drogen-Stadt Nummer Eins nach und nach tatsächlich gelang. Bowie gab in der Stadt des deutschen Expressionismus nicht den Star, der mit großer Entourage durch die Nobel-Discotheken und Bars der Stadt schwebte, sondern lebte fast unerkannt ein "normales" Leben, ging in Szene-Kneipen, besuchte Museen, ging spazieren und fuhr mit dem Fahrrad ins Hansa-Studio am damals noch verödeten Potsdamer Platz. Und dort entstanden, nur ein paar Schritte von der Mauer entfernt, neue Bowie-Songs, die den Geist der Veränderung atmeten, aber gleichzeitig die düstere Atmosphäre der Stadt widerspiegelten – darunter mit "Helden" der wohl eindrucksvollste Song über eine Liebe im Schatten der Berliner Mauer.

Detailgenau und unterhaltsam

Tobias Rüther erzählt in seinem Buch "Helden - David Bowie und Berlin" die Geschichte eines Suchenden, der in nostalgischer Kulisse, in der Punk und alles Neuartige einen fruchtbaren Boden fanden, nach einer neuen Identität strebte, aber die Stadt genauso plötzlich wieder verließ, als sein Interesse an ihr erlahmte.

Rüther, der erst drei Jahre alt war, als Bowie nach Berlin kam, hat sich auf die Suche begeben, hat Zeitzeugen gesucht und gefunden, mit Musikern, Produzenten, Tontechnikern, Liebschaften und Szenegängern gesprochen und Wissen aus etlichen Bowie-Biografien und Aufsätzen über Bowies Zeit in Berlin übernommen. Dabei entstand ein detailgenaues und unterhaltsames Buch über Bowies Leben und Arbeit in Berlin, das als Dokumentation seines Aufenthaltes angesehen werden kann. Letztendlich erliegt er jedoch dem in der Stadt sorgsam gepflegten Bowie-Mythos. Der Autor hätte besser daran getan, nicht jedem noch so unwichtigen Schritt und jeder Äußerung des Künstlers, z.B. zum deutschen Expressionismus, zum Nationalsozialismus, zu Trends in der Musikszene, Rainer Werner Fassbinder, Marlene Dietrich nachzugehen; jedem eine tiefere Bedeutung anzudichten und alles mit allem in Verbindung zu bringen.

Tobias Rüther: "Helden – David Bowie und Berlin"
Verlag Rogner & Bernhard 2015
224 Seiten mit 18 Abbildungen, 12,95 Euro

 

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