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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.08.2013

Buch aus Tweets

Buch der Woche - Jennifer Egan: "Black Box", Schöffling & Co, Frankfurt 2013, 96 Seiten

Jennifer Egan reiht ihre Kurznachrichten bei Twitter zu einem Buch zusammen. (picture alliance / dpa)
Jennifer Egan reiht ihre Kurznachrichten bei Twitter zu einem Buch zusammen. (picture alliance / dpa)

Die Pulitzer-Preisträgerin Jennifer Egan hat ein neues Werk geschaffen, das eigentlich kein Buch ist, sondern eine Serie von Tweets, die sie auf dem Onlineportal Twitter veröffentlicht hat. Dennoch ergibt sich aus der Aneinanderreihung von Sätzen- und Sprachbrocken eine spannende Spionagegeschichte.

Jennifer Egan, die im vorigen Jahr für ihren Roman "Der größere Teil der Welt" auch hierzulande sehr gelobt wurde, ist eine Autorin, die gerne literarische Ausdrucksmöglichkeiten erprobt. Das bedeutet nicht nur, dass sie in einem einzigen Roman sehr unterschiedliche Erzählstimmen erklingen lässt – sie begibt sich auch gerne schreibend auf eigentlich außerliterarische Felder. Ihr Versuch, etwa die Methodik einer Powerpointpräsentation erzählerisch zu verwerten und damit gewissermaßen in ein anderes Medium zu übersetzen, ist ein Beispiel.

Die Pulitzer-Preisträgerin Jennifer Egan hat ein neues Werk geschaffen, das eigentlich kein Buch ist, sondern eine Serie von Tweets, die sie auf dem Onlineportal Twitter veröffentlicht hat. Dennoch ergibt sich aus der Aneinanderreihung von Sätzen- und Sprachbrocken eine spannende Spionagegeschichte.

Ein anderes, viel radikaleres, ist ihr neues Werk, das auf Deutsch nun gerade als Buch erscheint. Obwohl es eigentlich kein Buch ist, sondern eine Serie von Tweets, keiner länger als die 140 Zeichen, die das Medium erlaubt. Veröffentlicht wurde es ursprünglich auch als Twitter-Serie, parallel dazu wurde der Text im New Yorker abgedruckt – als Kurzgeschichte, wohlgemerkt.

Vorsicht, versteckte Kamera!

Von überzeugender Raffinesse ist es, wie Egan im von wahren Literaten so verachteten Schrumpfformat innerhalb kürzester Zeit eine durchaus gehaltvolle Erzählung aufbaut. Nach ungefähr sieben Tweets ist man bereits mitten in einer Spionagegeschichte. Dass das schnell funktioniert, liegt daran, dass Schlüsselbegriffe und genretypische Ereignisse so geschickt anspielt werden, dass das Hirn des Lesers den Rest selbst erledigt.

Es geht um eine Frau, die sich dümmer geben muss, als sie ist, und auf einen Mann angesetzt wurde, der weithin gefürchtet ist. "Den Kopf in den Nacken zu legen und die Augen zu schließen erweckt den Anschein sexueller Bereitschaft." Immer wieder eingestreut sind Anweisungen: "Sieh dich niemals nach versteckten Kameras um, dadurch würdest du dich verraten."

Solcherart sind die Bausteine, aus denen Jennifer Egan ihren Twitter-Roman spinnt; und in dem steckt nicht nur jede Menge Science Fiction und eine weiblich gewendete Spionagestory, sondern auch ziemlich viel von dem, was kritische Zeitgenossen aufregt - Dinge wie staatliche Überwachung, nanotechnologische Körperimplantate, Organisierte Kriminalität, patriotische Hirnwäsche, sexuelle Ausbeutung. Und das alles aus der Perspektive einer Frau, die sich, offenbar aus Liebe, vorgeblich aus Vaterlandsliebe, instrumentalisieren lässt bis zur Selbstaufgabe.

Das Ganze ist unterhaltsam und sprachlich außerordentlich gut kalkuliert; so gut, dass es das Gefühl hinterlässt, man hätte einen richtigen Roman gelesen – wobei die gefühlte Üppigkeit der ergänzenden Fantasie und dem literarischen und filmischen Fundus im Kopf des Lesers selbst entspringt.

Besprochen von Katharina Döbler


Jennifer Egan: Black Box
Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek
Schöffling & Co, Frankfurt 2013
96 Seiten, 9,95 Euro

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