Eduardo Lago: "Brooklyn soll mein Name sein"

Liebeserklärung an einen Mikrokosmos

06:17 Minuten
Buchcover "Brooklyn soll mein Name sein Buchcover" von Eduardo Lago
© Kröner Verlag

Eduardo Lago

Übersetzt von Guillermo Aparicio

Brooklyn soll mein Name seinKröner, Edition Klöpfer, Stuttgart 2021

464 Seiten

25 Euro

Von Victoria Eglau · 23.11.2021
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In seiner Stammkneipe schreibt Gal Ackerman über sein Leben und das Universum des New Yorker Stadtbezirks Brooklyn. Ein junger Journalist soll aus diesen Notizen einen Roman machen. Der ist bestimmt für eine einzige Leserin: Ackermanns große Liebe.
Das Oakland ist eine Kneipe im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Ein Treffpunkt von Seeleuten, Boxern, Billardspielern – und verkrachten Existenzen. Ein „Kristallisationspunkt, an dem alle, die um ihn kreisten, am Ende zerschellten“, schreibt der spanische Schriftsteller Eduardo Lago in seinem ersten Roman „Brooklyn soll mein Name sein“.
Zum fiktiven Oakland hat Lago, der seit 1987 in New York City lebt, die von einem spanischen Immigranten betriebene Bar Montero inspiriert – eine Brooklyner Institution. Jahrelang ging Lago dort ein und aus, lernte die Stammgäste kennen und schrieb. Hunderte von Heften – das offenbart Eduardo Lago im Nachwort seines Romans – hat er über die Jahrzehnte mit seinen Brooklyn-Notizen gefüllt.

Waise des spanischen Bürgerkriegs als Hauptfigur

Gal Ackerman, Hauptfigur in „Brooklyn soll mein Name sein“, ist eine Art Alter Ego des Schriftstellers. Auch Ackerman, der in einem Zimmer über dem Oakland wohnt, schreibt wie ein Besessener – oft betrinkt er sich dabei am „Kapitänstisch“ der Kneipe, der für ihn reserviert ist. Er füllt Hefte über Hefte mit Geschichten, Tagebucheinträgen, Briefen und Abschriften von Zeitungsmeldungen.
Gal Ackerman ist eine Waise des spanischen Bürgerkriegs, aber hat sein ganzes Leben in den USA verbracht. Kurz vor seinem Tod überträgt Ackerman einem jungen Journalisten, der ins Oakland kommt, eine Mammutaufgabe: Er soll den Roman seines Lebens fertigstellen. Einen Brooklyn-Roman, der für eine einzige Leserin bestimmt ist: Nadja Orlov, Ackermans große Liebe, die ihn vor Jahren verlassen hat.

Roman über einen Roman

Und so ist „Brooklyn soll mein Name sein“ ein Roman über einen Roman – Liebeserklärung zugleich an eine Frau und an einen Ort. Das Buch besteht aus Fragmenten, die auf den ersten Blick nicht zusammenhängen, aber nach und nach das Leben Gal Ackermans rekonstruieren: seine schmerzhafte Suche nach den eigenen Wurzeln, seine Familie und Freundschaften, seine leidenschaftlich-unglückliche Beziehung. Erzähler ist mal er selbst, mal der Journalist und „Romanvollender“ Néstor Oliver Chapman.
Ackermans Biografie ist der Haupthandlungsstrang von „Brooklyn soll mein Name sein“, aber daneben gibt es ein Kaleidoskop von Figuren und Geschichten – teils komplett fiktiv, teils mit realem Bezug. Viele Personen gehören nicht direkt zu Ackermans Welt, sind aber Teil des Brooklyn-Universums, als dessen Chronist er und sein Schöpfer Eduardo Lago sich fühlen.

Große psychologische Tiefenschärfe

Der Autor hat seinen Roman, für den er 2005 den renommierten spanischen Buchpreis Premio Nadal erhielt, durch ein Personenverzeichnis und eine Ereignischronologie ergänzt. Vermutlich, damit sich die Leser in seinem literarischen Labyrinth nicht verirren. Tatsächlich muss hoch konzentriert sein, wer sich durch den Geschichtenschatz des Spaniers arbeiten will, aber es lohnt sich.
Lago ist ein talentierter Erzähler, der mit großer psychologischer Tiefenschärfe schreibt und dem komplexen Innenleben seiner Figuren feinfühlig auf den Grund geht. Sein Roman ist mal poetisch, mal kurios, oft melancholisch und niemals langatmig. Am Ende möchte man Lagos Brooklyn-Mikrokosmos am liebsten gar nicht mehr verlassen.

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