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Sein und Streit | Beitrag vom 07.07.2019

Buch über antike Denkerinnen Philosophie ganz ohne Bart

Von Catherine Newmark

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Alte Zeichnung der Hypathia wie sie über die Strasse gezerrt wird, (Imago / Leemage)
Die Ermordung der Philosophin Hypathia (4. Jahrhundert). Viele weibliche Intellektuelle vor und nach ihr blieben gänzlich unbekannt. Dass aber Frauen schon immer eine Rolle in der Philosophie spielten, zeigt ein mehr als 300 Jahre altes Buch. (Imago / Leemage)

Sinnbildlich für die Philosophie steht die antike Männerbüste: bärtig, in Denkerpose. Gilles Ménages „Geschichte der Philosophinnen“ aus dem 17. Jahrhundert zeigt: Philosophie war schon immer auch weiblich. Erstmals ist das Buch nun auf Deutsch erschienen.

Die Geschichte der Philosophie wird gerne entlang von großen toten Männern erzählt: Platon, Aristoteles, Descartes, Kant, Hegel usw. Dass Frauen kaum auftauchen, fällt den meisten schon längst nicht mehr auf. Und wer drei Philosophinnen nennen soll, denkt meist an solche aus dem 20. Jahrhundert, als sich die Lebensverhältnisse so weit modernisiert und die akademischen Institutionen so weit geöffnet hatten, dass die Philosophie Frauen offen stand: Simone de Beauvoir, Hannah Arendt, Judith Butler.

Versuch, weibliche Intellektuelle sichtbar zu machen

Dass auch frühere Jahrhunderte – und das bis zurück zu den alten Griechen und damit den Ursprüngen der westlichen Philosophie – voller philosophierender Frauen waren, hat die "Frauenforschung" seit den 1970er- und 1980er-Jahren immer wieder gezeigt. Gerade für die feministischen Philosophinnen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war es wichtig zu betonen, dass es natürlich auch Vorläuferinnen gegeben hat, und dass diese zu Unrecht vergessen wurden. So wurden in den letzten Jahrzehnten viele weibliche Denkerinnen wiederentdeckt: von der antiken Philosophin Hypathia über die mittelalterliche Feministin Christine de Pizan bis zur Naturphilosophin Margaret Cavendish im 17. Jahrhundert.

Gilles Ménage: Philologe und Feminist im 17. Jahrhundert

Ein Buch, das soeben unter dem Titel "Geschichte der Philosophinnen" in der "Philosophischen Bibliothek" des Hamburger Meiner Verlags erschienen ist, scheint sich genau in diese Bemühungen einzufügen. Umso erstaunlicher allerdings, dass es keineswegs aus der jüngsten Zeit stammt, sondern mehr als 300 Jahre alt ist. Verfasser der 1690 veröffentlichten "Historia Mulierum Philosopharum" –  das nun erstmals in einer textkritischen Ausgabe mit lateinischem Text und in deutscher Übersetzung vorliegt – ist der französische Gelehrte Gilles Ménage. Er verkehrte im Paris des späten 17. Jahrhunderts viel in den damals aufblühenden Kreisen weiblicher Intellektueller und Schriftstellerinnen – etwa im Zirkel der sogenannten "Précieuses" um die Marquise de Rambouillet.

Zeichnung von Gilles Menage (Imago / Artokoloro )Gilles Menage circa im Jahre 1652 (Imago / Artokoloro )

Und er nahm die Absenz von Philosophinnen in der traditionellen Philosophiegeschichtsschreibung als Lücke wahr, etwa in der einflussreichen spätantiken Sammlung "Leben und Meinungen berühmter Philosophen" von Diogenes Laertius. Der philologisch äußerst gebildete Ménage machte sich also an die Auswertung von an die 130 antiken Quellen und sammelte daraus biographische und werkgeschichtliche Informationen zu 65 weiblichen Denkerinnen, vor allem aus der Antike.

Philosophie als öffentliches Gespräch

Manche, wie die bereits erwähnte Hypathia, eine im 4. Jahrhundert nach Christus sehr renommierte Philosophin mit großer Gefolgschaft, die von einem fanatischen christlichen Mob brutal ermordet wurde, sind bekannt; andere, wie die Epikureerin Leontion, kennt man auch aus anderen Quellen, wenn auch allerdings in negativer Beschreibung: der berühmte römische Philosoph Cicero nennt sie "eine kleine Dirne, die gegen Theophrast zu schreiben wagte". Viele aber wären ohne die akribische Arbeit des Gilles Ménage gänzlich vergessen. Die Werke dieser Frauen sind nicht überliefert – so es überhaupt welche gab, denn häufig wirkten die Philosophinnen mündlich, im Dialog, in der intellektuellen Debatte, auf dem genuin philosophischen Ort des öffentlichen Marktplatzes.

Philosophie geht auch ohne Bart - schon immer

Was das Buch leistet, und was diese Ausgabe so wertvoll macht - auch jenseits eines speziell an den intellektuellen Debatten des 17. Jahrhunderts interessierten Fachpublikums - ist also die Erweiterung und damit Präzisierung unseres Bildes davon, was Philosophie einmal war und immer noch ist: nämlich nicht nur das Geschäft bärtiger alter Männer.

Gilles Ménage: "Geschichte der Philosophinnen". Übersetzt und mit Anmerkungen herausgegeben von Christian Kaiser
Mit einer Einleitung von Sandra Plastina Ricklin
Lateinisch – deutsch
Felix Meiner Verlag, Hamburg, 2019
163 Seiten, 32,90 Euro

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