Briefe schreiben

Intensive Begegnung auch mit sich selbst

"Nur Liebesbriefe! Natürlich bitte an mich" lautet die erwartungsvolle Aufschrift auf einem gelben Briefkasten der Post, 2019
Während der Coronazeit haben manche die Freude am Briefeschreiben wiederentdeckt. © imago / Anja Cord
Gedanken von Anne Backhaus · 30.01.2023
Das ständige Tippen auf Bildschirmen ermüdet. Gehaltvoller kann die fast vergessene Kommunikation per Post sein. Alte Briefe sind auch eine interessante Konfrontation mit einem früheren Selbst, sagt die Journalistin Anne Backhaus.
Wie schade: Wir schreiben kaum noch Briefe. Es ist gar nicht lange her, da war das anders. Da war es schön, eng beschriebene und vielfach gefaltete Seiten dem Freund in der Nachbarklasse zuzustecken, der Freundin in gefühlt dramatisch schwarzer Tinte von dem Auslandssemester in Paris zu erzählen, Umschläge im eigenen Briefkasten zu entdecken, an der Schrift den Absender zu erkennen und sich beherrschen zu müssen, nicht im Treppenhaus mit dem Lesen anzufangen.
In den Lockdown-Monaten der Pandemie haben einige angefangen, wieder Briefe zu verschicken. Manche machen es bis heute. Als Gegenkonzept zu den nicht enden wollenden Zoom-Konferenzen, den ermüdenden WhatsApp-Gruppen und all den anderen Chats und Mails und Messages, in denen wir uns täglich austauschen, oft, ohne viel zu sagen. Denn hier reicht ja schon ein Foto, Meme, Emoji oder wenige Wörter, gerne abgekürzt. Satzzeichen? Egal.

Briefeschreiben hilft beim Ordnen der Gedanken 

Ein Brief, also richtige Sätze auf Papier, mit Tinte geschrieben, gilt gemeinhin als gehaltvoller, weil länger und nicht eben mal so weggetippt. Ein Brief, dafür nimmt man sich Zeit, denkt nach, versucht, leserlich zu schreiben. Man muss ihn verpacken, beschriften und versenden, und all das bedeutet Mühe. Das Gegenteil von egal.

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Es ist so viel Aufwand, einen Brief zu schreiben, dass persönliche Post im Briefkasten automatisch eine Art Verneigung vor dem Empfänger ist. Er oder sie hält da etwas in der Hand, das sagt: Du bist es wert.

Nichtversendete Briefe besonders spannend

Die schriftliche Hinwendung zu anderen, sie ist aber immer auch eine zu uns selbst. Briefe sind ein guter Weg, die eigenen Gedanken zu sortieren – und zwar nicht, weil wir in der Schlange vor der Post endlich einmal zum Nachdenken kommen. Nein, das Schreiben hilft. Ähnlich einer Therapeutin, die nur da ist und zuhört, verhält sich das Papier. So kann man für sich selbst herausfinden, was einem fehlt im neuen Job, was so wahnsinnig schön an dieser Liebe ist, was genau einen an dem belanglosen Streit mit der besten Freundin nachhaltig wütend macht.
Auf Papier lässt sich wunderbar wüten, aber auch sortieren, analysieren, bedauern, bemängeln und schwärmen. Alles ohne Folgen, solange man keine Briefmarke draufgeklebt. Zu den interessantesten Briefen gehören solche, die nie abgeschickt werden. Der amerikanische Schriftsteller Philip Roth bezeichnete nichtversendete Briefe als „ein florierendes subliterarisches Genre mit einer langen und bewegten Geschichte“. Findet man nach Jahren so ein viel zu ehrliches Schriftstück, das zu großem Erkenntnisgewinn geführt, aber aus gutem Grund nie mit anderen geteilt wurde, in einer Schublade wieder – nun, dann ist es ein wenig als träfe man sein früheres Selbst.

Briefe stehen für Wahrhaftigkeit 

Gute Briefe stehen für Wahrhaftigkeit. Sie sind auf einzigartige Art intim und spiegeln gleichzeitig den Zeitgeist. Wie spannend! Und so verkaufen sich heute noch Briefwechsel in Buchform. Denn wenn sich da von 1957 bis 1972 eine Ingeborg Bachmann mit einem Hans Magnus Enzensberger austauscht, beide berühmte Schriftsteller, geht es zwar um Poesie und Literaturbetrieb – aber ebenso um Persönliches. „Augenküsse“, schreibt Bachmann einmal als Abschied. Wahrlich ein Wort aus einem Brief.
In den eigenen alten Brief-Konversationen kann es hingegen überraschend viele peinliche Momente geben: Seitenweise die Falschen angehimmelt, ausführlich nicht wirklich Wichtiges erzählt, wo es ein paar Emojis getan hätten. Aber, und darauf kommt es vielleicht an, das kann durchaus lustig zu lesen sein. Es könnte sich also lohnen, das Nokia 6210 oder das erste Smartphone doch noch etwas aufzubewahren, bis einen die Sehnsucht nach den alten SMS überkommt.

Anne Backhaus, 1982, ist freie Autorin und Reporterin aus Hamburg. Ihr Schwerpunkt sind Reportagen und Interviews mit gesellschaftspolitischen und kulturellen Themen, die sie für u.a. „Die Zeit“, „Zeit Magazin“, „Süddeutsche, „Der Spiegel“ schreibt. Außerdem unterrichtet sie an Journalistenschulen und der Akademie für Publizistik. Backhaus wurde für diverse Medienpreise nominiert und von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung für den besten Tageszeitungstext des Jahres 2017 ausgezeichnet.

Porträt der Journalistin Anne Backhaus
© privat
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