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Fazit / Archiv | Beitrag vom 15.09.2011

Brillante Dialoge auf der Nobelmeile

Büchners "Leonce und Lena" in Zürich

Von Roger Cahn

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"Leonce und Lena" in Zürich mit Jirka Zett (links) und Sarah Hofstetter (Matthias Horn)
"Leonce und Lena" in Zürich mit Jirka Zett (links) und Sarah Hofstetter (Matthias Horn)

Hausherrin Barbara Frey eröffnet ihre dritte Spielzeit am Zürcher Schauspielhaus mit einer stimmigen und stimmungsvollen Inszenierung von Georg Büchners Komödie "Leonce und Lena", die voller Musik und Poesie ist.

"Leonce und Lena" ist ein superintelligentes, dichtes Stück: vom Inhalt her höchst politisch und gesellschaftskritisch, in seiner Sprache brillant und poetisch. Eigentlich mehr ein Text zum Lesen als auf einer Bühne zu spielen. Das mag einer der Gründe sein, weshalb es nur selten zu sehen ist. Barbara Frey stellt sich dieser ungemein schwierigen Aufgabe und löst sie mit Bravour. Sie hält sich konsequent an den Plot, aktualisiert mit Feingefühl und bringt durch geschickten Einsatz von eigener Musik auch die emotionalen Seiten der an und für sich simplen Lovestory zum Klingen.

Büchners revolutionäre Botschaft kommt deutlich über die Rampe: Herrscher sind unfähig – das macht sie unberechenbar und gefährlich. Die Gesellschaft hat jegliche Werte verloren – das macht sie für Despoten anfällig. Langeweile und Hoffnungslosigkeit regieren – die Welt geht vor die Hunde. Diesem gewichtigen Anliegen zum Trotz kommt Büchners Komödie spielerisch leicht daher.

Barbara Frey und ihre Bühnenbildnerin Bettina Meyer lassen das Geschehen vor den Schaufenstern der Zürcher Nobelmeile Revue passieren. Dass diese Story auch hier und heute in ähnlicher Form geschehen könnte, wird mit diesen feinen Signalen angedeutet. Dass die Gefühle der Liebenden in keiner Weise Patina angesetzt haben, beweist das Spiel der Protagonisten: Jirka Zett als Leonce und sein Diener Valerio (Markus Scheumann) präsentieren sich wie Don Quixotte und Sancho Pansa des 21. Jahrhunderts – ein Träumer und Idealist, der eine, ein Realist, der klar sieht und sagt, wo’s lang zu gehen hat, der andere.

Dass diese beiden Figuren keinen Moment lächerlich wirken, verdankt die Produktion der Tatsache, dass die Regie nie mit dem Holzhammer zuschlägt und konsequent der Gefahr widersteht, die feinfühligen Rollen zu Knallchargen zu machen. Der einzige Wermutstropfen: Das weibliche Paar Lena (Sarah Hofstetter) und ihre Gouvernante (Ursula Doll) kann seinen männlichen Pendants schauspielerisch nicht das Wasser reichen.

Eine wichtige Rolle spielt durch den ganzen Abend die Musik: Barbara Frey setzt sie in doppelter Hinsicht klug ein. Einerseits umgeht sie mühsame Monologe, die sie auf ihren Kern reduziert als emotionale Songs mit klarer Botschaft den Schauspielern in den Mund legt. Anderseits erlaubt sie dem Publikum, sich für kurze Momente zu entspannen, um sich danach wieder besser auf die brillanten Dialoge konzentrieren zu können.

Fazit: Der in Zürich im jungen Alter von nur 24 Jahren verstorbene Georg Büchner hätte an dieser Aufführung seine helle Freude gehabt.

Informationen des Schauspielhauses Zürich

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