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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.03.2010

Briefträger mit Leidenschaft

Denis Thériault: "Siebzehn Silben Ewigkeit", Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2009, 154 Seiten

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Eine kleine leise Liebesgeschichte. (Stock.XCHNG / Grethe Boe)
Eine kleine leise Liebesgeschichte. (Stock.XCHNG / Grethe Boe)

Ein junger Postbote in Montreal hat im Roman "Siebzehn Silben Ewigkeit" eine Obsession. Er nimmt einige Briefe mit nach Hause und liest sie, bevor er sie ordnungsgemäß zustellt. Auf diese Weise verliebt er sich in eine Lehrerin, die mit ihrem Briefpartner Gedichte in der Form von Haikus tauscht.

So wie das Wasser
Den Felsen umspült
Verläuft die Zeit in Schleifen


Bilodo ist Briefträger in Montreal. Ein fleißiger, schüchterner junger Mann, der seinen Beruf mit Freude und Sorgfalt ausführt. Seine einzigen Leidenschaften sind die Kalligrafie und eine geheime Obsession. Bilodo nimmt einige Briefe mit nach Hause, öffnet sie über Wasserdampf und liest sie, bevor er sie am kommenden Tag ordnungsgemäß zustellt. Er träumt sich damit in das Leben anderer. Besonders faszinieren ihn die Briefe, die die junge Lehrerin Ségolène aus Guadeloupe, dem Literaturprofessor Grandpré nach Montreal schickt: Es sind jeweils dreizeilige Verse.

Bilodo findet schließlich heraus, dass es sich dabei um die Form des Haiku handelt – eine japanische Dichtkunst, die immer aus drei Zeilen mit 17 Silben besteht. Immer mehr fühlt er sich zu Ségolène hingezogen und erwartet sehnsüchtig ihre Briefe, als er Zeuge des tödlichen Verkehrsunfalls von Grandpré wird. Damit reist Bilodos Verbindung zu Ségolène ab, es sei denn der Briefträger offenbarte seinen Vertrauensbruch - oder schlüpfte in die Identität des Literaturprofessors. Diese zunächst wahnwitzige Idee setzt Bilodo Schritt für Schritt in die Tat um, mit unvorhersehbaren Folgen. Während Bilodos ursprüngliches Leben immer mehr in die Hintergrund tritt, entwickelt sich seine Beziehung zu Ségolène zur erotischen Leidenschaft.

Denis Thériault erschafft eine kleine leise Liebesgeschichte, die sehr anrührend ist und getragen wird von der Poesie. Mit dem Briefträger Bilodo lernt der Leser die Form des Haiku kennen und wird Schritt für Schritt in die japanische Poesie eingeführt. Bilodos anfänglich plumpe Versuche der Dichtung erlangen schließlich die Präzision und Suggestivität, die die Kraft eines Haiku ausmachen. Dabei übernimmt die Dichtung zeitweilig den Fortgang der Geschichte und steigert sich zu den sehr viel persönlicheren und stark erotisch geprägten fünfzeiligen Tanka, um dann doch als Roman zu enden. Denis Thériault beherrscht das Wechselspiel zwischen Lyrik und Prosa. In präzisen, eindrücklichen Bildern begleitet er den Briefträger Bilodo durch seine kleine Welt, die ihm immer mehr entgleitet. Das überraschende Ende stellt die Frage nach der Unausweichlichkeit des Schicksals.

Besonders ist die Arbeit der Übersetzerin Saskia Bontjes van Beek hervorzuheben, der es gelungen ist, die Haiku aus dem Französischen sehr plastisch und formvollendet ins Deutsche zu tragen. Damit hat der Roman "Siebzehn Silben Ewigkeit" seinen Wert über die Geschichte hinaus. Die Haiku kann man durchaus mehrfach lesen und genießen. Dass sie im Original ebenfalls sehr präzise und suggestiv sind und trotzdem eine große Ruhe ausstrahlen, wurde 2006 mit dem Prix littéraire Canada-Japon gewürdigt.

Besprochen von Birgit Koß

Denis Thériault, Siebzehn Silben Ewigkeit,
aus dem Französischen von Saskia Bontjes van Beek,
Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2009, 154 Seiten, 13,90 EUR

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