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Religionen / Archiv | Beitrag vom 26.07.2015

Buch "Pulp Christian"Die Bibel als B-Movie

Von Peter Kaiser

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Eine Ausgabe der Bibel nach Übersetzung Martin Luthers. (picture alliance / dpa / Jan Woitas)
Besser als Rambo? In der Bibel stecke der Stoff für B-Movies, meint Mario Urban. (picture alliance / dpa / Jan Woitas)

Sex, Gewalt und Intrigen: In seinem Buch "Pulp Christian" nimmt Mario Urban die Bibel sehr wörtlich - und erzählt sie als bluttriefenden Groschenroman. Die Gewaltexzesse der Heiligen Schrift sind tatsächlich nichts für schwache Nerven.

"Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn. ‑ Da sprach Gott zu Noah: Alles Fleisches Ende ist vor mich gekommen; denn die Erde ist voll Frevels von ihnen."

Urban: "Ich habe probiert, göttliche Wahrheiten zu finden und ich habe mal angefangen, in der Bibel zu lesen und fand die Storys sehr interessant."

"Wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn bald. ‑ Ich will sie verderben mit der Erde."

Für viele Christen ist die Bibel nicht nur ihr Heiliges Buch, sondern auch ein Leitfaden für ihr Leben als Christ. Allerdings sind die Texte der Bibel mindestens rund 1800 Jahre alt, die Texte des Alten Testaments sind noch ein paar Hundert Jahre älter. Will man die Bibel also heute noch als einen Leitfaden nutzen, muss man sie immer wieder deuten und umformulieren, weil die Verhältnisse in der heutigen Zeit ganz anders sind als die vor zwei Jahrtausenden. Man kann das "Buch der Bücher" aber auch als eine Sammlung von Geschichten lesen. Das hat der junge Brandenburger Webdesigner und Blogger Mario Urban getan. Er hat das Alte und Neue Testament in der Bibel als eine lange Aneinanderreihung von dramatischen und exzessiven "Storys" gelesen, die ihn gefesselt haben.

"Aber die Philister griffen Simson und stachen ihm die Augen aus und führten ihn herab nach Gaza und banden ihn mit zwei ehernen Ketten."

Urban:"Das war eigentlich das, was mich am Anfang dazu bewegt hat, die Bibel zu lesen. Dass die Geschichten sehr unterhaltsam sein können, und diese ganze Theologie, Philosophie und so was hat mich am Anfang nicht so sehr interessiert."

Zerstückelte Körper und vergewaltigte Frauen

"Um diese Zeit legte der König Herodes die Hände an etliche der Gemeinde, sie zu peinigen. Er tötete aber Jakobus, den Bruder des Johannes mit dem Schwert. Und da er sah, dass es den Juden gefiel, fuhr er fort und fing Petrus auch."

Zerstückelte Körper, vergewaltigte Frauen, Drogenexzesse – extreme Gewalt sei Teil unserer Alltagskultur, stellt der Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf im Pressetext zu "Pulp Christian" fest. Dabei ist der Buchtitel "Pulp Christian" Programm: denn das englische Wort "Pulp" meint Brei oder Zerstampftes, manchmal auch Schund. Im Pressetext heißt es weiter, dass "solche Erzählungen uralt seien, nur wüsste das kaum einer". Dieser Unkenntnis wird mit Mario Urbans 377-Seiten Buch: "Pulp Christian" abgeholfen. Der Leser werde die Bibel als das erkennen, heißt es, was sie wirklich sei: die Mutter aller B-Movies.

Urban:"Wenn man das sehr wörtlich nimmt was in der Bibel steht und das alles tut, dann landet man heutzutage sehr schnell im Gefängnis, würde ich sagen. Weil zum Beispiel dazu aufgerufen wird, bestimmte Leute umzubringen. Zum Beispiel alle Menschen, die andere Götter anbeten."

"Welcher des Herrn Namen lästert, der soll des Todes sterben; die ganze Gemeinde soll ihn steinigen."

Dem "ultimativen Soap-Opera-Trash-TV-Porno-Horror-Buch: 'Pulp Christian', ein neuer Führer durch die Bibel", ist ein 17 Kapitel großes Inhaltsverzeichnis vorangestellt. Die tragen Titel wie:

- Wie man seine Sklaven richtig schlägt
- Wie man seine Kinder richtig schlägt
- Himmelfahrtskommando
- Prophet und Profikiller – die zwei Leben des Jesus C.

Urban: "Ich schreibe ja nicht über irgendwelche obskuren Bibelfiguren, die keiner kennt. Sondern in meinem Buch kommt Moses vor, der König David, dann Jesus und eigentlich Abraham, alle bedeutenden wichtigen Figuren. Man muss nicht nach bestimmten absurden Stelle suchen, weil die meisten Stellen sind sehr absurd. Das ist auch die Hauptaussage meines Buches: Die Bedeutung, die die Bibel damals hatte, wenn man sie ernst nimmt, hat nicht mehr viel damit zu tun, wie wir heute leben."

Wer nimmt die Bibel überhaupt wörtlich?

Doch versteht und liest jemand wirklich die alten Berichte, Erzählungen und Empfehlungen so, also Eins zu Eins, wie sie uns überliefert und übersetzt wurden? Wo etwa die weibliche Periode als Krankheit bezeichnet wird?

"Wenn ein Mann bei einer Frau liegt zur Zeit ihrer Krankheit und ihre Scham entblößt und ihren Brunnen aufdeckt, und sie den Brunnen ihres Blutes entblößt, so sollen beide aus ihrem Volk ausgerottet werden."

Urban: "Bibel wird definitiv sehr wörtlich genommen von manchen Leuten, von anderen eher nicht. In Deutschland ist es eher unüblich, es sehr wörtlich zu nehmen, aber in den USA gibt es Millionen von evangelikalen Christen, die nehmen das oft sehr wörtlich, und glauben zum Beispiel nicht an eine Evolution, sondern an eine göttliche Schöpfung wie in der Bibel beschrieben."

In den rund vier Jahren, in denen sich Mario Urban mit dem Buch beschäftigt und ab und zu in seinem Blog darüber geschrieben hat, hat er sich zugleich allem gestellt, was man von einem echten Bibel-Kritiker erwartet: Hinweisen von echten Gläubigen, Belehrungen von Schriftgelehrten, Bekehrungsversuchen von Missionaren.

"Und ich habe versucht, so objektiv wie möglich in der Bibel zu lesen."

Doch die Suche war vergebens, die Objektivität ohne Ergebnis. Mario Urban blieb auch nach der Lektüre der Bibel ungläubig. Denn wenn in der Bibel auf bald jeder dritten Seite gemordet, vergewaltigt, verführt, verseucht, zerrissen und vertrieben wird, warum sollte dann die Bibel das Buch der Liebe sein?

"Also die Ansicht, dass der Gott des Alten Testaments nicht viel mit dem Gott zu tun hat, der Liebe ist, die ist schon sehr alt, und die würde ich auch teilen. Aber anscheinend kann man das durchaus vereinen, wenn man will."

Mario Urban: Pulp Christian
Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2015
384 Seiten, 9,99 Euro

Mehr zum Thema:

Ridley Scotts Film "Exodus" - Bibel als Leinwandepos
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 25.12.2014)

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