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Interview / Archiv | Beitrag vom 26.04.2011

Brennen, jagen, ausrotten

Auch die Indianer waren Umweltsünder

Josef Reichholf im Gespräch mit Ute Welty

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Erol Sander als "Winnetou" bei den  Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg (AP Archiv)
Erol Sander als "Winnetou" bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg (AP Archiv)

Edel, hilfreich und gut? Von wegen! Die Indianer Amerikas galten im Klischee stets als besonders naturverbunden. Doch auch sie haben ihre Umwelt zerstört und in großer Zahl Tiere getötet, sagt der Evolutionsbiologe Josef Reichholf.

Ute Welty: 25 Jahre nach Tschernobyl und immer noch auf der Suche nach der Antwort auf die Frage, wie gehen wir eigentlich um mit unserer Welt.

Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann.

Welty: Angeblich eine Weisheit der Cree-Indianer, ist dieser Text in Wahrheit die Erfindung eines Filmregisseurs und dieser Text hat millionenfach Karriere gemacht als Autoaufkleber. Wie viel CO2 in seinem Namen ausgestoßen worden ist, das hat bisher niemand notiert, aber sind Umweltzerstörung und Umweltverschmutzung tatsächlich Kinder unserer Zeit, oder waren Menschen immer schon so blöd, ihren Lebensraum derart in Mitleidenschaft zu ziehen, dass sie sich ihrer Lebensgrundlage berauben? Diese Frage kann ich jetzt dem Evolutionsbiologen Josef Reichholf stellen. Guten Morgen!

Josef Reichholf: Guten Morgen.

Welty: War früher alles besser, oder können oder wollen wir uns nur nicht richtig erinnern?

Reichholf: Na klar! Früher war die Zukunft auch noch besser, hat doch Karl Valentin, das größte Original, festgestellt, also muss es so gewesen sein. – Nein, das ist natürlich ein Mythos, das ist ganz klar. Die Vergangenheit wird verklärt, weil man entweder bewusst, oder auch durchaus unbewusst die Mängel der Gegenwart empfindet.

Welty: Bleiben wir doch einen Moment bei dieser angeblichen Weisheit der Cree-Indianer. Dabei gehen jüngere Forschungen ja davon aus, dass die Indianer zum Teil keineswegs edel, hilfreich und gut waren. Wie ordnen Sie diese Erkenntnisse ein?

Reichholf: Nun, es gibt ein paar sehr starke Hinweise, zum Beispiel im Hinblick auf die Ausrottung der Großtiere. Die Indianer, die nordamerikanischen wie die südamerikanischen, sind ja gegen Ende der letzten Eiszeit aus Nordostasien nach Amerika eingewandert. Damals war, wenn man dieses abgegriffene Klischee verwenden darf, Amerika noch ein jungfräulicher Kontinent. Der ist es sehr schnell nicht mehr gewesen, weil eine Welle von Ausrottung von Großtieren einsetzte, den die Amerikaner als Pleistozän-Overkill bezeichnen. Das heißt also, es ist geradezu ein Übermaß an Großtieren ausgerottet worden, als die Menschen nach Amerika kamen. Die Indianer fingen auch an, mit Feuer das Land zu beeinflussen, und sie nutzten es in dem Maße, wie ihnen das mit ihren Mitteln, also man könnte nach heutigen Begriffen sagen, technisch möglich war.

Welty: Das sind ja zwei Dinge oder zwei Vorkommnisse, die eigentlich eher den weißen Siedlern in die Schuhe geschoben werden.

Reichholf: Ganz genau! Aber die weißen Siedler und die Rothäute, wie sie genannt wurden, die waren und sind sich ja auch gar nicht so unähnlich. Ich meine, wir sind alle als Europäer auch Asiaten, und ob jetzt die Wikinger vom Westen nach Grönland und ins östliche Nordamerika hinüber kamen, oder die Ostasiaten auf der anderen Seite, das ist eine Bewegung gewesen, die zwar zu unterschiedlichen Zeiten, aber mit denselben Zielen ausging, nämlich neuen Lebensraum zu erschließen, und das geschah zunächst natürlich durch Jagd und auch damit verbunden durch Ausrottung von Tieren und Beeinflussung der Landschaften zu Gunsten des Wildes, das man haben wollte. Das war global so, das ist kein schlechtes Privileg der Europäer, sondern das haben alle Völker zu allen Zeiten gemacht.

Welty: Würden Sie sagen oder so weit gehen, die Zerstörung der Natur liegt in der Natur des Menschen?

Reichholf: Wenn man die Natur des Menschen in der Hinsicht strapazieren möchte, ja, aber sie liegt in der Natur aller Lebewesen. Alle Lebewesen versuchen, sich auf Kosten anderer breit zu machen. Nur merken wir nicht, wie viel Zerstörung in anderen Bereichen stattfindet, weil wir das, da wir diese nutzen, für gut empfinden. Wenn sich der Wald ausbreitet, schafft er sich ein eigenes Innenklima. Für uns bedeutet der Wald Ressource in jeder Hinsicht, von Holz und Früchten des Waldes angefangen bis hin zu sauberem Wasser und so weiter.

Aber das, was vorher vorhanden war, das musste dem Wald weichen. Die Korallenriffe sind Ausscheidungen von Korallentieren, die nicht sofort recycelt werden. Die Kohle- und Erdölvorräte der Welt stammen aus Überproduktionen von vergangenen Jahrmillionen, sind mehrere hundert Millionen Jahre alt. Die Welt war nie im Gleichgewicht und alle Organismen, die das konnten, versuchten, sich immer, um das noch mal zu betonen, auf Kosten der anderen breit zu machen. Der Mensch hat mit seiner Technik nun seit ein paar Jahrhunderten ein Maß erreicht, das nun wirklich ein Übermaß ist. Er kann die ganze Erde zerstören, wenn er das möchte, und in manchen Teilen ist er ja drauf und dran, das zu tun, wobei in allererster Linie das wie zu allen Zeiten die Landwirtschaft tut und gar nicht so sehr die Technik, wie am meisten darüber geschmäht wurde.

Welty: Und wie ist diesem Menschen, der ja nun mit dem Atomkraftwerk eine ganz andere Technik zur Verfügung hat als ein einsames Tomahawk, Einhalt zu gebieten?

Reichholf: Nur durch die Gemeinschaft. Wir müssen sehr viel mehr zu einer Weltgemeinschaft zusammenwachsen, dass das Größere, die Weltgemeinschaft die Partikularinteressen in Schranken verweist. Das ist ja genau das, was bei der Strukturierung, beim Aufbau von menschlichen Gesellschaften in Sippen, Stämmen und Völkern geschehen ist, dass man die Macht der einzelnen oder von kleinen Gruppierungen beschnitten hat zu Gunsten des Gemeinwohls. Aber das endet ja bisher und auch in der Europäischen Union immer noch an den Landesgrenzen.

Welty: Der Evolutionsbiologe Josef Reichholf in Deutschlandradio Kultur. Ich danke Ihnen sehr fürs Gespräch.

Reichholf: Bitte schön! Gerne geschehen.

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