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Fazit | Beitrag vom 29.12.2020

Britische Mentalität"Die Briten sehen sich als ein einzigartiges Volk"

Tuvia Tenenbom im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

Ein Heißluftballon, bedruckt mit dem Union Jack, vor blauen Himmel.  (Miryam Gerk / Unsplash)
Schweben die Briten, zumindest in ihrer Selbstwahrnehmung, über dem Rest der Welt? Sie hielten sich für die Klügsten, meint Tuvia Tenenbom. (Symbolbild) (Miryam Gerk / Unsplash)

Im letzten Moment stand der Brexit-Deal. Doch warum haben die Briten überhaupt für den EU-Austritt gestimmt? Aus Nationalismus, sagt Tuvia Tenenbom, Autor des Buchs "Allein unter Briten", und in dem Glauben, aus der Sache als Gewinner hervorzugehen.

Sigrid Brinkmann: Seitdem die Briten 2016 dafür stimmten, die Europäische Union zu verlassen, hat sich der Rest der Union den Kopf darüber zerbrochen, warum die Abschottung von einem Teil der Bevölkerung so vehement gewünscht wird und die britische Regierung nicht müde wurde, auf Zeit zu spielen, um auf den letzten Drücker ein Handelsabkommen mit der EU zu schließen.

Der New Yorker Theatermacher und Journalist Tuvia Tenenbom ist Autor von Büchern, für die er kreuz und quer durch verschiedene Länder gereist ist – mit dem Ziel, herauszufinden, was die Mentalität der Leute ausmacht, welche nationalen Marotten sie pflegen und wie antisemitisch sie sind. Zuletzt hat Tenenbom das Leben im Vereinigten Königreich betrachtet und das Buch "Allein unter Briten" veröffentlicht. Kurz bevor Großbritannien nun auch den Binnenmarkt der EU verlässt, habe ich Tuvia Tenenbom angerufen. Zu seinem Arbeitsprinzip gehört es, die Gesellschaft, die er verstehen will, mit den Augen eines "Touristen vom Mars" zu betrachten. Was stach dem außerirdischen Beobachter ins Auge, als er den Fuß auf den Boden des UK setzte?

Tuvia Tenenbom: Wirklich interessant war, zu erleben – und ich konnte mir das vorher so nicht vorstellen –, wie sehr das Land von der Monarchie geprägt ist. Denn real betrachtet verfügt die Monarchie ja über keinerlei Entscheidungsmacht, anders als der Premierminister oder die Abgeordneten des Ober- und des Unterhauses. Das Vereinigte Königreich ist eine Klassengesellschaft, jeder gehört zu einer anderen Klasse, alles ist so ausdifferenziert – wie bei Blutgruppen. Und je höher du auf der sozialen Leiter steht, desto mehr schauen die Leute zu dir auf. All diese Bewunderung und Liebe zur Königin und dem monarchischen Prinzip ist befremdlich und zugleich beeindruckend. Mich erinnert das Klassensystem an die Mafia. Da kommst du nicht raus, egal wie viel Geld du hast. Das Englisch, das du sprichst, definiert dich, so wie deine soziale Stellung. Es gibt das blaue Blut und das andere. Das ist schon interessant.

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"Sie denken, sie sind die Klügsten"

Brinkmann: Sie haben mit Klempnern und Pizzalieferanten geredet, mit Lords des britischen Oberhauses und Fernsehprominenz, mit Pastoren und Rabbinern, mit muslimischen Händlern und Leave-Demonstranten, mit Soldaten, Müttern, Biertrinkern, Adligen und Verarmten. Wie sehen sich die Leute selber?

Tenenbom: Die Briten sehen sich selbst als ein einzigartiges Volk, und da landet man dann beim Brexit. Sie empfinden sich als etwas Besonderes, sie denken, sie sind die Klügsten. Hören Sie sich Leute aus der Finanzwelt in London an. Selbst wenn der Brexit erstmal alles den Bach runter gehen lässt, glauben sie fest daran, dass sich nach einer kurzen Zeit alles wieder richtet, weil es eben niemanden gibt, der das Finanzwesen und die Ökonomie besser versteht als wir, die Briten. Wenn London ein Finanzzentrum der Welt ist, dann nicht, weil man uns etwas schenkt, sondern weil wir es verdienen. Außerhalb von Großbritannien denken die Leute, dass es bei der Abstimmung für den Brexit für die Leute um Geldgewinn ging. Nein, es geht um Freiheit.

Als wären alle Diplomaten

Brinkmann: Viele empfinden die Briten als reservierte Menschen. Sie sind bekannt dafür, sehr direkte Fragen zu stellen, bewusst distanzlos zu sein, aber auch ein starkes Gespür zu haben für Loyalitätsfragen. Wie sind die Leute mit dieser Entschiedenheit klargekommen?

Tenenbom: Das war interessant, denn die Briten, besonders die Engländer, denken um die Ecke. Man meint, die arbeiten alle im Außenministerium, die sind alle Diplomaten. Aber ich habe den Trick ziemlich schnell kapiert. Leuten in der Hierarchie stellt man Fragen von hinten herum. Ich habe zum Beispiel einen jüdischen Lord getroffen – er war Generalmanager bei Marks & Spencer, sehr erfolgreich, ein reicher, angesehener Mann –, und ich habe ihn gefragt: Was halten Sie vom Antisemitismus der Labour-Partei? Seine prompte Antwort war: Wenn Sie mir politische Fragen stellen wollen, vergessen Sie’s. Ich gehe. Auf der Stelle. Also habe ich dieselbe Frage anders formuliert und gesagt: Vergessen wir die Politik. Erzählen Sie mir, wie Sie sich als Jude fühlen, wenn Sie auf die Labour-Partei schauen. Seine Antwort hat mich schockiert. Ich habe ihn im Oberhaus interviewt. Er sagte mir, ob er ins Parlamentsgebäude hinein- oder hinausginge, ob nach Hause oder sonst wohin, er habe immer eine kleine Tasche bei sich. In ihr stecke sein Pass und Geld in 27 verschiedenen Währungen. Warum das denn? – Nur für den Fall, dass sie mich zwingen, dieses Land zu verlassen, weil ich Jude bin.

"Antisemitismus ist in Großbritannien weit verbreitet"

Brinkmann: Dass Juden sich im Vereinigten Königreich, auch Politiker, gut gestellte Leute, religiöse Menschen sich so verhalten, ist das Eine, es hat vielleicht auch damit zu tun, dass Sie Briten getroffen haben, die sehr fixe Ideen über Juden kultivieren, möchte man fast sagen. Jeremy Corbyns "Vollstrecker", den Red Pete, Peter Willsman, haben Sie getroffen. Er meinte, die israelische Botschaft würde hinter Jeremy Corbyns antisemitischen Bemerkungen und Provokationen stecken, kurzum ihn manipulieren. Peter Willsman hat seinen Posten verloren wegen der Aussagen, die Sie ihm entlockt haben. Und später haben sie Corbyn aus der Labour-Partei ausgeschlossen. Inzwischen hat sie ihn wieder aufgenommen. Sie sind ihm selber begegnet. Ein jovialer antisemitischer Typ, aber kein Teufel. Was kann man von ihm halten?

Tenenbom: Jeremy Corbyn ist ein interessantes Phänomen, weil der ganze Antisemitismus-Komplex ihm angelastet wurde, aber das ist falsch. Antisemitismus ist in Großbritannien weit verbreitet. Man begegnet ihm bei Leuten der Labour-Partei genauso wie bei den Tories. Ich habe Jeremy Corbyn zwei Mal getroffen, er ist ein freundlicher, warmer Mensch, seine Sprache ist weich. Als Person mochte ich ihn, obwohl ich mit ihm nicht übereinstimme. Aber die Quelle des gegenwärtigen Antisemitismus ist er nicht. Er hat ihn nicht erfunden. Großbritannien, das ist eine schockierende Tatsache, ist ein sehr antisemitisches Land. Ich bin gerade in Moskau. In Großbritannien habe ich täglich antisemitische Dummheiten und Anschuldigen gehört. Ich bin jetzt schon mehr als zwei Wochen in Russland, ich habe viele Leute getroffen und bis jetzt nicht eine antisemitische Bemerkung zu hören bekommen. Auch nichts über die Boykottbewegung BDS. Sicher gibt es hier irgendwo Antisemitismus, aber er äußert sich nicht so offen. In der britischen Gesellschaft scheint er mir tief verwurzelt zu sein. In jeder Stadt stößt du darauf. Das macht Angst.

Der Glaube, vom Brexit zu profitieren

Brinkmann: Sie schreiben auch über das soziale Gefälle, das Sie im Vereinigten Königreich wahrgenommen haben, es ist krass: Geld und Ruhm hier, Armut und das Grab dort. Man weiß nicht, ob den ärmeren Schichten so klar ist, dass der Brexit sie noch ärmer machen wird? Wir haben hier jeden einzelnen Zug in den Verhandlungen um ein Handelsabkommen verfolgt. Interessiert das die Mehrheit der Inselbewohner überhaupt oder sind sie einfach nur zufrieden mit sich selbst?

Tenenbom: Die soziale Kluft ist sehr groß, es gibt Leute, die haben wirklich nichts und auf der anderen Seite sieht man diesen immensen Reichtum – Menschen leben in Palästen, im Überfluss, und andere auf der Straße. Das ist traurig zu sehen, aber die Wirklichkeit. Ich komme auf den Brexit zurück. Leute haben nicht aus Geldgründen dafür gestimmt, sondern aus nationalistischen Gründen und weil sie sich für einzigartig halten. Am Ende des Tages sagen sie sich: Ja, es wird hart, aber Hand aufs Herz, wir gehen da als Gewinner raus, weil wir stark und klug sind und die sinnlosen EU-Vorschriften nicht befolgen. Sie leben in einem Königreich.

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Brinkmann: 2021 soll Ihr Buch in einer englischen Fassung erscheinen: Hoffen Sie auf Einladungen nach Großbritannien?

Tenenbom: Das hoffe ich doch, aber ich weiß es natürlich nicht. Übrigens wird das Buch in der englischen Ausgabe anders heißen: Nicht "Allein unter Briten", sondern "The Taming of the Jew" – also "Die Zähmung des Juden". Das ist dann doch ein sehr anderer Titel. Mal sehen, was die Briten damit anfangen.

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