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Fazit | Beitrag vom 06.10.2020

Bruce Nauman in der Tate Modern"Das Gehirn soll rumlaufen"

Von Natalie Klinger

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Eine blaue Leuchtschrift zeigt den verschnörkelten Schriftzug: "The true artist helps the world by revealing mystic truths." (Bruce Nauman / ARS, NY and DACS, London 2020, Courtesy Sperone Westwater, New York)
"The true artist helps the world by revealing mystic truths." Bruce Naumans berühmtes Neonschild thront über dem Eingang der Ausstellung. Man muss sich anstrengen, es lesen zu können. (Bruce Nauman / ARS, NY and DACS, London 2020, Courtesy Sperone Westwater, New York)

Seit 50 Jahren überrascht Bruce Nauman mit seiner Konzeptkunst. Und ist damit immer noch hochaktuell, wie jetzt eine Ausstellung in der Tate London beweist: In einer Videoinstallation von 1996 sieht man den amerikanischen Künstler beim Händewaschen.

Kurator Andrea Lissoni führt mich durch die offenen Räume der Bruce-Nauman-Ausstellung in der Tate Modern in London: "Ja, wir können langsam hinlaufen. Und ich glaube, man versteht auch ein bisschen, wie die Ausstellung funktioniert."

Laut Lissoni ist es die Idee der Ausstellung, ein Echo zu haben: "Man läuft von einem Raum zum anderen, und man hört, was im vorigen Raum war."

Etwa die Geige vom Film "Violin Tuned D E A D". Bruce Nauman steht in seinem Studio und filmt sich dabei, wie er Geige spielt, dessen Saiten er auf D, E, A und D gestimmt hat, was "dead", auf Deutsch "tot" ergibt. Aus dem nächsten Raum dringt die verstörende Stimme des Schauspielers Rinde Eckert. 

Die psychologische Wirkung von Videoüberwachung

Dessen Kopf dreht sich, projiziert auf drei Seiten des Raumes, ständig im Kreis, während er schreit: "Feed Me, Eat Me, Anthropology" – Fütter mich, iss mich, Anthropologie. "Help Me, Hurt Me, Sociology" – Hilf mir, verletze mich, Soziologie.

Mit der beklemmenden Installation aus 1992 experimentiert Nauman mit der psychologischen Wirkung von Videoüberwachung. Eckerts Stimme ist so laut, dass man sie überall in der Ausstellung im Hintergrund hört. Das hat der Kurator so beabsichtigt.

Andrea Lissoni erklärt: "Es bleibt in unseren Ohren, so wie in unserem Hirn. Es ist so ein 'curatorial tool'."

Der Ton hallt in unserem Gedächtnis nach – genau wie die Fragen, die der 78-jährige Bruce Nauman seit mehr als 50 Jahren immer wieder stellt: "Was kann Kunst tun und welche Fragen fragt uns Kunst immer?"

Keins seiner Werke bringt das so sehr auf den Punkt wie sein berühmtes Neonschild, das über dem Eingang zur Ausstellung thront: "The true artist helps the world by revealing mystic truths." Der wahre Künstler hilft der Welt, indem er mystische Wahrheiten offenbart.

Der Schriftzug selbst proklamiert eine mystische Wahrheit. Und die spiralförmige Anordnung der Wörter hat dabei eine Funktion.

Nauman fordert zum Denken heraus

"Unser Gehirn soll rumlaufen", so Kurator Lissoni, "man muss eine Spirale laufen." Mit anderen Worten: Man muss sich anstrengen, um es lesen zu können, genau wie man sich beim Denken anstrengen muss, um es zu verstehen. Oft erzielt Nauman diesen Effekt, indem er uns herausfordert, zusammenzubringen, was nicht zusammenpasst.

Ein Neon-Anagram zeigt zunächst "Run from Fear" – vor seiner Angst wegrennen. Nauman vertauscht das R und das F und schon leuchtet stattdessen "Fun from Rear" – Spaß von hinten. Kurator Andrea Lissoni erklärt: "Er zeigt uns die Welt immer von einer anderen, neuen und schwierigen Perspektive mit sehr einfacher Arbeit."

Das unverhohlen Sexuelle wie beim "Spaß von hinten" taucht auch im Neon-Wechselbild "Hanged Man" von 1985 auf. Ein Galgenmännchen mit schlaffem Penis wird gehängt und bekommt dabei eine Erektion. Indem Nauman diese sexuelle Ebene einführt, zwingt er den Betrachter auch dazu, die Symbolik des Kinderspiels generell zu hinterfragen: die Todesstrafe am Galgen für denjenigen, der nicht rechtzeitig die richtigen Buchstaben errät.

Schon 1996 thematisierte Nauman das Händewaschen

Dass seine absurden, makabren und oft humorvollen Werke es immer noch vermögen, starke emotionale Reaktionen auszulösen, erklärt, warum ihm junge Künstler bis heute nacheifern, sagt Andrea Lissoni. "Heute, 2020, ist Bruce Nauman noch einer der wichtigen Künstler, die vor 50 Jahren angefangen haben".

Nur etwa 40 Werke hat Lissoni ausgewählt: Die Ausstellung in der Tate Modern ist damit kaum eine allumfassende Retrospektive. Aber jedes Werk schafft den Bezug zur Gegenwart. Besonders das Stück im Foyer, das alle Museumsbesucher sehen können.

"Es heißt 'Washing Hands'", so Lissoni. "Man sieht eigentlich nur die Hände der Künstler, die sich waschen. Und es dauert sehr lange und er wäscht sich mit sehr viel Gefühl." Das Stück stammt aus 1996.

Die Bruce-Nauman-Ausstellung ist bis 21. Februar 2021 in der Tate Modern in London zu sehen.

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