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Echtzeit | Beitrag vom 17.04.2021

BrusthaarWildnis auf der Haut

Von Sonja Heizmann

Ein Mann besprüht sich mit Sonnencreme am Strand. (imago / Westend61)
Kopf- und Körperhaare sind leicht und relativ schnell veränderbar, ihre Gestaltung war deshalb auch eines der ersten Modephänomene. (imago / Westend61)

In Dating-Portalen und auf Instagram wird wieder Brustbehaarung gezeigt. Glatte Oberkörper sind nicht mehr das Muss. Denn das Thema Body Positivity beschäftigt zunehmend auch Männer.

Es wächst und kräuselt sich, ist wieder beliebt und sogar angesagt. Das männliche Brusthaar. Auch Ferry Hansen, beim Magazin "Men’s Health" für Beauty und Pflege zuständig, ist Fan: "Ich finde tatsächlich Körperbehaarung unwahrscheinlich schön und ich muss dazu sagen, dass ich auch gerade eine behaarte Männerbrust wahnsinnig attraktiv finde."

Für den Trend zum Brusthaar sieht Hansen vor allem einen Grund: Wenn Mode, Musik und Filme der 80er und 90er ein Comeback feiern, dann kehren auch der Schnurrbart und das Fell des Magnum Schauspielers Tom Selleck zurück.

Body Positivity – auch bei Männern

Außerdem ist Body Positivity mittlerweile auch bei den Männern angekommen, sagt Hansen: "Im Moment, denke ich, hat es sehr viel damit zu tun, dass man sagt, man steht zu sich selber, man steht zu seiner Körperbehaarung und man möchte sich da einfach nicht reinreden lassen, wie man auszusehen hat."

Die behaarte Brust kommt allerdings ziemlich gut an: 

"Es hat schon was, wenn das so dann leicht den Bauchnabel hochgeht. Ich finde es auch ganz schön, wenn man zusammen liegt und da ist ein bisschen was zum Bearbeiten."

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"Ich glaube, es ist einmal das Visuelle, weil ich damit wahrscheinlich auch etwas sehr Animalisches verbinde und das andere, ich glaube, da verfängt sich auch eher der männliche Geruch."

"Mein Vater hat viele Haare. Ich glaube, wenn ich jemanden hätte ohne Haar, das wäre ein Fremdgefühl für mich. Männer mit viel Brusthaar, das ist ein bisschen wie zu Hause für mich."

Modell Teddy oder Otter

Wie viel Pelz gefragt ist, hängt davon ab, wie die Generation vor uns mit ihrer Körperbehaarung umgegangen ist, sagen Forscher. Manche wollen sich von den Schönheitsidealen ihrer Eltern abheben, andere bevorzugen bei der Partnerwahl das, was der eigene Vater auf der Brust trug. Sexuelle Prägung nennt sich diese Aneignung von Kenntnissen über adäquate Sexualpartner.

Auf der Männerbrust ist deswegen auch nach wie vor fast alles möglich, sagt Ferry Hansen: "Da gibt es beispielsweise den Flokati, also wirklich komplett behaart mit Übergang zum Rücken. Dann gibt es den Bären, den man sich natürlich auch vorstellt als wahnsinnig behaart noch. Dann gibt es Richtung Otter. Das heißt, die Brust ist behaart und dann geht ein schmaler Strahl runter zum Bauchnabel, bis hin tatsächlich zur Glattrasur, also wirklich der Delfin."

Kopf- und Körperhaare sind leicht und relativ schnell veränderbar, ihre Gestaltung war deshalb auch eines der ersten Modephänomene unserer Art. Auch wer Brusthaar trägt, sollte das Fell unbedingt in Form bringen, meint Hansen.

In sogenannten Manscaping-Videos heißt es, die Brusthaare sollten mit dem elektrischen Rasierer getrimmt, aber nicht zu sehr bearbeitet werden. Wild soll es immer noch wirken und gleichzeitig so, als hätten die Männer alles unter Kontrolle.

Unsere Vorfahren schützte ihr dichtes Fell vor allem vor Kälte. Als der Mensch vor circa zweieinhalb Millionen Jahren zu jagen begann und längere Strecken zurücklegte, verlor er die üppige Behaarung und entwickelte Schweißdrüsen.

Brusthaar gilt als männlich

Wie stark die Körperbehaarung bei einem Mann heute ausfällt, hängt von der genetischen Disposition, dem Alter und der Konzentration des männlichen Sexualhormons Testosteron ab. Bis heute gelten Brusthaare aber als besonders maskulin, sagt der Evolutionsbiologe Thomas Junker: "Die Brusthaare und auch allgemein Körperbehaarung kommt in der Pubertät, das heißt in dem Moment, in dem auch das Testosteron in höherem Maße ausgeschüttet wird, das heißt, wo die typischen männlichen Verhaltensweisen zum Tragen kommen, auch eine gewisse Aggressivität, ein gewisses risikofreudiges Verhalten und insofern dient dann das Körperliche als Signal für das Verhalten."

Schon bei unseren frühen Vorfahren spielte die Wildnis auf der Brust eine wichtige Rolle, sagt Junker. Männer mit viel Körperhaar galten bei den Frauen als besonders attraktiv, denn sie versprachen Stärke, Schutz und den Erhalt der eigenen Art. Mag sein, dass wir uns in Krisenzeiten auch wieder nach solchen Partnern sehnen und deswegen den wärmenden Pelz der glatten jugendlichen Brust vorziehen. Eines müssen uns die Männer allerdings versprechen: Bei Rückenbehaarung wird gewaxt.

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