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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 10.07.2006

Bredekamp: "Zidane hatte etwas Selbstzerstörerisches"

Kunsthistoriker über die Rote Karte für den französischen Fußballstar

Moderation: Gabi Wuttke

Frankreichs Zinedine Zidane bejubelt sein Elfmetertor im Halbfinale der FIFA WM 2006 in München gegen Portugal. (AP)
Frankreichs Zinedine Zidane bejubelt sein Elfmetertor im Halbfinale der FIFA WM 2006 in München gegen Portugal. (AP)

Horst Bredekamp, Kunsthistoriker und Experte für Fußballgeschichte, hat die Rote Karte für Zinedine Zidane im Finale der Fußballweltmeisterschaft bedauert und den Spieler als "Menschen mit eigener Aura" gewürdigt. In Zidanes Tätlichkeit liege etwas Selbstzerstörerisches, sagte Bredekamp. Da es Zidanes letztes Spiel war, könne dies ein Zeichen sein, dass der Spieler die "Größe des Moments" nicht ertragen habe.

Wuttke: Herr Bredekamp ist Professor für Kunstgeschichte in Berlin, bekommt dieser Tage den Max-Planck-Forschungspreis, ist also ein vielbeschäftigter Mann, der trotzdem alle WM-Spiele gesehen hat, nicht nur, weil er selbst Fußball spielt, sondern die Kunst mit dem Ball auch wissenschaftlich begleitet. Guten Morgen Herr Bredekamp!

Bredekamp: Guten Morgen!

Wuttke: Die Brasilianer entzauberten sich durch Arroganz, Zidane durch Wut.

Bredekamp: Das ist sehr schwer zu erklären, was ihn motiviert hat oder ob ihn überhaupt etwas bewusst motiviert hat. Die Handlung war in dem Anlauf, es waren ja mehrere Schritte, schien sehr bewusst, aber dass hier eine wirklich klare Handlung, die ihn rational geleitet hat, vollzogen wurde, ist schwer denkbar. Es gibt viele Theorien, es liegt ein Schatten über diesem letzten Moment des vielleicht größten Fußballers der letzten zehn Jahre.

ch habe mir gedacht, ob es die Enttäuschung über die 103. Minute war, in der wie ein Bild dieser große Fußballer in der Luft stand geradezu und der Kopfball dann in einer grandiosen Parade gehalten wurde, diese Enttäuschung mit möglicherweise einer tiefen Beleidigung, aber auch als drittes Motiv vielleicht eine unbewusste Reaktion gegen die Erhabenheit des Augenblicks im Moment des Abtrittes, wie eine Art Selbstzerstörung vor diesem großen Moment. Also vordergründig eine tiefe Beleidigung, dann eine Enttäuschung und vielleicht die Angst vor dem Augenblick.

Wuttke: Sie meinen also, er hätte es nicht geschafft, die Fassung zu bewahren vor diesem Abgang, wenn es ihm möglich gewesen wäre, sich zu kontrollieren, auf diesem Platz weiter zu spielen und vielleicht dann mit der französischen Mannschaft auch zu gewinnen?

Bredekamp: Also das geht in Richtung Tiefenpsychologie, in Richtung des Freudschen Todestriebes sozusagen. Man wird das nicht ergründen können, es wird auch er nicht ergründen können, aber etwas Selbstzerstörerisches liegt natürlich in diesem Moment, und diese Art der psychologischen Selbstzerstörung kann auch damit zusammenhängen, dass man die Größe eines Momentes nicht erträgt.

Wuttke: Sie haben gesagt, Zidane war für Sie einer der größten, vielleicht der größte Fußballspieler der vergangenen zehn Jahre. Was macht das für Sie aus, diese Größe, diese auch Erhabenheit im Spiel?

Bredekamp: Breitner hat ihn nach dem Ereignis unflätig behandelt, wie ich fand, als einen Menschen im Grunde ohne Charakter die ganze Karriere über. Ich habe das als eine schwere Entgleisung empfunden. Zidane hat sich dadurch ausgezeichnet, dass er immer in einer eigenen Aura gespielt hat, wie ein Mönch, unangetastet von allem drum herum, von dem Bellyhoo, ein tief ernster, in sich gekehrter Mensch, der auch auf dem Platz diese Verkapselung gleichsam in der eigenen Leistungsbereitschaft, in seiner tiefen Ruhe gezeigt hat. Er hat auch Foul gespielt, das macht jeder Fußballer, aber das hat für mich seine Größe ausgemacht, nicht nur die Spielintelligenz, seine Athletik, sondern diese tiefe innere Aura, die er geradezu asketisch, mönchisch über ein Jahrzehnt mindestens auf den Fußballplätzen vorgeführt hat.

Wuttke: Diese Spielintelligenz, von der Sie sprechen, Herr Bredekamp, man hatte auch gerade gestern wieder den Eindruck, dass Zidane eigentlich, solange er auf dem Platz war, das Hirn der französischen Mannschaft war. Er war an den Stellen immer präsent, er hat die Bälle gekriegt, war, wo sonst keiner stand, er hat verwandelt, was sonst im Aus gelandet wäre, als wäre er die entscheidende Schaltstelle für eine Mannschaft, um sie zusammenzuhalten und auch zu strukturieren.

Bredekamp: Ja, das gibt es, und es ist sehr schwer erklärbar, und das gibt es durch die gesamte Geschichte. Ich habe eine Geschichte des italienischen Fußballs seit dem 15. Jahrhundert geschrieben, und immer wieder tauchen Personen auf oder Situationen, in denen Einzelne, wie gesagt, diese Art Aura haben, in denen sie das gesamte Spiel, auch Personen, die weit entfernt sind, durch ihre Präsenz definieren und bestimmen. Es gibt sehr wenige Spieler, unter den deutschen waren es natürlich Beckenbauer, der Kaiser auch aus diesem Grund, aber Bernd Schuster, solange er für Deutschland gespielt hat, vergessen im Grunde, er hat nur wenige Spiele für Deutschland gemacht. Ich habe das erlebt, eine Art unsichtbare, wie an Fäden den Ball und die Mitspieler, aber auch die Gegner bestimmende Erscheinung. Das hat Zidane vermutlich wie keiner der Brasilianer, die so natürlich hochgelobt waren vor der WM, geleistet und geschafft, und deswegen ist wohl die Welt so tief erschüttert worden durch diesen Abgang gestern Abend.

Wuttke: Sie haben es schon erwähnt, Sie haben sich in einem Ihrer Bücher mit dem Fußball unter den Medici beschäftigt, mit den Verflechtungen zwischen Spielstrategie und Herrschaftsgefüge. Wenn die italienische Mannschaft, also der neue Weltmeister, in Rom landet, dann gibt es vielleicht schon das Urteil gegen Juventus Turin und den Abgang in die dritte Liga. Wie korrespondiert für Sie das eine mit dem anderen?

Bredekamp: Ja, wie Zidane - es zeigt sich, dass ein großes Fest, eine große Essenz, ein Wesen das Menschsein berührt und dass diese Feier, das Fest immer in den Ritzen gleichsam etwas anderes hervorscheinen sieht, wie bei Zidane, wie eine Maske, wo sich ein Riss plötzlich öffnet und etwas Gegenteiliges erscheinen lässt, so auch die italienische Mannschaft. Sie hat über fünf Wochen, vier Wochen vorgeführt, was die Italiener mit dem Begriff der Dissimulatione Honesta, der "ehrlichen Verhüllung" seit dem 16. Jahrhundert bestimmt haben, seit Machiavelli eigentlich, im Sinne einer Leistung auch der Staatsräson unehrlich ehrlich zu sein. Also sie haben das ganze Übel, das in ihnen steckt, es gab einen Selbstmordversuch eines ihrer Mannschaftskollegen in dieser Zeit, haben sie perfekt überspielt, und das ist eine der Kulturleistungen, die in Italien kultiviert worden ist.

Insofern sind strukturell dieser Riss des Bildes von Zidane und die italienische Mannschaft, die vermutlich heute Nachmittag oder morgen mit einem Elend konfrontiert werden wird, das in ihrem Unterbewusstsein immer gesteckt hat, sind zwei Seiten einer selben Medaille. Die Maske und die Essenz, eine andere Seite, eine schwarze Seite, die über Zeiten verdeckt wird, die aber da ist.

Wuttke: Wird denn dieses Urteil nicht aber diese Maske zumindest aufreißen, vielleicht sogar ganz abreißen?

Bredekamp: Ja, das wird so geschehen. Ich habe jetzt nur beschrieben die Art, wie Italien gespielt hat, im Sinne dieser Dissimulatione Honesta, der ehrlichen Verhüllung, das eine spezifisch italienische Kulturtechnik ist und auch äußerst erfolgreich. Man muss das völlig neutral sehen, man kann das konservativ mit dem Begriff der Haltung auch bezeichnen, also sehr positiv besetzt. Die italienische Mannschaft hat, wenn man das ironisch nimmt, Haltung gezeigt.

Wuttke: So könnte man das interpretieren, allerdings ist das eine sehr eigenwillige Interpretation.

Bredekamp: Na ja, ich meine das neutral, als psychologische Leistung. Jeder hat gesagt, die italienische Mannschaft, wenn sie Glück hat, wird über die Vorrunde herauskommen, dann ist Schluss, die Belastung ist zu groß. Sie hat genau diese Belastung umgekehrt in eine ungeheure rationale und zugleich auch inspirierte Spielweise, die ihr niemand zugetraut hat, und diese Sphäre wird sie mit einem gewissen Schutz umgeben, wenn sie jetzt zurückkommt, aber vermutlich wird die Justiz genau, um ein Zeichen zu setzen, sich darum auch nicht kümmern. Also das wird sehr, sehr interessant sein zu sehen, ob es sozusagen einen juristischen Tribut für den Helden gibt.

Wuttke: Sie glauben, es wird einen Tribut geben, mit welcher Konsequenz dann für die vier Jahre, in denen Italien diesen Weltmeistertitel tragen darf?

Bredekamp: Ja, das ist sehr schwer vorherzusagen. Italien hat sich in dem gesonnt oder hat sich auch selbst angeklagt, immer ein Meister der Verdrängung gewesen, und es ist zu vermuten, dass genau diese Kultur der Verdrängung am Beispiel auch und gerade der Weltmeister zerschnitten werden soll, durchtrennt werden soll und die Politik der reinen Hände, die ja vor Jahren gescheitert war, neu aufgelegt werden soll am Beispiel des Fußballs. Insofern mag es sein, dass auch und gerade am Fußball, so wie es im positiven Sinne bei uns geschehen ist, auch Italien eher ein Zeichen setzt für eine Gesamtpolitik, für eine Gesamtbefindlichkeit, vielleicht eine kommende Kultur. Dem steht entgegen ein sehr populäres Bedürfnis nach Entlastung des Helden, also Nichtbestrafung des Helden, und wie diese beiden Motive in der Konkurrenz dann entschieden werden, das wird sehr, sehr interessant sein, und das wird sich in den nächsten Tagen und Wochen erstmals dann entscheiden.

Wuttke: Vielen Dank für das Gespräch.

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