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Thema / Archiv | Beitrag vom 20.05.2011

Briefe als Verbindung zum Leben

In Jena werden "Briefe von der waffenlosen Front" ausgestellt

Von Blanka Weber

An staatlichen Stellen vorbei schickten die Bausoldaten Briefe nach Hause. (AP)
An staatlichen Stellen vorbei schickten die Bausoldaten Briefe nach Hause. (AP)

Wie viele Männer in der DDR den Dienst an der Waffe verweigerten und als Bausoldaten dienten, ist unklar. Von 12.000 Männern weiß man es, es waren wohl Tausende mehr. Das Archiv für Zeitgeschichte in Jena zeigt nun Briefe von Bausoldaten.

Sie haben Brücken gebaut und Straßen, aber auch Flugplätze für das Militär. Bausoldaten in der DDR arbeiteten auch dort, wo sonst niemand arbeiten wollte, zum Beispiel in Chemiefabriken:

"Es waren Soldaten, die genauso dem Befehl und den ganzen Regulierungen in der Armee unterstanden mit dem einzigen Unterschied, dass sie nicht an Waffen ausgebildet wurden und keine Waffen hatten."

Matthias Sengewald lebt in Erfurt. Für die Kirche hat er früher – während der DDR – junge Männer beraten, die den Dienst an der Waffe ablehnten. Deren Erfahrungen sind nun in einer Ausstellung in Jena zu sehen. Denn vieles zum Thema Bausoldaten ist unbekannt, sagt der Kurator.

"Wehrdienstverweigerung. Darauf stand Gefängnisstrafe bis zu fünf Jahren, in der Regel hat es Verurteilungen zwischen 18 und 22 Monaten gegeben."

Wer sich stattdessen als Bausoldat meldete, wurde fern des heimatlichen Wohnortes am anderen Ende der Republik eingesetzt. Geschätzter Alltag für 15 – 17.000 Männer. Genaue Zahlen gibt es nicht:

"Dass man die nicht genau weiß, liegt daran, dass viele von den Wehrkreiskommandos, so hießen die Wehrkreisersatzämter in der DDR, nach 1990 die Unterlagen zum Teil vernichtet haben."

Ob dies bewusst oder aus Unkenntnis geschah, auch das lässt sich nur mutmaßen. Eines steht fest, wer als Bausoldat Fotos von sich, den Kameraden oder der Unterkunft machte, konnte bestraft zu werden. Bildmaterial war tabu. Nur vereinzelt gibt es heimliche fotografierte Bilder. Dafür aber Briefe, wertvolle Dokumente, sagt Matthias Sengewald. Denn Post erreicht meist über verschlungene Wege die Adressaten der Familien. Freunde nahmen vertraulich die Post mit, Pfarrämter reichten Briefe weiter - vorbei an staatlicher Kontrolle.

"Die Briefe waren im Grunde genommen der Spalt zum Leben. Ich verwende die Formulierung, Rainer Kunze hat dazu ein Gedicht geschrieben: 'Brief, du Zwei-Millimeter-Öffnung zur Welt.'"

Um diese "Zwei-Millimeter-Öffnung zur Welt" geht es Matthias Sengewald und denen, die über ihre Zeit als Bausoldat in der ehemaligen DDR jetzt reden können. Es waren Mutige, Unangepasste, meist Oppositionelle – die viel in Kauf nahmen.

"Das heißt, wer sich als Bausoldat erklärte, das hieß, dass er mit nahezu Sicherheit von höheren Bildungswegen ausgeschlossen war."

18 Tage Urlaub in 18 Monaten, der Willkür und Macht Übergeordneter ausgesetzt. Der Schritt des Wehrdienstverweigerns sollte schmerzen:

"Das heißt als Bausoldat hat man sich außerhalb gestellt! Und das durchzustehen, war natürlich auch nicht einfach."

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